Mittwoch, 13. August 2014

Literatheo wünscht einen guten Urlaub!

Oder vom Atemholen der Liebe! 
Viele von uns werden im Urlaub zu großen und kleinen Wanderern, manche pilgern, einige pilgern nach Lourdes, spüren dem Leben und Sehen eines kleinen Bauernmädchens nach, die heute eine große Heilige ist. O Wunder. Wir brauchen viele Zeichen und Wunder, aber wir brauchen auch Urlaub vom Wunder. Franz Werfel bringt es in seinem Roman Das Lied von Bernadette auf den Punkt: 

Die Seligkeit Bernadettes ist vollkommen. Gerade durch den Urlaub, den die Dame sich nimmt und ihr gibt, kommt eine Ruhe über sie, die nichts anderes ist als die betrachtende Stetigkeit der erfüllten Freude. Die große Doppelwoche hat an Bernadettens Kräften gezehrt. Es ist klar, daß die Dame ihr eine Pause vergönnt, in der sie sich sammeln, in der sie die Ernte dieser Tage bergen kann. Gut ist diese Pause, fühlt Bernadette. Die Dame hat auswärts zu tun. Gewiß ist auch sie müde von dem vielen Erscheinen. Es gibt Trennungen, die selbst die Trautliebenden begrüßen, weil sie ein Atemholen der Liebe sind. 

Franz Werfel, Das Lied von Bernadette, Fischer Verlag, 1998.   

Dienstag, 22. Juli 2014

Licht des Schauens

Im Buch der Mystik von Balzac - auf das ich ehrlich gesagt am neugierigsten war -  finden wir folgende Bücher: Seraphita (kaum mehr lesbar), Jesus Christus in Flandern (gut lesbar und noch immer aktuell) und Louis Lambert das aus einer Vielzahl von Gründen interessanteste unter ihnen. 
Ich konnte es selber kaum fassen, aber tatsächlich hat sich Balzac in den 1830er Jahren mit Mesmerismus, Mystik und vielen religiösen Fragen beschäftigt. Außerdem hat sich Balzac in seinem Protagonisten Louis Lambert zum Teil selbst porträtiert. Wir treffen auf einen introvertierten genialen Jungen, der den Härten des Internatslebens kaum gewachsen scheint. Er wird weder von seinen Lehrern noch Mitschülern verstanden. Immer stärker flieht er in seine innere, seine Gedanken- und Ideenwelt. Die Schriften des Mystikers Svedenborg inspirieren ihn zu ausufernden Geistreisen und Spekulationen. Wie es mit ihm nach dem Internat weitergeht? Wie es endet? Ob er die reiche Jüdin Pauline heiraten wird oder nicht? Finden Sie es heraus. Ich muss hier ein bisschen beim Thema bleiben und fische lediglich ein paar Zitate für Sie heraus:

XVI.
Die Gabe des Schauens besteht darin, die Dinge der materiellen Welt ebenso gut wie diejenigen der geistigen Welt in ihren ursprünglichen und ihren in der Folge abgewandelten Arten zu sehen. Die schönsten menschlichen Genien sind diejenigen, die von den Dunkelheiten des Abstrakten ausgegangen sind, um zum Licht des Schauens zu gelangen (species, schauen, nachsinnen, alles sehen und auf einmal; speculum, Spiegel oder Mittel , eine Sache zu begreifen indem man sie ganz sieht). Jesus war ein Seher, er sah das Geschehene in seinen Wurzeln und in seinen Früchten, in der Vergangenheit, die es hervorgebracht, in der Gegenwart, in der es sich darstellt, in der Zukunft, in der es sich entfaltet. Sein Schauen durchdrang die Einsicht des Anderen. Die Vollkommenheit des inneren Schauens erzeugt die Sehergabe. Das "Sehen" bringt die Intuition mit sich. Die Intuition ist eine der Gaben des "inneren Menschen ".

