Mittwoch, 13. November 2013

Epiphanie, sieben

James Joyce

Es ist jetzt Zeit zu gehen - das Frühstück steht bereit. Ich spreche noch ein Gebet... Ich habe Hunger; doch blieb ich gern noch hier in dieser stillen Kapelle, wo die Messe so still kam und ging ... Sei gegrüßt, heilige Königin, Mutter der Gnade, unser Leben, unsere Süße und unsere Hoffnung! Morgen und alle Tage will ich dir zum Opfer etwas Tugendhaftes vollbringen, weiß ich doch, ich werde dir wohlgefällig sein, wenn ich es tue. Und nun, leb wohl für jetzt ... O, das wunderbare Sonnenlicht in der Allee, und o, das Sonnenlicht in meinem Herzen! 

James Joyce, Epiphanien (Kleine Schriften) edition suhrkamp, 1974. 

Donnerstag, 7. November 2013

Vorbereitungen zur Nacht

Seit einiger Zeit bin ich wieder unter den Anfängern des Glaubens. Nicht, weil man ständig zurückblicken soll, sondern nur, weil mich mein eigener Wahlspruch zurück zu den Quellen zum gründlichen Studium der Dunklen Nacht des Johannes vom Kreuz brachte. Jeder Kenner weiß, dass die Dunkle Nacht etwas für Fortgeschrittene ist, heute würden wir sagen: die Depression oder der Burn out der Gläubigen tritt ein. Diese Krise sieht Johannes vom Kreuz als notwendig an. Er erklärt mit welch mütterlicher Fürsorge Gott sein Kind entwöhnt, um es weiter voran zu bringen. Aus dem Anfängerstadium des Kinderglaubens ins Stadium der Fort- geschrittenen. Der erste Teil seiner Ausführungen handelt allein von den Unvoll-kommenheiten der Anfänger. Hier findet jeder das Seine. Ich zitiere nur einen Abschnitt, der mich besonders angesprochen hat. Warum wohl?

Das ganze Bemühen dieser Menschen ist darauf ausgerichtet, Schmackhaftes und Tröstliches für den Geist zu suchen; darum haben sie es nie satt, Bücher zu lesen. Einmal nehmen sie sich die eine Meditation vor, dann eine andere, und sie sind im Umgang mit den Dingen Gottes immer auf der Jagd nach Wohlgeschmack. Solchen Menschen verweigert Gott den Geschmack sehr zu Recht und auf diskrete und liebevolle Weise. Wenn er das nicht täte, würden sie durch diese geistliche Genußsucht und dieses Gelüsten Schlechtigkeiten ohne Zahl hineinwachsen. Darum ist es für diese Menschen sehr gut, daß sie in die dunkle Nacht eintreten, von der wir noch sprechen müssen, damit sie dort von all diesen Kindereien geläutert werden.


Samstag, 26. Oktober 2013

Goldener Herbst



Theodor Storm (1817 - 1888)

Oktoberlied

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Und geht es draußen noch so toll,
Unchristlich oder christlich,
Ist doch die Welt, die schöne Welt,
So gänzlich unverwüstlich!

Und wimmert auch einmal das Herz -
Stoß an und lass es klingen!
Wir wissen's doch, ein rechtes Herz
Ist gar nicht umzubringen.

Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
Doch warte nur ein Weilchen!
Der Frühling kommt, der Himmel lacht,
Es steht die Welt in Veilchen.

Die blauen Tage brechen an,
Und ehe sie verfließen,
Wir wollen sie, mein wackrer Freund,
Genießen, ja genießen!

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Norwegisches Märchen

Der Gertrudsvogel

Als unser Herr Christus und St. Petrus noch auf Erden einherwandelten, kamen sie einmal zu einer Frau, die bei ihrem Backtrog stand und den Teig knetete. Sie hieß Gertrud und hatte eine rothe Mütze auf. Da beide den Tag über schon weit gegangen und daher sehr hungrig waren, bat der Herr Christus die Frau um ein Stückchen Brod. Ja, das sollte er haben, sagte sie und nahm ein Stückchen Teig und knetete es aus; aber da ward es so groß, daß es den ganzen Backtrog anfüllte. Nein, das war allzu groß, das konnte er nicht bekommen. Sie nahm nun ein kleineres Stück; aber als sie es ausgeknetet hatte, war es ebenfalls zu groß geworden; das konnte er auch nicht bekommen. Das dritte Mal nahm sie ein ganz ganz kleines Stück; aber auch das Mal ward es wieder zu groß. »Ja, so kann ich Euch Nichts geben,« sagte Gertrud: »Ihr müsst daher ohne Mundschmack wieder fortgehen; denn das Brod wird ja immer zu groß.« Da ereiferte sich der Herr Christus und sprach: »Weil Du ein so schlechtes Herz hast und mir nicht einmal ein Stückchen Brod gönnst, so sollst Du zur Strafe dafür in einen Vogel verwandelt werden und Deine Nahrung zwischen Holz und Rinde suchen, und nicht öfter zu trinken sollst Du haben, als wenn es regnet.« Und kaum hatte er die Worte gesprochen, so war sie zum Gertrudsvogel verwandelt und flog oben zum Schornstein hinaus; und noch den heutigen Tag sieht man sie herumfliegen mit einer rothen Mütze auf dem Kopf und schwarz über dem ganzen Leib; denn der Ruß im Schornstin hatte sie geschwärzt. Sie hackt und bickt beständig in den Bäumen nach Essen und piept immer, wenn es regnen will; denn sie ist beständig durstig.


Peter Christen Asbjörnsen und Jörgen Moe, Norwegische Volksmährchen I-1847. Gedruckt bei Julius Sittenfeld in Berlin. Mit einem Vorwort von L.Tieck.

Samstag, 12. Oktober 2013

Evangelischer Buchpreis 2013

Jenny Erpenbeck erhielt für ihren Roman Aller Tage Abend in diesem Jahr den Evangelischen Buchpreis und man könnte denken, naja, sie hat ja auch andere Preise dafür bekommen, dann kann sie doch den Evangelischen Buchpreis noch dazu haben. Solche Sachen kommen ja vor. Doch nun, wo ich endlich die Zeit gefunden habe, diesen Roman zu lesen, stelle ich fest: dieser Preis ging verdientermaßen an JE und ihren wunderbaren Roman.
Aller Tage Abend bespricht viele Lebensthemen wie Liebe und Freundschaft, Bündnis und Verrat, Hingabe und Untreue, Heimat und Heimatverlust, Politik, Krieg und Verlust mit äußerster Sensibilität. Religiösität oder vielmehr die religiöse Dimension ist beinahe der rote Faden, der sich durchs Buch zieht. Man erkennt das nicht allein an den eingeflochtenen Bibelzitaten oder der jüdischen Herkunft oder katholischen Erziehung einzelner Helden. Warmherzig, tiefsinnig und humorvoll wird hier erzählt und bei all dem noch ein Experiment gewagt. Ich fand Jenny Erpenbeck schon früher gut, jetzt finde ich, sie ist eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen in der deutschen Gegenwartsliteratur.
Mit diesen Worten beginnt der Roman: Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, hatte die Großmutter am Rand der Grube zu ihr gesagt. Aber das stimmte nicht, denn der Herr hatte viel mehr genommen, als da war - auch alles, was aus dem Kind hätte werden können, lag jetzt da unten und sollte unter die Erde. Drei Handvoll Erde... Dreimal lässt die Erzählerin ihre Heldin sterben, doch dreimal auch wieder auferstehen. Vom Ende her wird hier erzählt. Gegen den Tod.   

Jenny Erpenbeck, 1967 in Ost-Berlin geboren, absolvierte nach dem Abitur eine Ausbildung als Buchbinderin und studierte Theaterwissenschaften. Neben der Regiearbeit an verschiedenen Theatern debütierte sie 1999 als Schriftstellerin mit der „Geschichte vom Alten Kind“. Ihre Prosa wurden vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Solothurner Literaturpreis und dem Heimo von Doderer-Literaturpreis, beide 2008 für den Roman „Heimsuchung“.

Jenny Erpenbeck, Aller Tage Abend, Knaus, 2013.

Sonntag, 6. Oktober 2013

Und doch ist einer ...

Rainer Maria Rilke

Herbst

Die Blätter fallen,
fallen wie von weit, 
als welkten in den Himmeln ferne Gärten; 
sie fallen mit verneinender Gebärde. 
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit 
Wir alle fallen. diese Hand da fällt. 
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.




Rainer Maria Rilke, Herbst, Insel Taschenbuch, Frankfurt 2012.

Freitag, 20. September 2013

Literarisch durchs Kirchenjahr

"Die Seele braucht Feste." Anselm Grün Und dieses Buch erzählt von eben diesen (einstmals) hohen kirchlichen Feiertagen. Ein anregender, "anstoßender" literarisch-religiöser Dialog. Dieses Buch wirbt, erzählend und meditierend, lyrisch und prosaisch um die Freundschaft zwischen Literatur und Theologie. Ja, gute Freundinnen könnten sie sein: die Literatur und die Theologie. Und tun, was gute Freundinnen gemeinhin tun: Hand in Hand Wege gehen, sich ermutigen und helfen, sich offen und auch selbstkritisch in Frage stellen, an den gleichen Problemen und Themen arbeiten, einander achten auch und das je eigene der anderen wertschätzen und zulassen.
»Vom Himmel auf Erden«: In diesem »literarischen Kirchenjahr« kommen 21 Autorinnen und Autoren (und der Herausgeber) zu Wort, die um die mögliche literarisch-theologische Freundschaft wissen. Mit mehr oder weniger Distanz zum Ecclesialen und Religiösen knüpfen sie an die theologischen Inszenierungen des (ökumenischen) Kirchenjahres an, holen sie schreibend den Himmel auf Erden: mal kritisch, mal zustimmend, mal assoziativ, weiterfragend immer aber auf literarischem Niveau. Vom Advent über Weihnachten und Ostern, über Pfingsten und Allerheiligen bis zum Ewigkeitssonntag schreiben: Thomas Vogel: Advent · Bruno Epple: Weihnachten · Karlheinz Kluge: Silvester, Neujahr · Tina Stroheker: Epiphanias · Udo Körner: Aschermittwoch · Jörg Vins: Palmsonntag · Karlheinz Ronecker: Gründonnerstag · Markus Manfred Jung: Karfreitag · Klaas Huizing: Ostern · Beatrice Eichmann-Leutenegger: Ostermontag · Heide Jahnke: Christi Himmelfahrt · Gabriele Hartlieb: Pfingsten · Traugott Giesen: Trinitatis · Michael Albus: Fronleichnam · Alexander Köhrer: Johannistag · Jadallah Shihadeh: Israelsonntag · Christine Langer: Erntedanktag · Helmut Zwanger: Reformationstag · Michael Gollnau: Allerheiligen, Allerseelen · Manuela Fuelle: Buß- und Bettag · Eva Christina Zeller: Ewigkeitssonntag und Thomas Weiß.

Erschienen im Klöpfer&Meyer Verlag, Tübingen, Herbst 2013.

Dienstag, 17. September 2013

Tischgenossin Gottes

Im Vorwort zu "Scivias" schrieb Hildegard von Bingen
"Im Jahre 1141 der Menschwerdung Jesu Christi, als ich zweiundvierzig Jahre und sieben Monate alt war, sah ich ein überaus stark funkelndes Licht aus dem geöffneten Himmel kommen. Es durchströmte mein Gehirn, mein Herz und meine Brust ganz und gar, gleich einer Flamme, die jedoch nicht brennt, sondern erwärmt. Es erglühte mich so, wie die Sonne einen Gegenstand erwärmt, auf den sie ihre Strahlen ergießt. Und plötzlich hatte ich die Einsicht in den Sinn und die Auslegung des Psalters, des Evangeliums und der anderen Schriften des Alten und Neuen Testamentes."



Tagesheilige des 17. September: Hildegard von Bingen

Quelle: Ökumenisches Heiligenlexikon 

Montag, 16. September 2013

Die Perle im Acker

Dieses Buch konnte ich nicht mehr weglegen, ich musste es in einem Zuge durchlesen, sagen wir bei einigen Büchern. Diese Bücher meinen es sicher gut mit uns, sie verschaffen die volle Befriedigung, die gute Unterhaltung. Pessoa, den ich erst seit wenigen Wochen lese, ist anders. Mit anders meine ich nicht, dass er eben ernste Literatur schreibt und deshalb schwer zu lesen wäre. Manche sehen das sicher so. Fernando Pessoa aber ist vor allem eines: kostbar. Schon nach ein oder zwei Seiten wurde mir klar, wie selten er ist, also, was für eine Kostbarkeit ich in den Händen hielt. Ich begann sofort langsamer zu lesen, tagelange Pausen einzulegen, zwang mich das Buch zur Seite zu legen, damit es lang und länger dauert, und mir nach jeder Seite genügend Zeit bliebe nachzudenken. Dieses Buch der Unruhe musst du ganz ruhig lesen, dachte ich, denn es wird keine Fortsetzung geben. 

Ich zitiere aus "Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares" (Autobiographie ohne Ereignisse):
Ich wurde zu einer Zeit geboren, in der die Mehrheit der jungen Leute den Glauben an Gott aus dem gleichen Grund verloren hatte, aus welchem ihre Vorfahren ihn hatten - ohne zu wissen warum. Und weil der menschliche Geist von Natur aus dazu neigt, Kritik zu üben, weil er fühlt, und nicht, weil er denkt, wählten die meisten dieser jungen Leute die Menschheit als Ersatz für Gott. Ich gehöre jedoch zu jener Art Menschen, die immer am Rande dessen stehen, wozu sie gehören, und nicht nur die Menschenmenge sehen, deren Teil sie sind, sondern auch die großen Räume daneben. Deshalb habe ich Gott nie so weitgehend aufgegeben wie sie und niemals die Menschheit als Ersatz akzeptiert. Ich war der Ansicht, daß Gott, obgleich unbeweisbar, dennoch vorhanden sein und also auch angebetet werden könne... Dieser Menschheitskult mit seinen Riten von Freiheit und Gleichheit erschien mir stets wie ein Wiederaufleben jener alten Kulte, in denen Tiere Götter waren oder Götter Tierköpfe trugen.  

Freitag, 13. September 2013

Trauer um Wolfgang Herrndorf

Auf diesem Blog hatte ich vor einigen Monaten Wolfgang Herrndorfs Roman Sand unter den Stichworten Leiden, leidender Gerechter vorgestellt, dann wieder gelöscht, weil ich die Abneigung WHs gegen alles Religiöse und seine Angst vor Vereinnahmung akzeptierte. So wollte ich auch meiner Trauer um den Autor von Tschick, Sand und Arbeit und Struktur keinen Ausdruck verleihen, nicht hier. Nirgends.

Doch wer sein Krebstagebuch, seinen Blog Arbeit und Struktur las, der war, ob nun gläubig oder nicht, berührt und als Christ angefragt. WH der öffentlich, der schreibend starb wollte keine Kränze, keine Trauerfeiern und Anzeigen. Tod, wo ist dein Stachel, ruft uns Paulus zu, aber jeder, der einen für ihn wichtigen Menschen loslassen muss oder zusehen muss wie einer Krankheit und Sterben ausgeliefert ist und am Ende zu früh stirbt bzw. wie Herrndorf den Freitod wählt, spürt doch diesen Stachel und muss seinen Weg finden mit seiner Trauer umzugehen.

Ich möchte zumindest an zwei Blogeinträge erinnern:

13.3. 2010 11:00
Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem.
(geweint)

21.4. 2013 13:15
Von einer Freundin gehört, daß ihr in der Ausbildung im Hospiz beigebracht wurde, das Fenster im Zimmer der Gestorbenen zu öffnen, damit die Seele raus kann.
Das hat mir gerade noch gefehlt, zu verrecken in einem Haus, das von offensichtlich Irren geleitet wird.
“Auch bleib der Priester meinem Grabe fern; zwar sind es Worte, die der Wind verweht, doch will es sich nicht schicken, daß Protest gepredigt werde dem, was ich gewesen, indes ich ruh im Bann des ewgen Schweigens.” (Storm)

Der Blog endet mit dem Eintrag: Sascha Lobo um Arbeit und Struktur
Wolfgang Herrndorf hat sich am Montag, den 26. August 2013 gegen 23.15 Uhr am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen.

Trotz dieser Kapitulation nach langem Kampf gegen die Krankheit ist aber eines gewiß: Wolgang Herrndorf lebt in seinen Büchern weiter, wir begegnen ihm weiterhin in seinen Gedanken, Sätzen. Seine Worte bleiben uns. 


