Posts mit dem Label Bibel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bibel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 7. August 2017

Irrsal und Wirrsal

Wer sich wieder neu ausrichten möchte - jetzt im Sommerurlaub, der Hitze und überhaupt - kann dazu auch zu Altbewährtem greifen: alte und sehr alte Texte, zum Beispiel aus der Bibel. Manch einer lernt vielleicht gerade heute einen Psalm auswendig. 
Ich selber erfrische Auge und Geist mit der neu angeschafften  Bibelübersetzung von Martin Buber. Lange überlegt, jetzt endlich die vier Bände erstanden. Gerade für Bibelkundige ist das Lesevergnügen gesichert. Ein kurzer Auszug soll dies nun belegen: 


Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.
Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal.
Finsternis über Urwirbels Antlitz.
Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser.
Gott sprach: Licht werde! Licht ward.Gott sah das Licht: daß es gut ist.
Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis.
Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis rief er: Nacht!
Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.
Gott sprach:
Gewölb werde inmitten der Wasser
und sei Scheide von Wasser und Wasser!
Gott machte das Gewölb
und schied zwischen dem Wasser,
das unterhalb des Gewölbs war
und dem Wasser, das oberhalb des Gewölbs war.
Es ward so.
Dem Gewölb rief Gott: Himmel!
Abend ward und Morgen ward: zweiter Tag.
Gott sprach:
Das Wasser unterm Himmel staue sich an einem Ort,
und das Trockne lasse sich sehn!
Es ward so.
Dem Trocknen rief Gott: Erde!
und der Stauung der Wasser rief er: Meere!
Gott sah, daß es gut ist.
Gott sprach:
Sprießen lasse die Erde Gesproß,
Kraut, das Samen samt,
Fruchtbaum, der nach seiner Art Frucht macht
darin sein Same ist,
auf der Erde!
Es ward so.
Die Erde trieb Gesproß,
Kraut, das nach seiner Art Samen samt,
Baum, der nach seiner Art Frucht macht
darin sein Same ist.
Gott sah, daß es gut ist.
Abend ward und Morgen ward: dritter Tag.
Gott sprach:
Leuchten seien am Gewölb des Himmels,
zwischen dem Tag und der Nacht zu scheiden,
daß sie werden zu Zeichen, so für Gezeiten so für Tage und Jahre,
und seien Leuchten am Gewölb des Himmels, über die Erde zu leuchten!
Es ward so.
Gott machte die zwei großen Leuchten,
die größre Leuchte zur Waltung des Tags
und die kleinere Leuchte zur Waltung der Nacht,
und die Sterne.
Gott gab sie ans Gewölb des Himmels,
über die Erde zu leuchten, des Tags und der Nacht zu walten,
zu scheiden zwischen dem Licht und der Finsternis.
Gott sah, daß es gut ist.
Abend ward und Morgen ward: vierter Tag.
Gott sprach:
Das Wasser wimmle, ein Wimmeln lebender Wesen,
und Vogelflug fliege über der Erde
vorüber dem Antlitz des Himmelgewölbs!
Gott schuf die großen Ungetüme
und alle lebenden regen Wesen, von denen das Wasser wimmelt,
nach ihren Arten,
und allen befittichten Vogel nach seiner Art.
Gott sah, daß es gut ist.
Gott segnete sie, sprechend:
Fruchtet und mehret euch und füllt das Wasser in den Meeren,
und der Vogel mehre sich auf Erden!
Abend ward und Morgen ward: fünfter Tag.
Gott sprach: Die Erde treibe lebendes Wesen nach seiner Art, Herdentier, Kriechgerege und das Wildlebende des Erdlandesnach seiner Art!
Es ward so.
Gott machte das Wildlebende des Erdlands nach seiner Art
und das Herdentier nach seiner Art
und alles Gerege des Ackers nach seiner Art.
Gott sah, daß es gut ist.
Gott sprach:
Machen wir den Menschen in unserem Bild nach unserem Gleichnis!
Sie sollen schalten über das Fischvolk des Meeres,
den Vogel des Himmels, das Getier, die Erde all,
und alles Gerege, das auf Erden sich regt.
Gott schuf den Menschen in seinem Bilde,
männlich, weiblich schuf er sie.
Gott segnete sie,
Gott sprach zu ihnen:
Fruchtet euch und mehret euch und füllet die Erde
und bemächtigt euch ihrer!
schaltet über das Fischvolk des Meers, den Vogel des Himmels
und alles Lebendige, das auf Erden sich regt!
Gott sprach:
Da gebe ich euch
alles samensäende Kraut, das auf dem Antlitz der Erde all ist,
und alljedem Baum, daran samensäende Baumfrucht ist,
euch sei es zum Essen,
und allem Lebendigen der Erde, allem Vogel des Himmels,
alles, was auf Erden sich regt, darin lebendes Wesen ist,
alles Grün des Krauts zum Essen.
Es ward so.
Gott sah alles, was er gemacht hatte,
und da, es war sehr gut.
Abend ward und Morgen ward: der sechste Tag.
Vollendet waren der Himmel und die Erde und all ihre Schar.
Vollendet hatte Gott am siebenten Tag seine Arbeit, die er machte,
und feierte am siebenten Tag von all seiner Arbeit, die er machte.
Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn,
denn an ihm feierte er von all seiner Arbeit, die machend Gott schuf.
Dies sind die Zeugungen des Himmels und der Erde: ihr Erschaffensein.

