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Sonntag, 28. Mai 2017

Ingeborg Bachmann

Und ausgestoßen aus dem Orden der Ritter,
verwiesen aus den Balladen, 
nehme ich einen Weg durch die Gegenwart,
zu auf den Horizont, wo die zerrissenen
Sonnen im Staub liegen,
wo Schattenspiele
auf der unerhöhrten Wand des Himmels
zu Verwandlungen greifen und ihr
einen Stoff einbilden
aus dem alten 
Glauben meines Kindergebets.


aus: Friedrich Schorlemmer (Hg), Das soll dir bleiben, Radius Verlag 2012.

Sonntag, 26. Juli 2015

Das Herzensgebet

"Was ist die geistliche Gabe der russisch-orthodoxen Welt, was können wir von ihr lernend empfangen?" fragt der Herausgeber Emmanuel Jungclaussen in seiner Einführung. Eine Antwort läge in diesem kleinen Buch vor Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers, dessen erster Teil im Jahre 1870 erschien.

Ich zitiere: Wir betraten die Klause, und der Starez sagte folgendes: "Das unablässige innerliche Jesusgebet ist das ununterbrochene, unaufhörliche Anrufen des göttlichen Namens Jesu Christi mit den Lippen, mit dem Geist und mit dem Herzen, wobei man sich seine Anwesenheit vorstellt und ihn um sein Erbarmen bittet bei jeglichem Tun, allerorts, zu jeder Zeit, sogar im Schlaf. Es findet seinen Ausdruck in folgenden Worten: Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner! Wenn sich nun einer an diese Anrufung gewöhnt, so wird er einen großen Trost erfahren und das Bedürfnis haben, immer dieses Gebet zu verrichten, derart, daß er ohne dieses Gebet gar nicht mehr leben kann, und es wird sich ganz von selber aus ihm lösen..." 

Aufrichtige Erzählung eines russischen Pilgers, hg von Emmanuel Jungclaussen, Herder 2014.

Mittwoch, 13. November 2013

Epiphanie, sieben

James Joyce

Es ist jetzt Zeit zu gehen - das Frühstück steht bereit. Ich spreche noch ein Gebet... Ich habe Hunger; doch blieb ich gern noch hier in dieser stillen Kapelle, wo die Messe so still kam und ging ... Sei gegrüßt, heilige Königin, Mutter der Gnade, unser Leben, unsere Süße und unsere Hoffnung! Morgen und alle Tage will ich dir zum Opfer etwas Tugendhaftes vollbringen, weiß ich doch, ich werde dir wohlgefällig sein, wenn ich es tue. Und nun, leb wohl für jetzt ... O, das wunderbare Sonnenlicht in der Allee, und o, das Sonnenlicht in meinem Herzen! 

James Joyce, Epiphanien (Kleine Schriften) edition suhrkamp, 1974. 

Samstag, 27. Juli 2013

Save your servant

 Hear me, Lord, and answer me,
for I am poor and needy.
Guard my life, for I am faithful to you;
 save your servant who trusts in you.
You are my God; have mercy on me, Lord,
 for I call to you all day long. 
Bring joy to your servant, Lord, 
 for I put my trust in you.

Psalm 86 - [Ein Gebet Davids.]
Wende dein Ohr mir zu, erhöre mich, Herr!/Denn ich bin arm und gebeugt. Beschütze mich, denn ich bin dir ergeben!/Hilf deinem Knecht, der dir vertraut! Du bist mein Gott. Sei mir gnädig, o Herr!/ Den ganzen Tag rufe ich zu dir. Herr, erfreue deinen Knecht; /denn ich erhebe meine Seele zu dir./ Herr, du bist gütig und bereit zu verzeihen, /für alle, die zu dir rufen, reich an Gnade./Herr, vernimm mein Beten, /achte auf mein lautes Flehen! Am Tag meiner Not rufe ich zu dir; /denn du wirst mich erhören. Herr, unter den Göttern ist keiner wie du /und nichts gleicht den Werken, die du geschaffen hast./Alle Völker kommen und beten dich an, /sie geben, Herr, deinem Namen die Ehre./Denn du bist groß und tust Wunder; /du allein bist Gott./Weise mir, Herr, deinen Weg; /ich will ihn gehen in Treue zu dir. Richte mein Herz darauf hin, / allein deinen Namen zu fürchten!Ich will dir danken, Herr, mein Gott, /aus ganzem Herzen, / will deinen Namen ehren immer und ewig./Du hast mich den Tiefen des Totenreichs entrissen. /Denn groß ist über mir deine Huld./Gott, freche Menschen haben sich gegen mich erhoben, /die Rotte der Gewalttäter trachtet mir nach dem Leben; / doch dich haben sie nicht vor Augen./Du aber, Herr, bist ein barmherziger und gnädiger Gott, /du bist langmütig, reich an Huld und Treue./Wende dich mir zu und sei mir gnädig, /gib deinem Knecht wieder Kraft / und hilf dem Sohn deiner Magd!/Tu ein Zeichen und schenke mir Glück! /Alle, die mich hassen, sollen es sehen und sich schämen, / weil du, Herr, mich gerettet und getröstet hast. 

