Mittwoch, 26. November 2014
Montag, 17. November 2014
Sterben hat seine Zeit
Früher gab es Rituale für das Sterben, früher war das Sterben Teil des Lebens. Jetzt findet es so abgesondert statt, dass im alltäglichen Leben davon nichts mehr sichtbar wird, Sterben - ein unbekannter Kontinent...
In der Schule bekomme ich konferenzfrei. In der Pause sagt eine Kollegin: Ich habe gehört, deiner Mutter geht es nicht gut. Ich sage: Sie stirbt. Und die Kollegin antwortet: Das hast du vor vierzehn Tagen auch schon gesagt. Alle scheinen zu glauben, das Sterben sei auf einen Moment reduziert, auf den Moment des Todes, und vorher sei alles unbedeutend.
Was ich jetzt erfahre: Das Sterben kann ein Weg sein, und immer mehr wünsche ich, der Tod wäre nur ein Durchgang auf diesem Weg hinaus...
Sonntag 23. November 2014 - 18:00 Uhr
Birgit
Heiderich liest
aus ihrem Roman
"Sterben
hat seine Zeit"
In
ihrem Roman "Sterben hat seine Zeit" setzt sich Birgit
Heiderich mit dem Sterben der Mutter aus Sicht der Tochter
auseinander. Sie wagt es, den Blick nicht abzuwenden, nichts zu
verschleiern, was zu zeigen, zu hören, zu sehen und zu ertragen ist,
wenn ein Mensch - und eine Mutter dazu - langsam stirbt.
"Das
ist ein wunderbares Buch!
Alles
mit dem Körper geschrieben. So wurde das Sterben
noch
nie buchstabiert. Das kann nur die Liebe"
Martin
Walser
Birgit
Heiderich studierte Pädagogik, Theologie und Philosophie und war
Mitglied der legendären Tübinger "Gruppe 547" um Walter
Jens. Sie lebt in Freiburg.
Sonntag, 9. November 2014
Und wir in der Mitte durch
25. Jahre Mauerfall
Dazu einige Auszüge aus der Kurzgeschichte Verheißung
Was der Osten war
Ich hatte Freunde. Wir
trafen uns in derselben Kirche, obwohl wir in der ganzen Stadt
verteilt wohnten. Bald wohnten wir gemeinsam, getrennt, gemeinsam.
Wir lasen alle Bücher gemeinsam, getrennt, gemeinsam. Die verbotenen
Bücher machten in unserem Freundeskreis die Runde. Alle lasen den
Zarathustra und 1984 lasen alle Orwells 1984. Danach
fühlten wir uns nicht mehr sicher in der Stadt. Also zogen wir aufs
Land und schafften zunächst mal Hühner an. Es gab kaltes Wasser auf
dem Hof, das wir in eine weiße Emailleschüssel pumpten und auf den
Herd stellten, um es anzuwärmen. Wenn wir beim Abwaschen noch zwei
Schüsseln dazustellten, dachte ich an meine Oma. Aber nur kurz.
Niemand von uns hatte an Gummihandschuhe und Ärmelschoner gedacht.
Man wollte lieber Gitarre spielen, diskutieren und den Staat im
Staate gründen. Fern ab von der Staatssicherheit. Unsere Ausweise
wollten wir dem Staat schenken. Irgendwann.
Es gab eine
Gemeinschaftsbibliothek und genaue Absprachen darüber, wer wann
welches Buch aus dem Westen besorgen könnte. Eines Tages sagte mein
Freund, die wissen von unserer Bibliothek, einer von uns hat uns
verraten. Dem Osten konnte man nicht entkommen. Er war überall in
diesem Land. Wir beschlossen das Landleben aufzugeben. Wer nicht
Musik machen wollte, begann schließlich Theologie zu studieren.
1986 legte sich meine
Westoma in ihrem Seniorenheimzimmer ins Bett, um nicht mehr
aufzustehen. Für eine Übersiedlung war es lange schon zu spät. Sie
sei zu verwirrt gewesen. Mein Vater erhielt keine Reiseerlaubnis, um
sich an das Bett seiner Mutter setzen zu können. Erst als man ihr
Bett in Sterbebett umbenannte, durfte er über die Grenze und
sogar an dieses Sterbebett treten, ihre nackte Hand umschließen bis
der Tod sie ihm für immer entzog. Er stand verwaist und kinderlos
auf der Beerdigung seiner Mutter, denn wir hatten keine
Reiseerlaubnis erhalten. Erst später, als mein Vater zurück war,
bekamen wir sie. Ich staunte, was meine Westoma nach ihrem Tode noch
alles durchsetzen konnte. Wir durften rüber. Eine nach der andern.
