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Sonntag, 25. Februar 2018

Egal was kommt...


Péter Kántor

Was Gott wissen sollte

Gott sollte wissen, dass ich auf ihn zähle,
dass ich ihn brauche,
dass ich ihm vertraue,
dass er auf mich zählen kann,
dass er mich braucht,
dass er mir vertrauen kann,


dass er sich, egal was kommt,
nicht wie ein Bankdirektor verhalten kann,
oder ein Ministerpräsident, oder eine Schönheitskönigin,
dass ich mich, egal was kommt,
nicht wie ein Bankdirektor verhalten kann,
oder ein Ministerpräsident, oder eine Schönheitskönigin,

dass ich nicht von ihm erwarte, dass er überall staubsaugt,
die Teppiche ausschüttelt, schwimmen geht,
und mit dem Rauchen aufhört,
dass er nicht von mir erwarten kann, dass ich überall staubsauge,
die Teppiche ausschüttle, schwimmen gehe
und mit dem Rauchen aufhöre,

dass er sich vor Augen halten soll, dass Gutes nicht nur aus Gutem entsteht,
er soll nicht versuchen, perfekt zu sein
und er soll von der Welt nicht verlangen, perfekt zu sein,
dass ich mir vor Augen halte, dass Gutes nicht nur aus Gutem entsteht,
und ich will nicht perfekt sein,
und ich verlange auch von der Welt nicht, perfekt zu sein,

aber dass es Grenzen gibt,
er soll nicht glauben, dass ich ihm Dinge durchgehen lasse,
die nicht wieder gutzumachen sind,
dass es Grenzen gibt,
dass ich nicht glaube, dass er mir Dinge durchgehen lässt,
die nicht wieder gutzumachen sind,

und schließlich, wenn auch keiner keinem was,
so schuldet er mir doch mit Sicherheit sich selbst,
und schließlich, wenn auch keiner keinem was,
so schulde ich ihm doch mit Sicherheit mich selbst.


(Übersetzt von Terézia Mora und mit ihrer und der freundlichen Genehmigung des Autors hier veröffentlicht.) 




Donnerstag, 25. Januar 2018

an gott

an gott (von ernst jandl)

dass an gott geglaubt einstens er habe
fürwahr er das könnte nicht sagen
es sei einfach gewesen gott da
und dann nicht mehr gewesen gott da
und dazwischen sei gar nichts gewesen
jetzt aber müsste er sich plagen
wenn jetzt an gott er glauben wollte
garantieren für ihn könnte niemand
indes vielleicht eines tages
werde einfach gott wieder da sein
und gar nichts gewesen dazwischen

Montag, 16. September 2013

Die Perle im Acker

Dieses Buch konnte ich nicht mehr weglegen, ich musste es in einem Zuge durchlesen, sagen wir bei einigen Büchern. Diese Bücher meinen es sicher gut mit uns, sie verschaffen die volle Befriedigung, die gute Unterhaltung. Pessoa, den ich erst seit wenigen Wochen lese, ist anders. Mit anders meine ich nicht, dass er eben ernste Literatur schreibt und deshalb schwer zu lesen wäre. Manche sehen das sicher so. Fernando Pessoa aber ist vor allem eines: kostbar. Schon nach ein oder zwei Seiten wurde mir klar, wie selten er ist, also, was für eine Kostbarkeit ich in den Händen hielt. Ich begann sofort langsamer zu lesen, tagelange Pausen einzulegen, zwang mich das Buch zur Seite zu legen, damit es lang und länger dauert, und mir nach jeder Seite genügend Zeit bliebe nachzudenken. Dieses Buch der Unruhe musst du ganz ruhig lesen, dachte ich, denn es wird keine Fortsetzung geben. 

