an gott (von ernst jandl)
dass an gott geglaubt einstens er habe
fürwahr er das könnte nicht sagen
es sei einfach gewesen gott da
und dann nicht mehr gewesen gott da
und dazwischen sei gar nichts gewesen
jetzt aber müsste er sich plagen
wenn jetzt an gott er glauben wollte
garantieren für ihn könnte niemand
indes vielleicht eines tages
werde einfach gott wieder da sein
und gar nichts gewesen dazwischen
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Mittwoch, 20. Mai 2015
Wie glücklich könnte man sein
Nochmal Huxley: "Schöne neue Welt"
Schade, dachte er, während er unterschrieb. Es war ein Meisterwerk. Aber wenn man erst einmal Erklärungen zum Thema der Zweckbestimmung zuließ - ja, dann waren die Folgen nicht absehbar. Solche Gedanken untergruben nur zu schnell die Normung der weniger gefestigten Geister innerhalb der höheren Kasten, sie raubten ihnen den Glauben an das Glück als das Höchste Gut und lehrten sie stattdessen den Glauben an ein Ziel, das irgendwo jenseits, irgendwo außerhalb des gegenwärtigen menschlichen Bereichs lag. Solche Irrlehren führten dahin, den Sinn des Daseins nicht in der Erhaltung des Wohlbefindens zu sehen, sondern in der Vertiefung und Verfeinerung der Erkenntnis, der Vermehrung des Wissens. Vielleicht, überlegte der Aufsichtsrat, sogar ein wahrer Glaube. Aber unter den derzeitgen Verhältnissen unzulässig. Er nahm noch einmal den Stift und zog unter die Worte "Zur Veröffentlichung nicht freigegeben" einen zweiten Strich, dicker, schwärzer noch als der erste. Dann seufte er. "Wie glücklich könnte man sein", sann er, "wenn man nicht an das Glück denken müsste!"
Freitag, 14. Februar 2014
Zustände - Alle Tage
Erst jetzt den wunderbaren Roman der Buchpreisträgerin Terézia Mora Alle Tage gelesen und sogar was für diesen Blog darin gefunden, und zwar im Kapitel "Gottesurteile": Manchmal, sagte Ilia, bin ich von Liebe und Hingabe ganz erfüllt. So ganz und gar, dass ich gar nichts anderes mehr bin als diese Liebe und diese Hingabe. Das dauert einige Minuten. Manchmal auch nur Sekunden. Ich tauche auf und sehe: Es waren nur wenige Sekunden. Bevor ich auftauche, sehe ich mich von außen. Ich sehe mich in Ekstase und erkenne es als Pose. In diesem Moment, wenn ich es als Pose erkenne, bin ich von der Hingabe zur Skepsis gewechselt, also vom Glauben zum Nichtglauben. Wenn ich mich in der Skepsis befinde, und das tue ich häufig, erscheine ich mir in meiner vorherigen Hingabe, mit allem, was dazugehört an ganz klar abergläubischen Ritualen, die ich allein oder mit anderen zusammen ausführe, als lächerlich und dumm. Wenn ich im Glauben bin, und auch das bin ich ziemlich häufig, scheine ich mir in meiner Skepsis abscheulich und dumm. Das sind meine beiden Zustände. Entweder der eine oder der andere, und manchmal auch beide zusammen.
Terézia Mora, Alle Tage, btb, 2006.
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