Kai Weyand erzählt in seinem zweiten Roman Applaus für Bronikowski von einem der auszog, dass Erwachsenwerden zu lernen. Weit kommt er nicht, aber gerade das macht Nies, abgeleitet von Dionysos, so angenehm. Kein Job, keine Freundin, keine großen Träume, nein, auch keine Krise, denn Nies ist einfach nur Nies. Er verweigert die großen Vorhaben von sich aus, aber auch ein wenig aus Protest. So gerät der Held ebenso absichtslos an einen Job im Bestattungsinstitut. Dort lernt er das Leben durch die Toten ein bisschen besser kennen.
Oft kamen NC die toten Körper, die er abholte, auf eigentümliche Art hilflos und bedürftig vor, wenn sie abgemagert, kraftlos und von Krankheit und Gewalteinwirkung gezeichnet vor ihm lagen. Und dann schien es ihm, als hörte er ihre Stimmen und sie baten ihn, sie nicht in diesem Zustand zu bestatten. Und tatsächlich meinte er, dass die Körper noch einmal an Kraft gewannen, wenn er sich ihnen zuwandte und sie versorgte. Es war kein letztes Aufbäumen, denn es gab ja nichts mehr zu kämpfen. Es schien ihm mehr ein letztes Leuchten vor dem endültigen Verglühen zu sein, wie ein Dankeschön oder wie ein Abschiedsgruß kam es ihm vor. Vielleicht an die Seele, dachte NC.
Später heißt es: An der Decke hingen wie auf den Gängen große Neonröhren. NC schaltete das Licht an. Ein Fenster gab es nicht. Auch wenn die Seele kein Fenster braucht, um fortzufliegen, wäre es schön, sie würde eines vorfinden ...
Es gibt viele Gründe dafür, warum man dieses Buch lesen sollte: es ist klug, außergewöhnlich humorvoll und der Tod blickt einem während des Lesens irgendwie freundlich über die Schulter. Mir fiel Franz von Assisi ein, der den Tod bewußt Bruder Tod nannte.
Kai Weyand, Applaus für Bronikowsli, Wallstein Verlag 2015.
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Samstag, 9. Mai 2015
Montag, 17. November 2014
Sterben hat seine Zeit
Früher gab es Rituale für das Sterben, früher war das Sterben Teil des Lebens. Jetzt findet es so abgesondert statt, dass im alltäglichen Leben davon nichts mehr sichtbar wird, Sterben - ein unbekannter Kontinent...
In der Schule bekomme ich konferenzfrei. In der Pause sagt eine Kollegin: Ich habe gehört, deiner Mutter geht es nicht gut. Ich sage: Sie stirbt. Und die Kollegin antwortet: Das hast du vor vierzehn Tagen auch schon gesagt. Alle scheinen zu glauben, das Sterben sei auf einen Moment reduziert, auf den Moment des Todes, und vorher sei alles unbedeutend.
Was ich jetzt erfahre: Das Sterben kann ein Weg sein, und immer mehr wünsche ich, der Tod wäre nur ein Durchgang auf diesem Weg hinaus...
Sonntag 23. November 2014 - 18:00 Uhr
Birgit
Heiderich liest
aus ihrem Roman
"Sterben
hat seine Zeit"
In
ihrem Roman "Sterben hat seine Zeit" setzt sich Birgit
Heiderich mit dem Sterben der Mutter aus Sicht der Tochter
auseinander. Sie wagt es, den Blick nicht abzuwenden, nichts zu
verschleiern, was zu zeigen, zu hören, zu sehen und zu ertragen ist,
wenn ein Mensch - und eine Mutter dazu - langsam stirbt.
"Das
ist ein wunderbares Buch!
Alles
mit dem Körper geschrieben. So wurde das Sterben
noch
nie buchstabiert. Das kann nur die Liebe"
Martin
Walser
Birgit
Heiderich studierte Pädagogik, Theologie und Philosophie und war
Mitglied der legendären Tübinger "Gruppe 547" um Walter
Jens. Sie lebt in Freiburg.
Freitag, 18. April 2014
Um ihretwillen
Rainer Maria Rilke
Denn wir sind nur die Schale und das Blatt
Denn wir sind nur
die Schale und das Blatt.
Der große Tod, den jeder in sich hat,
das ist die Frucht, um die sich alles dreht.
Um ihretwillen heben Mädchen an
und kommen wie ein Baum aus einer Laute,
und Knaben sehnen sich um sie zum Mann;
und Frauen sind den Wachsenden Vertraute
für Ängste, die sonst niemand nehmen kann.
Um ihretwillen bleibt das Angeschaute
wie Ewiges, auch wenn es lang verrann, -
und jeder, welcher bildete und baute,
ward Welt um diese Frucht, und fror und taute
und windete ihr zu und schien sie an.
In sie ist eingegangen alle Wärme
der Herzen und der Hirne weißes Glühn -:
Doch deine Engel ziehn wie Vogelschwärme,
und sie erfanden alle Früchte grün.
Der große Tod, den jeder in sich hat,
das ist die Frucht, um die sich alles dreht.
Um ihretwillen heben Mädchen an
und kommen wie ein Baum aus einer Laute,
und Knaben sehnen sich um sie zum Mann;
und Frauen sind den Wachsenden Vertraute
für Ängste, die sonst niemand nehmen kann.
Um ihretwillen bleibt das Angeschaute
wie Ewiges, auch wenn es lang verrann, -
und jeder, welcher bildete und baute,
ward Welt um diese Frucht, und fror und taute
und windete ihr zu und schien sie an.