Freitag, 14. Juni 2013

Herrn G.s zauberhafte Welt

Wie es der Titel Geschichten vom Herrn G. uns schon verspricht, so wird in dem schönen Prosabändchen von Thomas Weiß voller Ironie und Freude am Spiel und in gewohnter Dichtersprache erzählt. Beim ersten Aufblättern des Buches denkt man vielleicht auch an den berühmten Herrn K. Warum nicht, aber Thomas Weiß ist eben auch Theologe und da wurde eben aus Herrn G. ein ganz besonderer Herr. Einige Miniaturtexte haben mich an die zauberhafte Welt der A. andere an die Naive Kunst erinnert. Wie meine ich das? Ich meine die einfache, ja kindhafte, die scheinbar unbekümmerte und verspielt phantasievolle Art zu erzählen, die sich auch in den gewählten Bildmotiven zeigt. Ich dachte sofort an die Bilder vom Zöllner Henri Rousseau, die ich sehr mag, aber auch an andere Künstler wie Seraphine Louis. Dann dachte ich an The Brick Bible, weil auch sie uns aus einem anderen Blickwinkel auf die heiligen Geschichten blicken lässt und wir plötzlich über etwas - was wir so noch nicht gesehen hatten - zu schmunzeln beginnen, wo wir früher nur nachdachten. Doch mir geht es bei meinen Vergleichen weniger um die Vorstellung neuer Methoden - auch der Jüdische Witz funktioniert schon seit Jahrhunderten genauso - sondern allein um den anderen Blick auf das Heilige. Sein Blick entheiligt nicht einfach mit allen Mitteln - das kann ja heute wohl jeder - sein Blick ist sanft, tiefgründig, humorvoll. Thomas Weiß räumt die Wohnung Gottes ein wenig um. Es war einfach wieder an der Zeit.  

Ein Beispiel: Nachdem Herr G. das Lachen erfunden hatte, wollte er einmal seiner selbst spotten. Wer findet mich lächerlich? rief er in die Runde. Aber von allen Wesen fand sich nur der Mensch, der sich über ihn lustig machte. Da sprach Herr G.: Du bist kein Tier.     

Oder: Es ist kein leichter Weg vom Himmel auf die Erde. Sehr steil fällt er ab, und Herr G. war nicht völlig schwindelfrei; wenn er sich nach unten wandte, fing die Welt an, sich schnell zu drehen, und das machte Herrn G. ganz unsicher. Erst, als die Menschen nach oben schauten und ihre Blicke sich mit den seinen trafen, wagte er es, langsam herabzusteigen. Sprosse um Sprosse herunter an der Leiter, die aus Blicken gebaut war, aus erhobenen Häuptern und aus dem Wunsch, bei den Menschen zu sein und den Himmel einmal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. 

Thomas Weiß, Geschichten vom Herrn G. erschienen im Klöpfer&Meyer Verlag, Tübingen, 2013.

Interview mit Thomas Weiß im ERF hier:


Freitag, 31. Mai 2013

Das ist hier die Preisfrage

Kan die Theologie von der nähern Vereinigung, die einige Neuere zwischen ihr und der Dichtkunst zu knüpfen angefangen, sich wohl Vortheile verprechen? 
Dieser Preisfrage widmete sich Jean Paul in den 1780er Jahren und gewann mit deren Beantwortung sogar den Preis! Um es hier abzukürzen: JA! Doch bei diesen sintflutartigen Regengüssen draußen und Erkältungsgefieber drinnen werde ich mich heute nicht auf die Folge logischer Argumente einlassen, sondern nur einige köstliche Textauszüge zitieren:

Da man endlich auch durch Scheiter- haufenfeuer niemanden mehr erleuchten kan, so bleibt folglich nur ein einziges Mittel, zu erleuchten übrig, nämlich Dichterfeuer. 

Ferner: der Anfang und das Ende der Bibel stammen aus poetischen Federn her und die Dichtkunst scheint an ihr keine Verschönerung gespart zu haben.

Denn nur iezt, nachdem ich unwidersprechlich dargethan, daß die Poesie nicht minder als die Theologie gegen den kalten Verstand zu Felde ziehe, darf ich mit einiger Hofnung der Antwort auf die Frage entgegensehen: wenn nun gar zu den Termen der Theologie sich die Dichtkunst mit ihren Verhüllungen schlägt, wenn dem leichten Kopf der ernstern die leztere noch gar ihre Flügel leiht, mus sie alsdan nicht zu einer neuen Höhe aufsteigen? - Allein dies ist noch das Wenigste.

