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Sonntag, 2. November 2014

Noch lieber als Romane schreiben

Anders Lagerlöf sagt (und das hat er wohl irgendwo gelesen), wenn man diesen Dom betritt, fühlt man gleich, daß die, die ihn einst am Ende des zwölften Jahrhunderts bauten, durch aus nicht an die Mühe oder die Kosten gedacht haben, sondern nur daran, ein Haus zu bauen, würdig, daß Gott dort wohnt. Und als Anders das sagte, war mir genauso, als fühlte ich Gottes Gegenwart. Er schwebte oben im Gewölbe und sah auf uns herunter, obgleich wir ihn nicht sehen konnten. 
Ich bin noch niemals in eine Kirche getreten, wo man Gottes Gegenwart so deutlich fühlt; aber dieses ist auch die erste Kathedrale, die ich gesehen habe. (Kathedrale ist ein schönes Wort).
Es war ein Samstagvormittag, und so war kein Gottesdienst. Außer uns fünf und dem Kirchendiener, der uns herumführte, war die Kirche vollkommen leer, aber es war sehr feierlich. Ich hätte da drinnen ganz ruhig stehen bleiben und nur immer an Gott denken mögen. 
Anders erzählte mir, wie es früher war, wenn eine Kirche erbaut wurde. Große Abteilungen von Arbeitern haben da gemauert und Steine zugehauen, wohl zwanzig Jahre lang, ja gar fünfzig und hundert Jahre lang, ehe das Gotteshaus fertig war. Und er sagte, man kann jetzt keine schönen Kirchen mehr bauen, weil alle Menschen es so eilig haben und ihre arbeit nicht mehr mit derselben Liebe ausführen, wie das früher der Fall war. Darin hat Anders gewiß recht, und im stillen dachte ich, die Menschen müssen sehr glücklich gewesen sein, die ihr ganzes Leben lang an einer Kathedrale bauen durften. Ich glaube, das würde ich noch lieber tun als Romane schreiben. 

aus: Selma Lagerlöf, Das Tagebuch der Selma Lagerlöf.    

Sonntag, 5. Mai 2013

Glückwunsch zum Zweihundertsten!

Inlandreisender
Sören Kierkegaard, geb. 5. Mai 1813 blieb ein Schwebender in dieser Welt, sein Leben hat etwas unwirklich Schemen-haftes, sein Denken jedoch nie! Die Kirche, damit die Christenheit, beachtet den Abweichler lieber kaum, sie überlassen ihn gern irgendwelchen Fachspezialisten an irgendwelchen Universitäten. Philosophen und andere Weltmänner sollen sich gefälligst mit diesem Bösewicht beschäftigen. Das ist sehr bedauerlich, aber auch nachvollziehbar, denn K. führte in seinen Spätschriften einen recht verbissenen Kirchenkampf siehe: Zitat unten. 
Außerdem ist einer der sich nicht richtig festlegen will auf eine Seite am Ende doch allen Seiten unheimlich. Kierkegaard pendelte immerhin zwischen Religion, Dichtung und Wissenschaft spielerisch hin und her und das hat er jetzt davon, siehe: Karrikatur links. 

Wir lasen Entweder Oder unterm Dach in der kleinen Kammer, siehe: Notizen einer Theologiestudentin im ersten Semester (unveröffentlicht).

Zitat unten: Der Unterschied zwischen einem Genie und einem Christen ist der: Das Genie ist das Außerordentliche der Natur; dazu kann sich kein Mensch selbst machen. Ein Christ ist das Außerordentliche der Freiheit oder, genauer, das Ordentliche der Freiheit, das man nur selten findet, was aber jeder von uns sein sollte. Deshalb will Gott, dass das Christentum unbedingt für alle verkündet werde, deshalb waren die Apostel ganz einfache Menschen, das Vorbild in Gestalt eines geringen Dieners, alles, um zu zeigen, dass dieses Außerordentliche das Ordentliche und allen zugänglich ist - aber dennoch ist ein Christ etwas noch Selteneres als ein Genie.