XVIII.
Die Sehergabe ist naturgemäß der vollkommenste Ausdruck des Menschen, der Ring, der die sichtbare Welt mit der höheren verbindet: der schauende Mensch handelt, sieht und fühlt durch sein Inneres. Der abstrakte Mensch denkt, der Instinktive handelt. 

XX.
Es gibt drei Welten: die natürliche, die geistige, die göttliche. .. Es gibt daher einen materiellen, einen geistigen, einen göttlichen Kult; drei Formen, die sich durch das Handeln, das Wort, das Gebet auswirken, oder anders ausgedrückt: durch die Tatsachen, den Verstand und die Liebe. Der Instinktive will Tatsachen, der Abstrakte beschäftigt sich mit den Ideen, der Seher sieht das Ende, strebt Gott zu, den er vorempfindet oder betrachtet.



Mittwoch, 16. Juli 2014

Als eine Wiesen Blum

Heute vor 350 Jahren oder heute ..."Was sind wir Menschen doch! Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen."
                                   
Der schlesische Dichter Andreas Gryphius gehört zu den wichtigsten Barockdichtern deutscher Sprache. Er thematisierte in seiner Lyrik das Leid und die existenzielle Verunsicherung der Menschen während des Dreißigjährigen Kriegs. 




Du sihst / wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden.
Was dieser heute baut / reist jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn / wird eine Wiesen seyn /
Auff der ein Schäfers-Kind wird spielen mit den Herden.

Was itzund prächtig blüht / sol bald zutretten werden.
Was itzt so pocht vnd trotzt ist morgen Asch vnd Bein /
Nichts ist / das ewig sey / kein Ertz / kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück vns an / bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Thaten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit / der leichte Mensch bestehn?
Ach! was ist alles diß / was wir vor köstlich achten /

Als schlechte Nichtigkeit / als Schatten / Staub vnd Wind;
Als eine Wiesen-Blum / die man nicht wider find’t.
Noch wil was ewig ist kein einig Mensch betrachten!



(Andreas Gryphius, Es ist alles eitel)

Samstag, 5. Juli 2014

METEORA


Letzte Woche gesehen. Der Film erzählt wenig bis nichts. Die Geschichte der verbotenen Liebe zwischen einem Mönch und einer Nonne bleibt fragmentarisch und wirkt wie ein Vorwand. Alles Gesagte bleibt Andeutung und kehrt eilig zurück ins Schweigen. Bewusst. Der Film ist ein Gedicht. Jedes Bild ist sorgfältig gewält und erhält den Raum, den es benötigt. Aus der Stille der Klöster steigen diese Bilder, die weiter nichts tun als den Psalm 23 als Liebesgedicht aufsagen.



Psalm 23

 Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.



Montag, 30. Juni 2014

Zeichen der Liebe


AUGUSTINUS

CONFESSIONES 4,8,13

Mit einander reden und lachen,
sich gegenseitig Gefälligkeiten erweisen,
zusammen schöne Bücher lesen,
sich necken,
dabei aber auch einander
Achtung erweisen,
mitunter sich auch streiten
– ohne Hass,
wie man es auch mit sich tut,
manchmal auch in den Meinungen
auseinandergehen
und damit die Eintracht würzen,
einander belehren
und von einander lernen,
die Abwesenden schmerzlich vermissen
und die Ankommenden freudig begrüßen
– lauter Zeichen der Liebe und Gegenliebe,
die aus dem Herzen kommen,
sich äußern in Miene, Wort
und tausend freundlichen Gesten,
und wie Zündstoff den Geist
in Gemeinsamkeit entflammen,
so dass aus Vielheit Einheit wird.