Ich hatte verstanden.
Rechts die Mauer, links
die Mauer und ich in der Mitte durch.
Die Luft im Westen war
anders, selbst in Hannover. Ich lief dort tagsüber durch die Museen,
Buchhandlungen und Antiquariate, und nachts ging ich ins Kino oder
hockte mit meinen neuen Freunden in Kneipen. Meine neuen Freunde
waren Buchhändler und Museumswärter, Kellner oder Studenten, die
mir ihre Telefonnummer gaben oder ein Essen in der Mensa spendierten.
Ich konnte die Seife meiner Oma an ihren Händen riechen, während
sie versuchten mir die Augen zu öffnen.
Die Universität in
Hannover war sehr schön. Noch nie hatte ich eine solche Universität
gesehen. Sie erinnerte mich an die EWU, die Einzig-Wahre-Universität,
die wir im Osten immer gründen wollten. Irgendwann. Im Westen gab es
nicht nur zwei Studienfächer, Theologie und die andern. Man konnte
alles studieren. Man konnte ein richtiges Philosophiestudium
aufnehmen. Man konnte alle Bibliotheksbücher entleihen. Ich nahm
eine andere Haltung an und atmete tief durch. Frei, dachte ich, hier
wäre man wirklich frei. Aber, wem würde ich die neuen Bücher
zeigen, mit wem würde ich die Bücher lesen. Gemeinsam, getrennt und
gemeinsam. Ich fühlte mich noch nicht reif für eine eigene
Bibliothek. Ein eigenes Kapital. Plötzlich sehnte ich mich nach
meinen alten Freunden. Und die Tante rief, das ist doch kein Hotel
hier. Ich musste ihr recht geben.
Berlin. Drei Jahre
später. Links die Mauer, rechts die Mauer und wir alle in der Mitte
durch.
Was der Westen
ist
Der Westen ist hier
beinahe allgegenwärtig, und wir geben so ziemlich alles, um dieser
Tatsache gerecht zu werden. Dafür ziehen wir durchs Land, dafür
arbeiten wir, wo andere Urlaub machen. Ich habe jetzt eine eigene
Bibliothek, einen eigenen Mann und ein eigenes Kind. Und die eine
oder andere Seife erinnert mich noch an den verheißungsvollen
Geruch, der dem geöffneten Koffer meiner Oma Sommer für Sommer
entstieg.
Was der Osten ist
Der Osten ist jetzt nur
noch eine Himmelsrichtung.
aus: Manuela Fuelle, Verheißung, in: Adieu. Geschichten von Abschied und Aufbruch, Hg. von Arnd Brummer, edition chrismon 2014.
Sonntag, 2. November 2014
Noch lieber als Romane schreiben
Anders Lagerlöf sagt (und das hat er wohl irgendwo gelesen), wenn man diesen Dom betritt, fühlt man gleich, daß die, die ihn einst am Ende des zwölften Jahrhunderts bauten, durch aus nicht an die Mühe oder die Kosten gedacht haben, sondern nur daran, ein Haus zu bauen, würdig, daß Gott dort wohnt. Und als Anders das sagte, war mir genauso, als fühlte ich Gottes Gegenwart. Er schwebte oben im Gewölbe und sah auf uns herunter, obgleich wir ihn nicht sehen konnten.
Ich bin noch niemals in eine Kirche getreten, wo man Gottes Gegenwart so deutlich fühlt; aber dieses ist auch die erste Kathedrale, die ich gesehen habe. (Kathedrale ist ein schönes Wort).
Es war ein Samstagvormittag, und so war kein Gottesdienst. Außer uns fünf und dem Kirchendiener, der uns herumführte, war die Kirche vollkommen leer, aber es war sehr feierlich. Ich hätte da drinnen ganz ruhig stehen bleiben und nur immer an Gott denken mögen.