Mittwoch, 4. September 2013

Dorthin

Hans Arp

Der Engel und die Rose
sind fortgezogen
flußaufwärts der Träume
in das Innere ihrer selbst.
Sie sind fortgezogen
dorthin wo man nicht mehr stirbt
zu den großen weißen Schwalben
zu den durchsichtigen Engeln
dorthin wo man nicht mehr stirbt.
Sie sind fortgezogen
in das Innere ihrer selbst
flußaufwärts der Träume
Der Engel und die Rose
sind fortgezogen. 


zitiert aus: Hans Arp, Gesammelte Gedichte III (1939-57).

Sonntag, 18. August 2013

Manchmal im Traum

Czeslaw Milosz   (1911-2004)

   Von Engeln

Man hat euch die weißen Kleider genommen,
Die Flügel, sogar das Sein,
Ich glaube dennoch an euch,
Boten.

Die umgestülpte Welt,
Das schwere Gewebe, mit Sternen und Tieren bestickt.
Durchwandelt ihr und betrachtet die wahren Nähte.

Ihr rastet hier kurz,
In der Morgenstunde vielleicht bei klarem Himmel,

In der Melodie, die ein Vogel nachsingt,
Oder im Duft der Äpfel im Abenddämmer,
Wenn Licht die Gärten verzaubert.

Man sagt, es hätte euch jemand erdacht,
Doch mich überzeugt das nicht.
Die Menschen haben sich selbst genauso erdacht.

Die Stimme - ist wohl Beweis,
Weil sie ohne Zweifel von klaren Wesen stammt,
Die leicht sind, beflügelt (warum auch nicht),
Mit Blitzen gegürtet.

Ich habe manchmal im Traum diese Stimme vernommen
Und, was noch seltsamer ist, in etwa verstanden
Den Ruf oder das Gebot in überirdischer Sprache:

bald ist es Tag,
noch einer,
tu, was du kannst.


zitiert aus: ENGEL.Texte aus der Weltliteratur, hg. Anne Marie Fröhlich, Manesse Bibliothek, 1991.


Dienstag, 13. August 2013

Daheimbleiben

Heute - wo alle reisen wollen, aber viele zuhause bleiben müssen - möchte ich auf eine schöne Auslegung des Gleichnisses vom verlorenen Sohn zu sprechen kommen. Viele Schriftsteller haben sich diesem Gleichnis gewidmet. Auch der geschätzte Robert Walser hat eine Interpretation ganz eigener Art gewagt. 

Während der erstere artig ausriss und hübsch eilig auf und davon rannte, hielt sich der zweite beständig erstaunlich brav an Ort und Stelle auf und erfüllte mit unglaublicher Regelmäßigkeit seine täglichen Obligenheiten. Während der eine weiter nichts Besseres zu tun hatte als abzudampfen und fortzugondeln, wusste leider wieder der andere weiter nichts Gescheiteres anzufangen, als mitunter vor lauter Tüchtigkeit, Ordentlichkeit und Artigkeit und Nützlichkeit schier umzukommen. ..

Wenn der verlorene Sohn innig wünschte, dass er lieber nie verloren gegangen wäre, so wünschte sich seinerseits der andere, nämlich der, der nie weggegangen war, durchaus nicht weniger innig oder vielleicht noch inniger, dass er doch lieber nicht beständig zu Hause geblieben, sondern lieber tüchtig fortgelaufen und verloren gegangen wäre, oder er sich auch gern einmal gehörig würde habe heimfinden wollen. 


Montag, 5. August 2013

Sehnsucht

Joseph von Eichendorff

Mondnacht
 
Es war, als hätt' der Himmel
die Erde still geküsst,
dass sie im Blütenschimmer
von ihm nun träumen müsst'.

Die Luft ging durch die Felder,
die Ähren wogten sacht,
es rauschten leis die Wälder,
so sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.

Freitag, 2. August 2013

Reisesegen

Möge dein Weg dir freundlich entgegenkommen, möge der Wind dir den Rücken stärken.
Möge die Sonne dein Gesicht erhellen und der Regen um dich her die Felder tränken.
Und bis wir beide, du und ich, uns wieder sehen, möge Gott dich schützend in seiner Hand halten. 

Gott möge bei dir auf deinem Kissen ruhen. 
Deine Wege mögen dich aufwärts führen, freundliches Wetter begleite deinen Schritt. 
Und mögest du längst im Himmel sein, wenn der Teufel bemerkt, dass du nicht mehr da bist.