Sonntag, 22. Juni 2014

Höflichkeitskatechismus

Der gute alte Goethe soll wieder schuld sein, und zwar diesmal daran, dass Balzac im deutschen Sprachraum ein bekannter Unbekannter ist (vgl. Willms, Balzac Biographie, die mich auf einer sehr schönen Südfrankreich-Reise gut unterhalten hat.) Aber selbst wenn es so wäre - und wir sogar einen Sündenbock haben - muss dies ja nicht für immer gelten. 
Um sogleich mit gutem Beispiel voran zu eilen, folgen nun Sätze des Meisters: Mademoiselle Cormon sah es als eine ihrer Pflichten an, zu reden; nicht daß sie schwatzhaft gewesen wäre, sie war unglücklicherweise zu beschränkt und kannte zuwenig Redensarten, um ein Gespräch führen zu können; aber sie glaubte damit eine von der Religion vorgeschriebene soziale Pflicht zu erfüllen, die uns auferlegt, sich seinen Mitmenschen angenehm zu machen. Diese Verpflichtung kostete sie soviel Anstrengung, daß sie über diesen Punkt des Höflichkeitskatechismus ihren religiösen Beistand, den Abbé Couturier, befragt hatte. Trotz der bescheidenen Bemerkung seines Beichtkindes, daß sich ihr Geist, um etwas Unterhaltendes zu finden, einer schweren inneren Arbeit unterziehen müsse, las ihr der alte Priester, der in Fragen des Verhaltens unerschütterlich war, eine ganze Passage aus dem heiligen Franz von Sales über die Pflichten der Frau der Gesellschaft vor, über die wohlanständige Heiterkeit frommer Christinnen, die sich ihre Strenge für sich selbst aufsparen und sich in ihrem Hause liebenswürdig zeigen sollten, so daß sich ihre Mitmenschen nicht bei ihnen langweilen. Da sie nun ihrem Beichtvater, der ihr das Plaudern zur Pflicht gemacht hatte, um jeden Preis gehorchen wollte, so geriet die Arme in ihrem Korsett in Schweiß, wenn die Unterhaltung erschlaffte, so schwer wurde ihr der Versuch, ihre Gedanken auszudrücken, um die ermatteten Gespräche wieder zu beleben. Sie gab dann seltsame Satzgebilde zum besten, etwa wie das folgende: "Niemand kann an zwei Stellen zugleich sein, wenn er nicht ein Vögelchen ist". 

Balzac, Die alte Jungfer, Insel Taschenbuch, S. 85.
 

Dienstag, 3. Juni 2014

Zwar glänzt ein Weniges heute

 Friedrich Hölderlin

Der Gang aufs Land



Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
  Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.
Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes
   Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng' und die Gassen und fast will
    Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.
Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer
    Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.
Denn nicht wenig erfreut, was wir vom Himmel gewonnen,
    Wenn ers weigert und doch gönnet den Kindern zuletzt.
Nur daß solcher Reden und auch der Schritt’ und der Mühe
    Wert der Gewinn und ganz wahr das Ergötzliche sei.
Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte
    Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst,
Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist,
    Und von trunkener Stirn' höher Besinnen entspringt,
Mit der unsern zugleich des Himmels Blüte beginnen,
    Und dem offenen Blick offen der Leuchtende sein.
Denn nicht Mächtiges ists, zum Leben aber gehört es,
    Was wir wollen, und scheint schicklich und freudig zugleich.
Aber kommen doch auch der segenbringenden Schwalben
    Immer einige noch, ehe der Sommer, ins Land.
Nämlich droben zu weihn bei guter Rede den Boden,
    Wo den Gästen das Haus baut der verständige Wirt;
Daß sie kosten und schaun das Schönste, die Fülle des Landes
    Daß, wie das Herz es wünscht, offen, dem Geiste gemäß
Mahl und Tanz und Gesang und Stutgards Freude gekrönt sei,
    Deshalb wollen wir heut wünschend den Hügel hinauf.
Mög' ein Besseres noch das menschenfreundliche Mailicht
    Drüber sprechen, von selbst bildsamen Gästen erklärt,
Oder, wie sonst, wenns andern gefällt, denn alt ist die Sitte,
    Und es schauen so oft lächelnd die Götter auf uns,
Möge der Zimmermann vom Gipfel des Daches den Spruch tun,
    Wir, so gut es gelang, haben das Unsre getan.
Aber schön ist der Ort, wenn in Feiertagen des Frühlings
    Aufgegangen das Tal, wenn mit dem Neckar herab
Weiden grünend und Wald und all die grünenden Bäume
    Zahllos, blühend weiß, wallen in wiegender Luft,
Aber mit Wölkchen bedeckt an Bergen herunter der Weinstock
    Dämmert und wächst und erwarmt unter dem sonnigen Duft.