Anders erzählte mir, wie es früher war, wenn eine Kirche erbaut wurde. Große Abteilungen von Arbeitern haben da gemauert und Steine zugehauen, wohl zwanzig Jahre lang, ja gar fünfzig und hundert Jahre lang, ehe das Gotteshaus fertig war. Und er sagte, man kann jetzt keine schönen Kirchen mehr bauen, weil alle Menschen es so eilig haben und ihre arbeit nicht mehr mit derselben Liebe ausführen, wie das früher der Fall war. Darin hat Anders gewiß recht, und im stillen dachte ich, die Menschen müssen sehr glücklich gewesen sein, die ihr ganzes Leben lang an einer Kathedrale bauen durften. Ich glaube, das würde ich noch lieber tun als Romane schreiben.
aus: Selma Lagerlöf, Das Tagebuch der Selma Lagerlöf.
Samstag, 4. Oktober 2014
Montag, 29. September 2014
Du gleichst einem Garten
Erntedank und die wahre Frömmigkeit - den Feiertag heiligen + Barmherzigkeit üben
Jesaja 58, 7-14 ... an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.
Jesaja 58, 7-14 ... an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen.
8 Dann
wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte und deine Wunden
werden schnell vernarben. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die
Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach.
9 Wenn
du dann rufst, wird der Herr dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe
schreist, wird er sagen: Hier bin ich. Wenn du der Unterdrückung bei dir
ein Ende machst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand
verleumdest,
10 dem
Hungrigen dein Brot reichst und den Darbenden satt machst, dann geht im
Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag.1
11 Der
Herr wird dich immer führen, auch im dürren Land macht er dich satt und
stärkt deine Glieder. Du gleichst einem bewässerten Garten, einer
Quelle, deren Wasser niemals versiegt.
12 Deine
Leute bauen die uralten Trümmerstätten wieder auf, die Grundmauern aus
der Zeit vergangener Generationen stellst du wieder her. Man nennt dich
den Maurer, der die Risse ausbessert, den, der die Ruinen wieder
bewohnbar macht.2
13 Wenn
du am Sabbat nicht aus dem Haus gehst und an meinem heiligen Tag keine
Geschäfte machst, wenn du den Sabbat (den Tag der) Wonne nennst, einen
Ehrentag den heiligen Tag des Herrn, wenn du ihn ehrst, indem du keine
Gänge machst, keine Geschäfte betreibst und keine Verhandlungen führst,3
14 dann
wirst du am Herrn deine Wonne haben, dann lasse ich dich über die Höhen
der Erde dahinfahren und das Erbe deines Vaters Jakob genießen. Ja, der
Mund des Herrn hat gesprochen.
Donnerstag, 18. September 2014
Montag, 15. September 2014
Bitte nie um Liebe
Jennifer Clement: Gebete für die Vermissten
Ladydi ist fünfzehn und die Welt, von der sie uns erzählt,
erinnert den europäischen Leser womöglich an albtraumhafte Horrorszenarien oder
gar Science-Fiction: Frauen, die ihr Leben völlig schutzlos in vergessenen
Bergdörfern fristen, die vergeblich versuchen ihre Töchtersöhne vor den
ständigen Invasionen der Gewalt zu retten. Ein Überleben im Versteck, ein Leben
im Ausnahmezustand und doch ist der Horror Realität, keine Zukunftsvision.
Man hat schon von mexikanischen Drogen- und Mädchenhandel
gehört, aber hier folgen wir einer Beschreibung, die unter die Haut geht.
Ladydi, ein als Junge verkleidetes Mädchen, lebt mit ihrer
Mutter allein. Ihre Mutter ist eine verlassene Ehefrau wie die meisten Frauen
des Dorfes, denn die Männer versuchen ihr Glück in den Städten oder sind längst
ausgewandert. Die beiden sind absolut schutz- , aber nicht wehrlos. Das ist es,
was dem Roman die eigentliche Erzählspannung gibt, die sehr speziellen Formen
des Widerstands dieser Frauen. Zunächst einmal träumt Ladydi von einem anderen
Leben und ihre Mutter trinkt, aber dabei kann es durch das, was den beiden
zustößt nicht bleiben. Da die lauernde und immer wieder ausbrechende Gewalt
eher Naturereignissen gleicht mit denen man sich irgendwie arrangieren muss,
könnten sie um die Hilfe eines allmächtigen Gottes bitten. Verspricht das nicht
der Titel? Aber scheinbar ist ihnen selbst diese letzte Möglichkeit verwehrt.
Die Mutter lehrt ihre Tochter vor allem eines: Bitte nie um Liebe oder Gesundheit...