In sie ist eingegangen alle Wärme
der Herzen und der Hirne weißes Glühn -:
Doch deine Engel ziehn wie Vogelschwärme,
und sie erfanden alle Früchte grün.
Rainer Maria Rilke, 16.4.1903, Viareggio
Freitag, 13. September 2013
Trauer um Wolfgang Herrndorf
Auf diesem Blog hatte ich vor einigen Monaten Wolfgang
Herrndorfs Roman Sand unter den Stichworten Leiden, leidender
Gerechter vorgestellt, dann wieder gelöscht, weil ich die Abneigung WHs
gegen alles Religiöse und seine Angst vor Vereinnahmung akzeptierte. So wollte
ich auch meiner Trauer um den Autor von Tschick, Sand und Arbeit und
Struktur keinen Ausdruck verleihen, nicht hier. Nirgends.
Doch wer sein Krebstagebuch, seinen Blog Arbeit und
Struktur las, der war, ob nun gläubig oder nicht, berührt und als Christ
angefragt. WH der öffentlich, der schreibend starb wollte keine Kränze, keine
Trauerfeiern und Anzeigen. Tod, wo ist dein Stachel, ruft uns Paulus zu,
aber jeder, der einen für ihn wichtigen Menschen loslassen muss oder zusehen
muss wie einer Krankheit und Sterben ausgeliefert ist und am Ende zu früh
stirbt bzw. wie Herrndorf den Freitod wählt, spürt doch diesen Stachel und muss
seinen Weg finden mit seiner Trauer umzugehen.
Ich möchte zumindest an zwei Blogeinträge erinnern:
13.3. 2010 11:00
Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und
ich werde fertig mit allem.
(geweint)
21.4. 2013 13:15
Von einer Freundin gehört, daß ihr in der Ausbildung im
Hospiz beigebracht wurde, das Fenster im Zimmer der Gestorbenen zu öffnen,
damit die Seele raus kann.
Das hat mir gerade noch gefehlt, zu verrecken in einem
Haus, das von offensichtlich Irren geleitet wird.
“Auch bleib der Priester meinem Grabe fern; zwar sind es
Worte, die der Wind verweht, doch will es sich nicht schicken, daß Protest
gepredigt werde dem, was ich gewesen, indes ich ruh im Bann des ewgen
Schweigens.” (Storm)
Der Blog endet mit dem Eintrag: Sascha Lobo um Arbeit und Struktur
Wolfgang Herrndorf hat sich am Montag, den 26. August 2013 gegen 23.15 Uhr
am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen.Trotz dieser Kapitulation nach langem Kampf gegen die Krankheit ist aber eines gewiß: Wolgang Herrndorf lebt in seinen Büchern weiter, wir begegnen ihm weiterhin in seinen Gedanken, Sätzen. Seine Worte bleiben uns.
Mittwoch, 17. Juli 2013
Zum Gegengebet
Ich entdeckte den Büchnerpreisträger Josef Winkler erst jetzt und es musste sogar etwas nachgeholfen werden, also ich schaffte es nur durch professionelle Hilfe. Vielleicht notierte ich mir diesen Namen auf einen Zettel, sagen wir nach einem Telefonat. Später surfte ich vielleicht ein wenig durchs Netz, um mich zu informieren. Dabei bin ich auf folgende Sätze gestoßen: Gestern abend, im Bett auf dem Rücken liegend, stellte ich mir meinen Tod vor. Ich schloß die Hände zum Gegengebet. Und das genügte mir schon. Ich stellte mir dann tagelang diesen Mann vor, der, genau wie ich, schreckliche Angst vor dem Tod hat und der gestern abend, in seinem Bett auf dem Rücken liegend, sich seinen Tod vorstellte und dabei die Hände zum Gegengebet schloß. Ich wollte dann einfach wissen, wie er sich seinen Tod vorstellte und was er gebetet hat, denn ich stellte mir auch vor, dass sein ganze Buch aus diesem Gegengebet bestehen würde. Der Titel des Buches lautet Wortschatz der Nacht und ich kaufte es und meine Vorstellungen wurden übertroffen. Es ist ein rauschhaftes Buch, leidenschaftlich und mit genügend Zorn. Aber auch Sehnsucht und einer überfließenden Liebe. Ich würde jetzt gern seitenlang daraus zitieren, aber aus verschiedenen Gründen beschränke ich mich auf wenige Kostproben.Rot oder weiß? Öl oder Wasser? Essig oder Galle? Noch während der Soldat mit der Lanze den Brustkorb Jesu aufbricht... reißt er im Traum meine Augen auf. Erschrocken blicke ich auf die Lanze in meiner Brust, ein Freund will sie herausziehen, aber bösartig blicke ich ihn an, sage, daß ich ihn liebe, umklammere mit der rechten Hand die Schneide der Lanze, spüre keinen Schmerz mehr... und stoße mit meiner letzten Kraft die Schneide tiefer in die Brust. Wenn du mir das Leben rettest, nur um dich in mir zu lieben, laß mich bitte sterben, falte deine Hände und blick mir ins bleierne Gesicht. Das Haupt senkt sich auf meine Brust. Die Erntedankkrone fällt zu Boden und rollt vor die Füße der Mutter. Langsam, mit tränenden Augen und einem roten Fleck in der Hüftgegend, geht sie, Weizenkorn für Weizenkorn kauend, den Berg hoch. Sie wird den Gekreuzigten mit dem Brot Gottes füttern... Die Kinder Gottes sind inzwischen Greise geworden.
Josef Winkler, Wortschatz der Nacht, Suhrkamp Verlag, 2013.
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