Ich zitiere aus "Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares" (Autobiographie ohne Ereignisse):
Ich wurde zu einer Zeit geboren, in der die Mehrheit der jungen Leute den Glauben an Gott aus dem gleichen Grund verloren hatte, aus welchem ihre Vorfahren ihn hatten - ohne zu wissen warum. Und weil der menschliche Geist von Natur aus dazu neigt, Kritik zu üben, weil er fühlt, und nicht, weil er denkt, wählten die meisten dieser jungen Leute die Menschheit als Ersatz für Gott. Ich gehöre jedoch zu jener Art Menschen, die immer am Rande dessen stehen, wozu sie gehören, und nicht nur die Menschenmenge sehen, deren Teil sie sind, sondern auch die großen Räume daneben. Deshalb habe ich Gott nie so weitgehend aufgegeben wie sie und niemals die Menschheit als Ersatz akzeptiert. Ich war der Ansicht, daß Gott, obgleich unbeweisbar, dennoch vorhanden sein und also auch angebetet werden könne... Dieser Menschheitskult mit seinen Riten von Freiheit und Gleichheit erschien mir stets wie ein Wiederaufleben jener alten Kulte, in denen Tiere Götter waren oder Götter Tierköpfe trugen.  

Freitag, 14. Juni 2013

Herrn G.s zauberhafte Welt

Wie es der Titel Geschichten vom Herrn G. uns schon verspricht, so wird in dem schönen Prosabändchen von Thomas Weiß voller Ironie und Freude am Spiel und in gewohnter Dichtersprache erzählt. Beim ersten Aufblättern des Buches denkt man vielleicht auch an den berühmten Herrn K. Warum nicht, aber Thomas Weiß ist eben auch Theologe und da wurde eben aus Herrn G. ein ganz besonderer Herr. Einige Miniaturtexte haben mich an die zauberhafte Welt der A. andere an die Naive Kunst erinnert. Wie meine ich das? Ich meine die einfache, ja kindhafte, die scheinbar unbekümmerte und verspielt phantasievolle Art zu erzählen, die sich auch in den gewählten Bildmotiven zeigt. Ich dachte sofort an die Bilder vom Zöllner Henri Rousseau, die ich sehr mag, aber auch an andere Künstler wie Seraphine Louis. Dann dachte ich an The Brick Bible, weil auch sie uns aus einem anderen Blickwinkel auf die heiligen Geschichten blicken lässt und wir plötzlich über etwas - was wir so noch nicht gesehen hatten - zu schmunzeln beginnen, wo wir früher nur nachdachten. Doch mir geht es bei meinen Vergleichen weniger um die Vorstellung neuer Methoden - auch der Jüdische Witz funktioniert schon seit Jahrhunderten genauso - sondern allein um den anderen Blick auf das Heilige. Sein Blick entheiligt nicht einfach mit allen Mitteln - das kann ja heute wohl jeder - sein Blick ist sanft, tiefgründig, humorvoll. Thomas Weiß räumt die Wohnung Gottes ein wenig um. Es war einfach wieder an der Zeit.  

Ein Beispiel: Nachdem Herr G. das Lachen erfunden hatte, wollte er einmal seiner selbst spotten. Wer findet mich lächerlich? rief er in die Runde. Aber von allen Wesen fand sich nur der Mensch, der sich über ihn lustig machte. Da sprach Herr G.: Du bist kein Tier.     

Oder: Es ist kein leichter Weg vom Himmel auf die Erde. Sehr steil fällt er ab, und Herr G. war nicht völlig schwindelfrei; wenn er sich nach unten wandte, fing die Welt an, sich schnell zu drehen, und das machte Herrn G. ganz unsicher. Erst, als die Menschen nach oben schauten und ihre Blicke sich mit den seinen trafen, wagte er es, langsam herabzusteigen. Sprosse um Sprosse herunter an der Leiter, die aus Blicken gebaut war, aus erhobenen Häuptern und aus dem Wunsch, bei den Menschen zu sein und den Himmel einmal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. 

Thomas Weiß, Geschichten vom Herrn G. erschienen im Klöpfer&Meyer Verlag, Tübingen, 2013.

Interview mit Thomas Weiß im ERF hier: