Sonntag, 9. November 2014

Und wir in der Mitte durch

25. Jahre Mauerfall 

Dazu einige Auszüge aus der Kurzgeschichte Verheißung

Was der Osten war

Ich hatte Freunde. Wir trafen uns in derselben Kirche, obwohl wir in der ganzen Stadt verteilt wohnten. Bald wohnten wir gemeinsam, getrennt, gemeinsam. Wir lasen alle Bücher gemeinsam, getrennt, gemeinsam. Die verbotenen Bücher machten in unserem Freundeskreis die Runde. Alle lasen den Zarathustra und 1984 lasen alle Orwells 1984. Danach fühlten wir uns nicht mehr sicher in der Stadt. Also zogen wir aufs Land und schafften zunächst mal Hühner an. Es gab kaltes Wasser auf dem Hof, das wir in eine weiße Emailleschüssel pumpten und auf den Herd stellten, um es anzuwärmen. Wenn wir beim Abwaschen noch zwei Schüsseln dazustellten, dachte ich an meine Oma. Aber nur kurz. Niemand von uns hatte an Gummihandschuhe und Ärmelschoner gedacht. Man wollte lieber Gitarre spielen, diskutieren und den Staat im Staate gründen. Fern ab von der Staatssicherheit. Unsere Ausweise wollten wir dem Staat schenken. Irgendwann.
Es gab eine Gemeinschaftsbibliothek und genaue Absprachen darüber, wer wann welches Buch aus dem Westen besorgen könnte. Eines Tages sagte mein Freund, die wissen von unserer Bibliothek, einer von uns hat uns verraten. Dem Osten konnte man nicht entkommen. Er war überall in diesem Land. Wir beschlossen das Landleben aufzugeben. Wer nicht Musik machen wollte, begann schließlich Theologie zu studieren.

1986 legte sich meine Westoma in ihrem Seniorenheimzimmer ins Bett, um nicht mehr aufzustehen. Für eine Übersiedlung war es lange schon zu spät. Sie sei zu verwirrt gewesen. Mein Vater erhielt keine Reiseerlaubnis, um sich an das Bett seiner Mutter setzen zu können. Erst als man ihr Bett in Sterbebett umbenannte, durfte er über die Grenze und sogar an dieses Sterbebett treten, ihre nackte Hand umschließen bis der Tod sie ihm für immer entzog. Er stand verwaist und kinderlos auf der Beerdigung seiner Mutter, denn wir hatten keine Reiseerlaubnis erhalten. Erst später, als mein Vater zurück war, bekamen wir sie. Ich staunte, was meine Westoma nach ihrem Tode noch alles durchsetzen konnte. Wir durften rüber. Eine nach der andern. Ich hatte verstanden.

Rechts die Mauer, links die Mauer und ich in der Mitte durch.

Die Luft im Westen war anders, selbst in Hannover. Ich lief dort tagsüber durch die Museen, Buchhandlungen und Antiquariate, und nachts ging ich ins Kino oder hockte mit meinen neuen Freunden in Kneipen. Meine neuen Freunde waren Buchhändler und Museumswärter, Kellner oder Studenten, die mir ihre Telefonnummer gaben oder ein Essen in der Mensa spendierten. Ich konnte die Seife meiner Oma an ihren Händen riechen, während sie versuchten mir die Augen zu öffnen.

Die Universität in Hannover war sehr schön. Noch nie hatte ich eine solche Universität gesehen. Sie erinnerte mich an die EWU, die Einzig-Wahre-Universität, die wir im Osten immer gründen wollten. Irgendwann. Im Westen gab es nicht nur zwei Studienfächer, Theologie und die andern. Man konnte alles studieren. Man konnte ein richtiges Philosophiestudium aufnehmen. Man konnte alle Bibliotheksbücher entleihen. Ich nahm eine andere Haltung an und atmete tief durch. Frei, dachte ich, hier wäre man wirklich frei. Aber, wem würde ich die neuen Bücher zeigen, mit wem würde ich die Bücher lesen. Gemeinsam, getrennt und gemeinsam. Ich fühlte mich noch nicht reif für eine eigene Bibliothek. Ein eigenes Kapital. Plötzlich sehnte ich mich nach meinen alten Freunden. Und die Tante rief, das ist doch kein Hotel hier. Ich musste ihr recht geben.

Berlin. Drei Jahre später. Links die Mauer, rechts die Mauer und wir alle in der Mitte durch.

Was der Westen ist
Der Westen ist hier beinahe allgegenwärtig, und wir geben so ziemlich alles, um dieser Tatsache gerecht zu werden. Dafür ziehen wir durchs Land, dafür arbeiten wir, wo andere Urlaub machen. Ich habe jetzt eine eigene Bibliothek, einen eigenen Mann und ein eigenes Kind. Und die eine oder andere Seife erinnert mich noch an den verheißungsvollen Geruch, der dem geöffneten Koffer meiner Oma Sommer für Sommer entstieg.

Was der Osten ist

Der Osten ist jetzt nur noch eine Himmelsrichtung.

aus: Manuela Fuelle, Verheißung, in: Adieu. Geschichten von Abschied und Aufbruch, Hg. von Arnd Brummer, edition chrismon 2014.