Oder Geld. Wenn Gott hört, was du willst, gibt er es dir nicht. Garantiert. Und
so bittet Ladydi um Wolken und Pyjamas und Glühbirnen und als der Vater und
Ehemann die beiden verlässt, bitten sie gemeinsam um Löffel. Eine absurde Welt
fordert ihr Recht.
Auch Paula, die beste Freundin Ladydis wird eines Tages
entführt, verschwindet und das Leben im Ausnahmezustand geht weiter.
Normalerweise tauchen entführte Mädchen nicht wieder auf. Doch Paula kommt
zurück. Verstummt. Ein Geheimnis umgibt sie. Der Cousin Ladydis, ein hübscher
Dummkopf und bald auch Dealer, versucht es zu enträtseln. Wenn es keinen
gnädigen Gott gibt, dann setzt man auf Rache. Auch die Mutter Ladydis sagte,
sie glaube an Rache. Und dieser Härte sieht sich selbst die Tochter ausgesetzt.
Ich wusste, sie würde mir nichts verzeihen, gleichzeitig lernte ich selbst
auch, nicht zu verzeihen. Deshalb ging sie auch nicht mehr in die Kirche, sagte
sie, obwohl sie manche Heilige verehrte, aber dieses ganze Vergebungstheater
gefiel ihr nicht. Ich weiß, dass sie einen Großteil des Tages darüber
nachdachte, was sie mit meinem Vater anstellen würde, falls er je zurückkäme. Damit
werden alle zur potentiellen Bedrohung, alle und alles wird in einen Strudel
krimineller Energie gezogen. Diese brutale Welt des Misstrauens und der Sucht
nach Vergeltung ist die Hölle. Welche Chance hätte da ein fünzehnjähriges
Mädchen. Welche Möglichkeiten gibt es denn, sich so einer Welt überhaupt zu
entziehen?
Der Leser dieses Romans wird völlig in den Sog der Handlung,
aber auch der wirklich gelungenen Dialoge und Gedankenläufe gezogen und taucht erst am Ende atemholend wieder
auf. Ich werde hier nicht alles erzählen, den Inhalt jedes Kapitels
nacherzählen, um Ihnen diese Spannung zu ersparen. Ich werde Ihnen aber
empfehlen, in dieses Buch ein- und abzutauchen.
Jennifer Clement, Gebete für die Vermissten, Suhrkamp Verlag 2014
Jennifer Clement, 1960 in Connecticut geboren, wuchs in Mexiko-Stadt auf, studierte in New York und Paris Literaturwissenschaft und hat Lyrik und zwei Romane veröffentlicht. Für Gebete für die Vermissten recherchierte sie über zehn Jahre lang in der mexikanischen Provinz und führte Hunderte Interviews mit vom Drogenkrieg betroffenen Mädchen und Frauen.
Situation in Mexiko (der Buchseite des Verlages entnommen):
Jennifer Clement, 1960 in Connecticut geboren, wuchs in Mexiko-Stadt auf, studierte in New York und Paris Literaturwissenschaft und hat Lyrik und zwei Romane veröffentlicht. Für Gebete für die Vermissten recherchierte sie über zehn Jahre lang in der mexikanischen Provinz und führte Hunderte Interviews mit vom Drogenkrieg betroffenen Mädchen und Frauen.
Situation in Mexiko (der Buchseite des Verlages entnommen):
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Montag, 1. September 2014
Weltereignis oder Himmelstheater
1414-1418 fand das Konstanzer Konzil statt. Hauptziel
dieser Kirchenversammlung war es, das Abendländische Schisma zu beenden, aber nicht nur.