Mittwoch, 17. Juli 2013

Zum Gegengebet

Ich entdeckte den Büchnerpreisträger Josef Winkler erst jetzt und es musste sogar etwas nachgeholfen werden, also ich schaffte es nur durch professionelle Hilfe. Vielleicht notierte ich mir diesen Namen auf einen Zettel, sagen wir nach einem Telefonat. Später surfte ich vielleicht ein wenig durchs Netz, um mich zu informieren. Dabei bin ich auf folgende Sätze gestoßen: Gestern abend, im Bett auf dem Rücken liegend, stellte ich mir meinen Tod vor. Ich schloß die Hände zum Gegengebet. Und das genügte mir schon. Ich stellte mir dann tagelang diesen Mann vor, der, genau wie ich, schreckliche Angst vor dem Tod hat und der gestern abend, in seinem Bett auf dem Rücken liegend, sich seinen Tod vorstellte und dabei die Hände zum Gegengebet schloß. Ich wollte dann einfach wissen, wie er sich seinen Tod vorstellte und was er gebetet hat, denn ich stellte mir auch vor, dass sein ganze Buch aus diesem Gegengebet bestehen würde. Der Titel des Buches lautet Wortschatz der Nacht und ich kaufte es und meine Vorstellungen wurden übertroffen. Es ist ein rauschhaftes Buch, leidenschaftlich und mit genügend Zorn. Aber auch Sehnsucht und einer überfließenden Liebe. Ich würde jetzt gern seitenlang daraus zitieren, aber aus verschiedenen Gründen beschränke ich mich auf wenige Kostproben.

Rot oder weiß? Öl oder Wasser? Essig oder Galle? Noch während der Soldat mit der Lanze den Brustkorb Jesu aufbricht... reißt er im Traum meine Augen auf. Erschrocken blicke ich auf die Lanze in meiner Brust, ein Freund will sie herausziehen, aber bösartig blicke ich ihn an, sage, daß ich ihn liebe, umklammere mit der rechten Hand die Schneide der Lanze, spüre keinen Schmerz mehr... und stoße mit meiner letzten Kraft die Schneide tiefer in die Brust. Wenn du mir das Leben rettest, nur um dich in mir zu lieben, laß mich bitte sterben, falte deine Hände und blick mir ins bleierne Gesicht. Das Haupt senkt sich auf meine Brust. Die Erntedankkrone fällt zu Boden und rollt vor die Füße der Mutter. Langsam, mit tränenden Augen und einem roten Fleck in der Hüftgegend, geht sie, Weizenkorn für Weizenkorn kauend, den Berg hoch. Sie wird den Gekreuzigten mit dem Brot Gottes füttern... Die Kinder Gottes sind inzwischen Greise geworden. 

Josef Winkler, Wortschatz der Nacht, Suhrkamp Verlag, 2013.

Samstag, 16. März 2013

Allerdings wie die Kinder

Da mir das Fasten so bitter wurde, im Heidelberger Katechismus aber Fasten und Beten ausdrücklich als heilige und nützliche Werke genannt werden, wende ich mich nun wieder verstärkt dem Gebet zu. Ich erinnere mich gern an die Worte Luthers Über das Gebet:

Lieber Meister Peter, ich gebs euch so gut, als ichs habe, und wie ich selber mich mit Beten halte. Unser Herr Gott gebs euch und jedermann besser zu machen. Amen. Wenn ich fühle, daß ich durch fremde Geschäfte oder Gedanken bin kalt und unlustig zu beten geworden ... nehme ich mein Psälterlein, laufe in die Kammer oder, so es der Tag und Zeit ist, in die Kirche zum Haufen und hebe an, die zehn Gebote, den Glauben und, darnach ich Zeit habe, etliche Sprüche Christi, Pauli mündlich bei mir zu sprechen, allerdings wie die Kinder tun. Darum ists gut, daß man frühmorgens lasse das Gebet das erste und des Abends das letzte Werk sein, und hüte sich mit Fleiß vor diesen falschen, betrüglichen Gedanken, die das sagen: Harre ein wenig, in einer Stunde will ich beten, ich muss dies oder das zuvor fertigen; denn mit solchen Gedanken kommt man vom Gebet in die Geschäfte, die halten und umfangen dann einen, daß aus dem Gebet des Tages nichts wird ...

Wie fremd einem Luther oft bleibt. Wer will ihm hierin folgen? Gleich morgens auswendig Gelerntes vor sich hinplappern, abends damit enden. Ist das schon besser als nichts? Aber die Formulierung geht mir nach: wie Kinder tun. Ich bemerke überhaupt, dass ich bete wie Kinder es tun. Ich plappere einfach Alles in SEINE Richtung, und ich lese auch wie Kinder es tun. Heute früh wurde ich daran erinnerte, als ein Kinderbuchautor auf Deutschlandradio Kultur erzählte, wie ein Kind ihm schrieb: "ich habe das Buch jetzt zwölfmal gelesen und jedes Mal hoffe ich bis zum Schluss, dass es gut ausgeht". Hoffnung wider besseres Wissen ist Ausdruck kindlichen Vertrauens, aber es ist auch eine herangereifte Form des Widerstandes, den ich nicht bereit bin aufzugeben. Ich hoffe auf den guten Ausgang. Ich hoffe jeden Tag auf Wunder. Und übrigens treffe ich auch jeden Tag auf Wunder. Kleine, die sich den großen Rückschlägen entgegenstellen. Ohne Hoffnung, ganz ehrlich, würde ich mir nicht die Mühe machen. Ich würde nicht aufstehen, ich würde nicht jeden Tag bis zur Erschöpfung arbeiten, ich würde weder für mich noch für dich schreiben. Für niemanden.