Montag, 26. Mai 2014

Hans im Glück

Zur Einstimmung auf die Glückslesung (sieh unten) und oder für die sentimentale Geistreise (Nostalgie für Ossis, die es garantiert kennen) Ich habe es mit Begeisterung wieder gehört.

Donnerstag, 15. Mai 2014

Der Wille zum Glück



Literaturraum Kirche lädt ein!


1. Juni 2014 – 18:00 Uhr in der Friedenskirche
Bei unserer nächsten Themenlesung: Glück ist wie ...“ wollen wir der diesjährigen Jahreslosung "Gott nahe zu sein, ist mein Glück" literarisch nachspüren.


"Glück ist wie Blütenduft,
der dir vorüberfliegt ...
Du ahnest dunkel Ungeheures,
dem keine Worte dienen -
schließest die Augen,
wirfst das Haupt zurück -
und, ach!
vorüber ists."
Christian Morgenstern

»Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.«
Hermann Hesse

Chr. Morgenstern, Thomas Mann, Psalmen und mehr gelesen von: Judith Beck, Anne-Kerrin Gomer und dem Schauspieler Peter Haug-Lamersdorf. Musikalisch wird die Lesung umrahmt von Aaron Epstein (Klavier). 

Der Eintritt ist frei, Spenden sind erwünscht

Ort: Friedenskirche, Freiburg, Hirzbergstraße 1 (neben der Musikhochschule)

Samstag, 10. Mai 2014

Dies Verlangen



Blaise Pascal, Gedanken über Religion und andere Themen (1669)

Wir verlangen nach der Wahrheit und finden in uns nichts als Ungewissheit. Wir suchen das Glück und finden nur Elend. Wir sind unfähig nicht zu begehren die Wahrheit und das Glück und wir sind unfähig sowohl der Gewissheit als des Glücks. Dies Verlangen ist uns gelassen eben so sehr um uns zu strafen als um uns fühlbar zu machen, von welcher Höhe wir herabgefallen sind.

Ist der Mensch nicht gemacht für Gott, warum ist er nicht glücklich als in Gott? Ist der Mensch gemacht für Gott, warum ist er so wider Gott?

Sonntag, 27. April 2014

Himmelsvision



Eine Pfarrerstochter
 Georg Orwell

Es war außerordentlich, wie der Himmel ständig in ihren Gedanken war; und noch ungewöhnlicher war die Gegenwärtigkeit, die Lebendigkeit, mit der sie alles sehen konnte. Die güldenen Straßen und die Tore aus orientalischen Perlen waren für sie so wirklich, als wären sie buchstäblich vor ihren Augen. Und ihre Vision erstreckte sich auf die konkretesten, die irdischsten Einzelheiten. Wie weich die Betten dort oben waren! Wie köstlich das Essen! Die herrlichen seidenen Gewänder, die man dort jeden Morgen frisch anziehen würde! Die Befreiung von Ewigkeit zu Ewigkeit und von Arbeit jeglicher Art! In fast jedem Augenblick ihres Lebens stärkte und tröstete sie ihre Vision des Himmels, und ihre verzweifelten Klagen über das Leben der "armen arbeitenden Menschen" wurden seltsam gemildert von der Befriedigung in der Vorstellung, daß schließlich die "armen arbeitenden Menschen" die hauptsächlichen Bewohner des Himmels waren. Sie hatte da eine Art von Handel abgeschlossen und ihr langes Leben voller Müh und Plage gegen die ewige Seligkeit gesetzt. Ihr Glaube war fast zu stark, wenn das möglich ist. Denn es war eine merkwürdige Tatsache, daß die Sicherheit, mit welcher Mrs. Pinther dem Himmel entgegensah - als eine Art von himmlischem Heim für Unheilbare -, Dorothy mit einem seltsamen Unbehagen erfüllte. ..