Vielmehr feiere ein Weltereignis Geburtstag. Von 2014-2018 wird
nun am Bodensee ausgiebig gefeiert: Ausstellungen, Gottesdienste und
Theateraufführung erinnern an
eine bewegte Zeit, die vor Verurteilung und Hinrichtung nicht
zurückschreckte. Jan Hus und Hieronymus von Prag starben als Ketzer,
weil die Kirche sich nicht auf Reformen einlassen wollte. Machtwille,
Intrigen und viele gute Absichten führten zu diesem Scheitern. Daneben: gute Beobachter und viel Volk,
Händler und Statisten. Nicht einfach über dieses Konzil zu schreiben,
ein Theaterstück aus diesem Gewirr von Politik, Träumen und Schuld zu
dichten. Wie könnte man anfangen? Wie und womit enden? Zwei Autoren haben sich
dieser Herausforderung gestellt und lesen demnächst aus ihrem Stück:
FREIBURGER ANDRUCK am 17.09.-20:00 Uhr
KARL-HEINZ OTT UND THERESIA WALSER:
KONSTANZ AM MEER. EIN HIMMELSTHEATER
KONSTANZ AM MEER. EIN HIMMELSTHEATER
"Konstanz 1414. Hintz und Kuntz stehen seit Stunden am Ufer
des Bodensees und warten auf das Schiff des Königs das, längst überfällig, im
Nebel des Sees nicht auftaucht. Und als der König mit seiner Frau schließlich
Konstanz erreicht, müssen nicht nur die stürmischen Wogen der Ehe geglättet
werden, sondern auch die zwischen den am Konzil teilnehmenden Ländern. Auch der
Papst bleibt davon nicht ausgenommen – und außerdem gibt es da noch dieses
brennende Problem mit Jan Hus! Im warmen Wirtshaus macht sich währenddessen
Martha Haefelin Hoffnung, vom Treiben des Konzils zu profitieren. Eine
Schiffsflotte will sie aufbauen, die von Konstanz bis zum fernen Meer Handel
treibt. Konstanz am Meer, diese „intelligent-hintersinnige
Gemeinschaftsarbeit“, wie Bettina Schulte in der Badischen Zeitung schreibt,
entstand als Auftragswerk zum 600ten Jubiläum des Konstanzer Konzils. Der
Theatertext wird vom Autorenduo gelesen". (Ankündigungstext Literaturbüro Freiburg)
Mehr Infos auf www.literaturbuero-freiburg.de
KUNTZ Man hat mir Rede versprochen.
SELMA Bald ist's so weit, am Ende ist dann jeder
sich sein eigener Herr, ein jeder macht sich seinen
eigenen Himmel, sein eignes Paradies, seine eigene
Hölle und einen Gott, den jeder sich zusammenbastelt,
wie's ihm grade passt.
HINZ Man hat mir Rede versprochen.
KUNTZ Du redest doch die ganze Zeit!
aus: Theresia Walser, Karl-Heinz Ott, Konstanz am Meer. Ein Himmelstheater, Klöpfer&Meyer Verlag, 2014, S. 99.
Mittwoch, 13. August 2014
Literatheo wünscht einen guten Urlaub!
Oder vom Atemholen der Liebe!
Viele von uns werden im Urlaub zu großen und kleinen Wanderern, manche pilgern, einige pilgern nach Lourdes, spüren dem Leben und Sehen eines kleinen Bauernmädchens nach, die heute eine große Heilige ist. O Wunder. Wir brauchen viele Zeichen und Wunder, aber wir brauchen auch Urlaub vom Wunder. Franz Werfel bringt es in seinem Roman Das Lied von Bernadette auf den Punkt:
Die Seligkeit Bernadettes ist vollkommen. Gerade durch den Urlaub, den die Dame sich nimmt und ihr gibt, kommt eine Ruhe über sie, die nichts anderes ist als die betrachtende Stetigkeit der erfüllten Freude. Die große Doppelwoche hat an Bernadettens Kräften gezehrt. Es ist klar, daß die Dame ihr eine Pause vergönnt, in der sie sich sammeln, in der sie die Ernte dieser Tage bergen kann. Gut ist diese Pause, fühlt Bernadette. Die Dame hat auswärts zu tun. Gewiß ist auch sie müde von dem vielen Erscheinen. Es gibt Trennungen, die selbst die Trautliebenden begrüßen, weil sie ein Atemholen der Liebe sind.
Franz Werfel, Das Lied von Bernadette, Fischer Verlag, 1998.
Dienstag, 22. Juli 2014
Licht des Schauens
Im Buch der Mystik von Balzac - auf das ich ehrlich gesagt am neugierigsten war - finden wir folgende Bücher: Seraphita (kaum mehr lesbar), Jesus Christus in Flandern (gut lesbar und noch immer aktuell) und Louis Lambert das aus einer Vielzahl von Gründen interessanteste unter ihnen.
Ich konnte es selber kaum fassen, aber tatsächlich hat sich Balzac in den 1830er Jahren mit Mesmerismus, Mystik und vielen religiösen Fragen beschäftigt. Außerdem hat sich Balzac in seinem Protagonisten Louis Lambert zum Teil selbst porträtiert. Wir treffen auf einen introvertierten genialen Jungen, der den Härten des Internatslebens kaum gewachsen scheint. Er wird weder von seinen Lehrern noch Mitschülern verstanden. Immer stärker flieht er in seine innere, seine Gedanken- und Ideenwelt. Die Schriften des Mystikers Svedenborg inspirieren ihn zu ausufernden Geistreisen und Spekulationen. Wie es mit ihm nach dem Internat weitergeht? Wie es endet? Ob er die reiche Jüdin Pauline heiraten wird oder nicht? Finden Sie es heraus. Ich muss hier ein bisschen beim Thema bleiben und fische lediglich ein paar Zitate für Sie heraus:
XVI.
Die Gabe des Schauens besteht darin, die Dinge der materiellen Welt ebenso gut wie diejenigen der geistigen Welt in ihren ursprünglichen und ihren in der Folge abgewandelten Arten zu sehen. Die schönsten menschlichen Genien sind diejenigen, die von den Dunkelheiten des Abstrakten ausgegangen sind, um zum Licht des Schauens zu gelangen (species, schauen, nachsinnen, alles sehen und auf einmal; speculum, Spiegel oder Mittel , eine Sache zu begreifen indem man sie ganz sieht). Jesus war ein Seher, er sah das Geschehene in seinen Wurzeln und in seinen Früchten, in der Vergangenheit, die es hervorgebracht, in der Gegenwart, in der es sich darstellt, in der Zukunft, in der es sich entfaltet. Sein Schauen durchdrang die Einsicht des Anderen. Die Vollkommenheit des inneren Schauens erzeugt die Sehergabe. Das "Sehen" bringt die Intuition mit sich. Die Intuition ist eine der Gaben des "inneren Menschen ".
Die Sehergabe ist naturgemäß der vollkommenste Ausdruck des Menschen, der Ring, der die sichtbare Welt mit der höheren verbindet: der schauende Mensch handelt, sieht und fühlt durch sein Inneres. Der abstrakte Mensch denkt, der Instinktive handelt.
XX.
Es gibt drei Welten: die natürliche, die geistige, die göttliche. .. Es gibt daher einen materiellen, einen geistigen, einen göttlichen Kult; drei Formen, die sich durch das Handeln, das Wort, das Gebet auswirken, oder anders ausgedrückt: durch die Tatsachen, den Verstand und die Liebe. Der Instinktive will Tatsachen, der Abstrakte beschäftigt sich mit den Ideen, der Seher sieht das Ende, strebt Gott zu, den er vorempfindet oder betrachtet.
Mittwoch, 16. Juli 2014
Als eine Wiesen Blum
Heute vor 350 Jahren oder heute ..."Was sind wir Menschen doch! Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen."
(Andreas Gryphius, Es ist alles eitel)
Der schlesische Dichter Andreas Gryphius gehört zu den
wichtigsten Barockdichtern deutscher Sprache. Er thematisierte in
seiner Lyrik das Leid und die existenzielle Verunsicherung der Menschen
während des Dreißigjährigen Kriegs.
Du sihst / wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden.
Was dieser heute baut / reist jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn / wird eine Wiesen seyn /
Auff der ein Schäfers-Kind wird spielen mit den Herden.
Was itzund prächtig blüht / sol bald zutretten werden.
Was itzt so pocht vnd trotzt ist morgen Asch vnd Bein /
Nichts ist / das ewig sey / kein Ertz / kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück vns an / bald donnern die Beschwerden.
Der hohen Thaten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit / der leichte Mensch bestehn?
Ach! was ist alles diß / was wir vor köstlich achten /
Als schlechte Nichtigkeit / als Schatten / Staub vnd Wind;
Als eine Wiesen-Blum / die man nicht wider find’t.
Noch wil was ewig ist kein einig Mensch betrachten!
Was dieser heute baut / reist jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn / wird eine Wiesen seyn /
Auff der ein Schäfers-Kind wird spielen mit den Herden.
Was itzund prächtig blüht / sol bald zutretten werden.
Was itzt so pocht vnd trotzt ist morgen Asch vnd Bein /
Nichts ist / das ewig sey / kein Ertz / kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück vns an / bald donnern die Beschwerden.
Der hohen Thaten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit / der leichte Mensch bestehn?
Ach! was ist alles diß / was wir vor köstlich achten /
Als schlechte Nichtigkeit / als Schatten / Staub vnd Wind;
Als eine Wiesen-Blum / die man nicht wider find’t.
