Vor einiger Zeit schon WIR gelesen von Jevgenij Samjatin. Er hat sicherlich alle anderen Autoren dystopischer Romane geprägt, und ich staunte nur, warum ich ihn so spät entdeckte. Der Roman wurde schon 1920 geschrieben. Samjatin - Revolutionär der ersten Stunde - war enttäuscht von dem, was sich in Russland tat und schrieb diese bittere Satire. Natürlich hatte er in Russland keine Chance, die Russen quälten ja immer schon ihre Künstler zu Tode oder jagten sie ins Exil oder die Verbannung, was einem Todesurteil gleichkam. Dazu an anderer Stelle (fuellworte). Hier auf diesem der Literatur und Theologie gewidmeten Blog ein kleines Zitat, welches die Stimmung gut zeigt:
Unsere Götter sind hier auf Erden, sie stehen neben uns im Büro, in der Küche, in der Werkstatt, im Schlafzimmer; die Götter sind wie wir geworden, also sind wir wie Götter geworden. Liebe Leser auf fernen Planeten, wir werden zu Ihnen kommen, damit Ihr Leben ebenso göttlich-vernünftig und exakt wie das unsere wird...
aus: J. Samjatin, WIR. Ganymed Edition, 2015.
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Freitag, 28. April 2017
Mittwoch, 4. Februar 2015
Aus der Normzentrale
Schöne neue Welt
Im Geographiesaal erfuhr Michel, daß "eine Wildreservation eine Gegend ist, die wegen ungünstiger klimatischer oder geologischer Verhältnisse oder der Armut an Bodenschätzen die Kosten der Zivilisierung nicht lohnt". Ein Klicken, das Schulzimmer verdunkelte sich, und auf der Leinwand über dem Kopf des Lehrers erschienen plötzlich die Büßer von Acoma, die sich vor Unserer Lieben Frau niederwarfen, winselnd, wie Michel selbst sie winseln gehört hatte, und die vor Jesus am Kreuz und dem Adlerbild Pukongs ihre Sünden bekannten. Die Schüler brüllten vor Lachen bei diesem Anblick. Noch immer winselnd erhoben sich die Büßer, warfen ihre Hemden ab und begannen, sich mit geknoteten Geißeln zu schlagen. Das Gelächter wurde noch einmal so laut und übertönte sogar die verstärkte Wiedergabe ihres Ächzens und Stöhnens. "Warum lachen sie?" fragte der Wilde betroffen. "Warum?" Breit grinsend wandte sich der Schulleiter ihm zu. "Warum? Weil das unerhört komisch ist."
aus: Aldous Huxley, Schöne neue Welt, 1953, Fischer Taschenbuch (OT Brave new Wold).
Schöne neue Welt spielt im Jahre 632 "nach Ford" in einer Wohlstandsgesellschaft, die an die Stelle Gottes und der Religion die Idee von Massenproduktion -und Konsum stellt. "Gemeinschaftlichkeit", "Einheitlichkeit" und "Beständigkeit" lautet die Parole. Sport, Sex, die Soma-Drogen und ein grausames Erziehungssystem der Flaschenkinder, die nicht mehr geboren, sondern nur noch entkorkt werden, lassen den Kastenmenschen zurück in einer infantilen Gefühlswelt. Drei Außenseiter treffen aufeinander und suchen einen Weg aus der vorprogrammierten Welt.
Aldous Huxley (1894-1963) arbeitete als Journalist und Kunstkritiker. Von der buddhistischen Lehre beeinflusst entwickelte er sich nach dem Ersten Weltkrieg vom amüsiert beobachtenden Satiriker zum leidenschaftlichen Reformator, der die Welt durch eine universale mystische Religion zu heilen versuchte.
aus: Aldous Huxley, Schöne neue Welt, 1953, Fischer Taschenbuch (OT Brave new Wold).
