Samstag, 9. Mai 2015

Fenster für die Seele

Kai Weyand erzählt in seinem zweiten Roman Applaus für Bronikowski von einem der auszog, dass Erwachsenwerden zu lernen. Weit kommt er nicht, aber gerade das macht Nies, abgeleitet von Dionysos, so angenehm. Kein Job, keine Freundin, keine großen Träume, nein, auch keine Krise, denn Nies ist einfach nur Nies. Er verweigert die großen Vorhaben von sich aus, aber auch ein wenig aus Protest. So gerät der Held ebenso absichtslos an einen Job im Bestattungsinstitut. Dort lernt er das Leben durch die Toten ein bisschen besser kennen.

Oft kamen NC die toten Körper, die er abholte, auf eigentümliche Art hilflos und bedürftig vor, wenn sie abgemagert, kraftlos und von Krankheit und Gewalteinwirkung gezeichnet vor ihm lagen. Und dann schien es ihm, als hörte er ihre Stimmen und sie baten ihn, sie nicht in diesem Zustand zu bestatten. Und tatsächlich meinte er, dass die Körper noch einmal an Kraft gewannen, wenn er sich ihnen zuwandte und sie versorgte. Es war kein letztes Aufbäumen, denn es gab ja nichts mehr zu kämpfen. Es schien ihm mehr ein letztes Leuchten vor dem endültigen Verglühen zu sein, wie ein Dankeschön oder wie ein Abschiedsgruß kam es ihm vor. Vielleicht an die Seele, dachte NC. 

Später heißt es: An der Decke hingen wie auf den Gängen große Neonröhren. NC schaltete das Licht an. Ein Fenster gab es nicht. Auch wenn die Seele kein Fenster braucht, um fortzufliegen, wäre es schön, sie würde eines vorfinden ...

Es gibt viele Gründe dafür, warum man dieses Buch lesen sollte: es ist klug, außergewöhnlich humorvoll und der Tod blickt einem während des Lesens irgendwie freundlich über die Schulter. Mir fiel Franz von Assisi ein, der den Tod bewußt Bruder Tod nannte.


Kai Weyand, Applaus für Bronikowsli, Wallstein Verlag 2015.