Wir kennen Orwell "1984" - ein Roman der mich persönlich auch stark geprägt hat, wir kennen auch Orwells "Farm der Tiere", aber jetzt erst kam die Zeit für die "Pfarrerstochter", die er Anfang der Dreißger Jahre geschrieben hat. Der Titel klingt schwach, doch der Roman ist stark. Orwell kannte sich erstaunlich gut aus in all den klerikalen Fragen, den verschiedenen Richtungen, die die Kirche seiner Zeit in England ging und in Glaubensfragen noch dazu. Es ist eine echte Entdeckung. Er schildert darin auch eigene Erfahrungen, die er als Erntehelfer bei der Hopfenernte machte und aus der Zeit seiner Obdachlosigkeit. Orwell war zeitweise erbärmlich verarmt.

Georg Orwell, Eine Pfarrerstochter, Diogenes 1983.      

Sonntag, 20. April 2014

Ein zuverlässiges Beispiel



Tertullian
Der Vogel Phönix ein Beleg für die Auferstehung

Wenn das "Weltall noch zu wenig Sinnbild der Auferstehung ist, wenn die Schöpfung nichts derart anzeigt, weil von den einzelnen Dingen in derselben nicht sowohl ein Sterben als ein Aufhören ausgesagt und keine Wiederbeseelung, sondern nur eine Wiederherstellung angenommen wird, so vernimm nun noch ein ganz voll- ständiges und zuverlässiges Beispiel dieser Hoffnung. Sein Gegenstand ist ein beseeltes, des Lebens und Sterbens fähiges Wesen. Ich meine nämlich den nur dem Orient, angehörigen Vogel, der, durch seine Einzigkeit ausgezeichnet, in bezug auf Nachkommenschaft ein Wunder der Natur ist, der, sich selbst freiwillig begrabend, sich selbst erneuert, an seinem Geburtstage sterbend und wieder eintretend abermals zum Phönix wird, nachdem er schon nichts mehr war, abermals er selber, er, der nicht mehr war, ein anderer und doch derselbe. Was gibt es Ausdrücklicheres und Bezeichnenderes in dieser Beziehung, oder für welche Sache findet sich eine so zutreffende Bestätigung? Gott sagt in der hl. Schrift auch: "Er wird blühen wie ein Phönix", nämlich nach dem Tode und dem Begräbnis, damit man glaube, dass die Substanz des Körpers auch dem Feuer wieder entrissen werden könne. Nun hat aber der Herr den Ausspruch gethan, dass wir besser sind als viele Sperlinge; das würde nichts Grosses sein, wenn wir nicht auch besser wären als der Phönix. Und die Menschen sollten für immer vergehen, während arabische Vögel ihrer Auferstehung sicher sind?!

Tertullian, Über die Auferstehung des Fleisches, Kap. 13 (geschrieben 212-214 n.Chr.)

Freitag, 18. April 2014

Um ihretwillen


Rainer Maria Rilke

Denn wir sind nur die Schale und das Blatt

Denn wir sind nur die Schale und das Blatt.
Der große Tod, den jeder in sich hat,
das ist die Frucht, um die sich alles dreht.