Noch wil was ewig ist kein einig Mensch betrachten!
(Andreas Gryphius, Es ist alles eitel)
Samstag, 5. Juli 2014
METEORA
Letzte Woche gesehen. Der Film erzählt wenig bis nichts. Die Geschichte der verbotenen Liebe zwischen einem Mönch und einer Nonne bleibt fragmentarisch und wirkt wie ein Vorwand. Alles Gesagte bleibt Andeutung und kehrt eilig zurück ins Schweigen. Bewusst. Der Film ist ein Gedicht. Jedes Bild ist sorgfältig gewält und erhält den Raum, den es benötigt. Aus der Stille der Klöster steigen diese Bilder, die weiter nichts tun als den Psalm 23 als Liebesgedicht aufsagen.
Psalm 23
Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf
einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine
Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon
wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein
Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor
mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und
schenkest mir voll ein.
Gutes und
Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im
Hause des HERRN immerdar.
Montag, 30. Juni 2014
Zeichen der Liebe
AUGUSTINUS
CONFESSIONES 4,8,13
Mit einander reden und lachen,
sich gegenseitig Gefälligkeiten erweisen,
zusammen schöne Bücher lesen,
sich necken,
dabei aber auch einander
Achtung erweisen,
mitunter sich auch streiten
– ohne Hass,
wie man es auch mit sich tut,
manchmal auch in den Meinungen
auseinandergehen
und damit die Eintracht würzen,
einander belehren
und von einander lernen,
die Abwesenden schmerzlich vermissen
und die Ankommenden freudig begrüßen
– lauter Zeichen der Liebe und
Gegenliebe,
die aus dem Herzen kommen,
sich äußern in Miene, Wort
und tausend freundlichen Gesten,
und wie Zündstoff den Geist
in Gemeinsamkeit entflammen,
so dass aus Vielheit Einheit wird.
Sonntag, 22. Juni 2014
Höflichkeitskatechismus
Der gute alte Goethe soll wieder schuld sein, und zwar diesmal daran, dass Balzac im deutschen Sprachraum ein bekannter Unbekannter ist (vgl. Willms, Balzac Biographie, die mich auf einer sehr schönen Südfrankreich-Reise gut unterhalten hat.) Aber selbst wenn es so wäre - und wir sogar einen Sündenbock haben - muss dies ja nicht für immer gelten.
Um sogleich mit gutem Beispiel voran zu eilen, folgen nun Sätze des Meisters: Mademoiselle Cormon sah es als eine ihrer Pflichten an, zu reden; nicht daß sie schwatzhaft gewesen wäre, sie war unglücklicherweise zu beschränkt und kannte zuwenig Redensarten, um ein Gespräch führen zu können; aber sie glaubte damit eine von der Religion vorgeschriebene soziale Pflicht zu erfüllen, die uns auferlegt, sich seinen Mitmenschen angenehm zu machen. Diese Verpflichtung kostete sie soviel Anstrengung, daß sie über diesen Punkt des Höflichkeitskatechismus ihren religiösen Beistand, den Abbé Couturier, befragt hatte. Trotz der bescheidenen Bemerkung seines Beichtkindes, daß sich ihr Geist, um etwas Unterhaltendes zu finden, einer schweren inneren Arbeit unterziehen müsse, las ihr der alte Priester, der in Fragen des Verhaltens unerschütterlich war, eine ganze Passage aus dem heiligen Franz von Sales über die Pflichten der Frau der Gesellschaft vor, über die wohlanständige Heiterkeit frommer Christinnen, die sich ihre Strenge für sich selbst aufsparen und sich in ihrem Hause liebenswürdig zeigen sollten, so daß sich ihre Mitmenschen nicht bei ihnen langweilen. Da sie nun ihrem Beichtvater, der ihr das Plaudern zur Pflicht gemacht hatte, um jeden Preis gehorchen wollte, so geriet die Arme in ihrem Korsett in Schweiß, wenn die Unterhaltung erschlaffte, so schwer wurde ihr der Versuch, ihre Gedanken auszudrücken, um die ermatteten Gespräche wieder zu beleben. Sie gab dann seltsame Satzgebilde zum besten, etwa wie das folgende: "Niemand kann an zwei Stellen zugleich sein, wenn er nicht ein Vögelchen ist".
Balzac, Die alte Jungfer, Insel Taschenbuch, S. 85.
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