Schöne neue Welt spielt im Jahre 632 "nach Ford" in einer Wohlstandsgesellschaft, die an die Stelle Gottes und der Religion die Idee von Massenproduktion -und Konsum stellt. "Gemeinschaftlichkeit", "Einheitlichkeit" und "Beständigkeit" lautet die Parole. Sport, Sex, die Soma-Drogen und ein grausames Erziehungssystem der Flaschenkinder, die nicht mehr geboren, sondern nur noch entkorkt werden, lassen den Kastenmenschen zurück in einer infantilen Gefühlswelt. Drei Außenseiter treffen aufeinander und suchen einen Weg aus der vorprogrammierten Welt.
Aldous Huxley (1894-1963) arbeitete als Journalist und Kunstkritiker. Von der buddhistischen Lehre beeinflusst entwickelte er sich nach dem Ersten Weltkrieg vom amüsiert beobachtenden Satiriker zum leidenschaftlichen Reformator, der die Welt durch eine universale mystische Religion zu heilen versuchte.
Freitag, 31. Mai 2013
Das ist hier die Preisfrage
Kan die Theologie von der nähern Vereinigung, die einige Neuere zwischen ihr und der Dichtkunst zu knüpfen angefangen, sich wohl Vortheile verprechen?
Denn nur iezt, nachdem ich unwidersprechlich dargethan, daß die Poesie nicht minder als die Theologie gegen den kalten Verstand zu Felde ziehe, darf ich mit einiger Hofnung der Antwort auf die Frage entgegensehen: wenn nun gar zu den Termen der Theologie sich die Dichtkunst mit ihren Verhüllungen schlägt, wenn dem leichten Kopf der ernstern die leztere noch gar ihre Flügel leiht, mus sie alsdan nicht zu einer neuen Höhe aufsteigen? - Allein dies ist noch das Wenigste.
Dieser Preisfrage widmete sich Jean Paul in den 1780er Jahren und gewann mit deren Beantwortung sogar den Preis! Um es hier abzukürzen: JA! Doch bei diesen sintflutartigen Regengüssen draußen und Erkältungsgefieber drinnen werde ich mich heute nicht auf die Folge logischer Argumente einlassen, sondern nur einige köstliche Textauszüge zitieren:
Da man endlich auch durch Scheiter- haufenfeuer niemanden mehr erleuchten kan, so bleibt folglich nur ein einziges Mittel, zu erleuchten übrig, nämlich Dichterfeuer.
Ferner: der Anfang und das Ende der Bibel stammen aus poetischen Federn her und die Dichtkunst scheint an ihr keine Verschönerung gespart zu haben. Denn nur iezt, nachdem ich unwidersprechlich dargethan, daß die Poesie nicht minder als die Theologie gegen den kalten Verstand zu Felde ziehe, darf ich mit einiger Hofnung der Antwort auf die Frage entgegensehen: wenn nun gar zu den Termen der Theologie sich die Dichtkunst mit ihren Verhüllungen schlägt, wenn dem leichten Kopf der ernstern die leztere noch gar ihre Flügel leiht, mus sie alsdan nicht zu einer neuen Höhe aufsteigen? - Allein dies ist noch das Wenigste.
Samstag, 12. Januar 2013
Der kleine Unterschied
Der Roman Fahrenheit 451 in welchem es um eine düstere Zukunft geht, in der Bücher verboten sind - und absurderweise von Feuerwehrleuten verbrannt werden - wurde von Ray Bradbury zum Großteil 1950 im Keller einer Bibliothek auf einer Münz- schreibmaschine geschrieben. Diese Novelle hieß Der Feuerwehrmann. Den übrigen Teil schrieb er 1953 als endlich ein Verleger das Potential dieser Geschichte entdeckte. Übrigens auch Hugh Hefner entdeckte es und kaufte ihm das Manuskript für die ersten Ausgaben des Playboy ab. 1966 wurde der Bestseller von Francois Truffaut verfilmt. Der Film ist zum Kultfilm geworden, auch ich muss ihn wieder und wieder sehen.