Samstag, 12. Januar 2013

Der kleine Unterschied

Der Roman Fahrenheit 451 in welchem es um eine düstere Zukunft geht, in der Bücher verboten sind - und absurderweise von Feuerwehrleuten verbrannt werden - wurde von Ray Bradbury zum Großteil 1950 im Keller einer Bibliothek auf einer Münz- schreibmaschine geschrieben. Diese Novelle hieß Der Feuerwehrmann. Den übrigen Teil schrieb er 1953 als endlich ein Verleger das Potential dieser Geschichte entdeckte. Übrigens auch Hugh Hefner entdeckte es und kaufte ihm das Manuskript für die ersten Ausgaben des Playboy ab. 1966 wurde der Bestseller von Francois Truffaut verfilmt. Der Film ist zum Kultfilm geworden, auch ich muss ihn wieder und wieder sehen.

Nun zum kleinen Unterschied, den ich versprochen habe zu erwähnen. Montag, einmal zum Leser bekehrt, setzt sich im Roman mit der Bibel auseinander. Er entdeckt den Wert dieses Buches sehr schnell. Er fragt seinen Professor wieviele Exemplare es wohl noch gibt, er zeigt es seiner Frau Mildred:
"Das hier ist das Alte und Neue Testament, und -"
"Fang bloß nicht wieder damit an!"
"Es ist vielleicht das letzte Exemplar in unserem Erdteil"
"Du musst es doch bis heute Abend abliefern? " ... Später: In Mildreds Gesicht zuckte es: "Siehst du jetzt, was du angerichtet hast? Du wirst uns zugrunde richten! Was ist wichtiger, ich oder die Bibel da?"

Für Truffaut spielt dieser Kampf um das Buch der Bücher keine Rolle. Es ist ein Buch wie jedes andere auch. Und obwohl Ray Bradbury erzählt, er habe damals wahllos nach den Büchern gegriffen, sich einfach aus den Regalen genommen, was da war, spielt die Bibel doch ab dem 2.Teil des Romans eine erhebliche, herausragende Rolle, die nicht als zufällig angesehen werden kann.

Kehren wir nochmals zur Romanhandlung zurück. Ich zitiere nur einige Stellen, die aufzeigen sollen, dass man selbst den Zufall nicht überstrapazieren kann. "Wie nun die U-Bahn ihn ruckweise durch die toten Keller der Stadt beförderte, kam ihm die furchtbare Erkenntnis jenes Sommertages wieder in den Sinn, und er senkte den Blick und bemerkte, dass er die Bibel aufgeschlagen in der Hand hielt. Es fuhren noch andere im selben Wagen, aber er hielt das Buch weiter in Händen und hatte plötzlich den törichten Einfall, wenn er schnell lese und alles lese, bliebe vielleicht etwas von dem Sand im Sieb (vgl. die Kindheitserinnerung zuvor -MF)." Er versucht das Gelesene möglichst im Gedächtnis zu behalten, um das Buch so zu retten, denn er geht in dieser Szene noch immer davon aus, dass er das Buch abliefern muss. Aber es kommt anders...
Auf der Flucht lässt sich Montag das Buch Hiob von seinem Lehrer vorlesen.

Später, als er auf die Gruppe im Wald stößt, die ihn als Flüchtling willkommen heißt:
"Was hast du zu bieten?"
"Nichts. Ich dachte, ich hätte einen Teil des Predigers Salomo und vielleicht ein Stück der Offenbarung, aber auch das habe ich nicht mehr"
"Der Prediger wäre gut. Wo war das Buch?"
"Hier." Montag deutete auf seine Stirn.
Man tröstet ihn mit dem Argument, dass alles wiederkommt, die Erinnerung an das Gelesene, wenn er es wirklich braucht. Die anderen der Gruppe stellen sich ihm als A.Schweitzer, Schopenhauer, Darwin, aber auch als Matthäus, Markus, Lukas und Johannes vor. Sie laufen zusammen. In der Ferne bricht der Krieg aus, der die Stadt vernichten wird. Ausgerechnet im Kriegsgetöse, in der Erschütterung und Niedergeschlagenheit fallen ihm alle Worte des Predigers wieder ein. Und auch wenn diese Wanderung durch Wälder und die Flucht noch dauern, so ist die Gruppe doch zuversichtlich. Ihr Credo lautet: "Wenn man uns fragt, was wir eigentlich tun, dann könnt ihr sagen: wir erinnern uns" 

Der Roman endet mit dem Bibelwort:  
Und auf beiden Seiten des Stromes stand ein Baum des Lebens, 
der trug zwölfmal Früchte und brachte seine Früchte alle Monate; 
und die Blätter des Baumes dienten zur Heilung aller Völker.

In seinem Nachwort zum Roman schreibt RB: "Was sie hier vor sich haben ist die Romanze eines Schriftstellers mit den Bibliotheksregalen, die Liebesaffäre eines traurigen Mannes namens Montag - nicht mit dem Mädchen von nebenan, sondern mit dem Rucksack voller Bücher." Und ich darf ergänzen: und dem einen, ganz besonderen Buch in seinen Händen.