Um ihretwillen heben Mädchen an
und kommen wie ein Baum aus einer Laute,
und Knaben sehnen sich um sie zum Mann;
und Frauen sind den Wachsenden Vertraute
für Ängste, die sonst niemand nehmen kann.
Um ihretwillen bleibt das Angeschaute
wie Ewiges, auch wenn es lang verrann, -
und jeder, welcher bildete und baute,
ward Welt um diese Frucht, und fror und taute
und windete ihr zu und schien sie an.
In sie ist eingegangen alle Wärme
der Herzen und der Hirne weißes Glühn -:
Doch deine Engel ziehn wie Vogelschwärme,
und sie erfanden alle Früchte grün.

Rainer Maria Rilke, 16.4.1903, Viareggio

Freitag, 4. April 2014

Mich hat der Heiland endlich erhascht

Goethe: frühes Genie und später feister Dichterfürst zu Weimar. Ein Dichter, aber ein Mensch? Mit dem Buch - ausgerechnet einer Psychobiographie - von Rainer M. Holm-Hadulla wandelte sich mein Goethe Bild völlig. Ich lege es jedem ans Herz, der Goethes Werk wirklich verstehen will und auch den Menschen Goethe sucht. 

Für diesen Blog wieder einige ausgewählte Zitate: 
"Schon früh war sein Vertrauen in die Güte Gottes durch das verheerende Erdbeben von Lissabon erschüttert worden. Er blieb aber seiner Kirche verbunden und in der Krankheitszeit vertiefte sich seine religiöse Sinnsuche. Im Januar 1769 schreibt er an Langer: Es ist viel mit mir vorgegangen; ich habe gelitten, und bin wieder frey, meiner Seele war diese Calcination sehr nütze, meine relativen Umstände haben sich auch dadurch gebessert, und wenn mein Cörper, wie sie behaupten, auch jetzo wahre Hoffnung, zur Besserung haben kann, weil sich die nächste Ursache meiner Krankheiten entdeckt hat; so weiß ich keinen glücklichern Vorfall, in meinem Leben als diesen schröcklichen... Mich hat der Heiland endlich erhascht, ich lief ihm zu lang und zu geschwind, da kriegt er mich bei den Haaren... Ich binn manchmal hübsch ruhig darüber, manchmal wenn ich stille binn, und alles Gute fühle was aus der ewigen Quelle auf mich geflossen ist. Wenn wir auch noch so lange irre gehen, wir beyde, am Ende wirds doch werden.  

aus: RainerM. Holm-Hadulla, Leidenschaft. Goethes Weg zur Kreativität. Eine Psychobiographie, Vandenhoeck&Ruprecht, 2009.  

Sonntag, 23. März 2014

In Büchern las Herr G.

Aus gegebenem Anlass (s.u.) möchte ich hier nochmals auf die wunderbaren "Geschichten vom Herrn G." von Thomas Weiß hinweisen:

Dass ihm nachgesagt wurde, er wisse alles, machte Herrn G. viele Gedanken, sodass er nachts nicht schlafen konnte, wenn er merkte, worin der doch nicht vollkommen war. Besonders belastend war es für Herrn G. als er feststellte, dass er nicht wusste, was es bedeutet, versehrt zu sein. Also lernte er Abschied, Trauer und Tod. Gute Ratgeber fand er in den Menschen, denen Herr G. dafür sehr dankbar war. 

In Büchern las Herr G. immer wieder und mit Spannung. Darum brachte Herr G. den Menschen das Schreiben bei. Bald nahmen die Veröffentlichungen aber dergestalt überhand, dass Herr G. den Überblick verlor und nicht mehr wusste, was aus der Fülle er lesen sollte. Da erschuf er die Kritiker und den Grauen Star. 


Mehr und vor allem vom Autor selbst gelesen am Sonntag, den 30. März 2014 - 17:00 Uhr in der Freiburger Friedenskirche. Ich schlage vor, Sie schauen dann einfach mal vorbei!