Nun zum kleinen Unterschied, den ich versprochen habe zu erwähnen. Montag, einmal zum Leser bekehrt, setzt sich im Roman mit der Bibel auseinander. Er entdeckt den Wert dieses Buches sehr schnell. Er fragt seinen Professor wieviele Exemplare es wohl noch gibt, er zeigt es seiner Frau Mildred:
"Das hier ist das Alte und Neue Testament, und -""Fang bloß nicht wieder damit an!"
"Es ist vielleicht das letzte Exemplar in unserem Erdteil"
"Du musst es doch bis heute Abend abliefern? " ... Später: In Mildreds Gesicht zuckte es: "Siehst du jetzt, was du angerichtet hast? Du wirst uns zugrunde richten! Was ist wichtiger, ich oder die Bibel da?"
Für Truffaut spielt dieser Kampf um das Buch der Bücher keine Rolle. Es ist ein Buch wie jedes andere auch. Und obwohl Ray Bradbury erzählt, er habe damals wahllos nach den Büchern gegriffen, sich einfach aus den Regalen genommen, was da war, spielt die Bibel doch ab dem 2.Teil des Romans eine erhebliche, herausragende Rolle, die nicht als zufällig angesehen werden kann.
Kehren wir nochmals zur Romanhandlung zurück. Ich zitiere nur einige Stellen, die aufzeigen sollen, dass man selbst den Zufall nicht überstrapazieren kann. "Wie nun die U-Bahn ihn ruckweise durch die toten Keller der Stadt beförderte, kam ihm die furchtbare Erkenntnis jenes Sommertages wieder in den Sinn, und er senkte den Blick und bemerkte, dass er die Bibel aufgeschlagen in der Hand hielt. Es fuhren noch andere im selben Wagen, aber er hielt das Buch weiter in Händen und hatte plötzlich den törichten Einfall, wenn er schnell lese und alles lese, bliebe vielleicht etwas von dem Sand im Sieb (vgl. die Kindheitserinnerung zuvor -MF)." Er versucht das Gelesene möglichst im Gedächtnis zu behalten, um das Buch so zu retten, denn er geht in dieser Szene noch immer davon aus, dass er das Buch abliefern muss. Aber es kommt anders...
Auf der Flucht lässt sich Montag das Buch Hiob von seinem Lehrer vorlesen.Später, als er auf die Gruppe im Wald stößt, die ihn als Flüchtling willkommen heißt:
"Was hast du zu bieten?"
"Nichts. Ich dachte, ich hätte einen Teil des Predigers Salomo und vielleicht ein Stück der Offenbarung, aber auch das habe ich nicht mehr"
"Der Prediger wäre gut. Wo war das Buch?"
"Hier." Montag deutete auf seine Stirn.
Man tröstet ihn mit dem Argument, dass alles wiederkommt, die Erinnerung an das Gelesene, wenn er es wirklich braucht. Die anderen der Gruppe stellen sich ihm als A.Schweitzer, Schopenhauer, Darwin, aber auch als Matthäus, Markus, Lukas und Johannes vor. Sie laufen zusammen. In der Ferne bricht der Krieg aus, der die Stadt vernichten wird. Ausgerechnet im Kriegsgetöse, in der Erschütterung und Niedergeschlagenheit fallen ihm alle Worte des Predigers wieder ein. Und auch wenn diese Wanderung durch Wälder und die Flucht noch dauern, so ist die Gruppe doch zuversichtlich. Ihr Credo lautet: "Wenn man uns fragt, was wir eigentlich tun, dann könnt ihr sagen: wir erinnern uns"
Der Roman endet mit dem Bibelwort:
Und auf beiden Seiten des Stromes stand ein Baum des Lebens, der trug zwölfmal Früchte und brachte seine Früchte alle Monate;
und die Blätter des Baumes dienten zur Heilung aller Völker.
In seinem Nachwort zum Roman schreibt RB: "Was sie hier vor sich haben ist die Romanze eines Schriftstellers mit den Bibliotheksregalen, die Liebesaffäre eines traurigen Mannes namens Montag - nicht mit dem Mädchen von nebenan, sondern mit dem Rucksack voller Bücher." Und ich darf ergänzen: und dem einen, ganz besonderen Buch in seinen Händen.
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