Montag, 4. Mai 2015
Donnerstag, 16. April 2015
Weltverjüngung
Er lebt
Novalis
Ich sag es jedem, daß er lebt
und auferstanden ist,
daß er in unserer Mitte schwebt
und ewig bei uns ist.
Ich sag es jedem, jeder sagt
es seinen Freunden gleich,
daß bald an allen Orten tagt
das neue Himmelreich.
Er lebt und wird nun bei uns sein,
wenn alles uns verläßt!
Und so soll dieser Tag uns sein
ein Weltverjüngungsfest.
Novalis
Ich sag es jedem, daß er lebt
und auferstanden ist,
daß er in unserer Mitte schwebt
und ewig bei uns ist.
Ich sag es jedem, jeder sagt
es seinen Freunden gleich,
daß bald an allen Orten tagt
das neue Himmelreich.
Er lebt und wird nun bei uns sein,
wenn alles uns verläßt!
Und so soll dieser Tag uns sein
ein Weltverjüngungsfest.
Samstag, 4. April 2015
Samstag, 7. März 2015
Das Drama des ehrgeizigen Jüngers
Amos Oz: Judas
„Dies
ist die Geschichte der Wintertage Ende des Jahres 1959, Anfang 1960.
In dieser Geschichte gibt es Irrtum und Lust, es gibt enttäuschte
Liebe, und es gibt so etwas wie die Frage nach Religiosität, die
hier unbeantwortet bleibt. An manchen Häusern sind die Zeichen des
Krieges noch zu erkennen...“ Mit diesen Worten beginnt Amos Oz
seinen Roman Judas.
Wir befinden uns demnach sofort im Programm der Bestseller: für
jeden was dabei. Weiterhin wie erwartet: perfekter Aufbau, klar
umrissene Helden mit kleinen Macken, durcherzählte Handlung,
metaphernreiche Sprache, genügend Wiederholungen und der typische
ausführlich erklärende Erzählstil. Das mag für jedermann
leicht lesbar sein, für mich bedeutet es harte Arbeit. Doch ich
bleibe dran, wegen Judas und dem, was A.O. mit ihm anstellen wird.
Zurück zur
Handlung oder geht’s auch genauer? Der junge Held Schmuel Asch
befindet sich (selbstverständlich) in einer Krise: Ende der
bestehenden Beziehung, Abbruch des Studiums, Entfremdung in der
Familie, Einsamkeit, Aufgabe der politischen Ambitionen, Rückzug
aufs Land. Damit ist das Scheitern komplett, die Krise erreicht den
Grad der Vollkommenheit.
Interessant ist
nun, dass der Rückzug des jungen Mannes in das „abgeschlossene
Haus“ Ataljas, die Schmuel als Gesellschafter für ihren
Schwiegervater, den alten gehbehinderten Herrn Wild, anstellt, nicht
das Ende seiner Studien bedeutet. Im Gegenteil. Schmuel wird durch
die intellektuellen Gespräche mit Gerschom Wild und der
geheimnisvollen Geschichten, die sich um Atalja, ihren im Krieg
gefallenen Mann und ihren verstorbenen Vater Schealtiel Abrabanel ranken,
inspiriert. Sein Thema: Jesus in den Augen der Juden bleibt
sein Forschungsthema. Die Geschichte der Judasrezeption wird
historisch-kritisch (für uns sogar chronologisch) erzählt, läuft
parallel zur erzählten Geschichte des politischen Verräters Abrabanel. Und gipfelt schließlich in eine fiktive Rede des
Verräters selbst. Diese Judasrede am Ende des Buches enthält einen
Perspektivwechsel, denn der Leser lernt Judas von einer ganz anderen
Seite kennen. So wird Judas erlöst von dem plumpen, geldgierigen,
eifersüchtigen Charakterprofil, ebenso wie von dem kriegerischen,
befreiungssüchtigen des Zeloten. Ist das neu? Auch in der
christlichen Tradition gibt es Judas als Bruder des Herrn, ohne den
es kein Erlösungsgeschehen gegeben hätte. Doch hier wird Judas
(etwas überhöht) zum ersten Christen, ja zum einzigen Menschen, der
an Jesus wahrhaftig geglaubt hat. Allein sein Glaube war es, der ihn
zum Verräter werden ließ, denn Judas wollte mehr für seinen Herrn,
Meister, Gott. Seiner Rede zufolge überredete er Jesus nach
Jerusalem zu gehen, sich töten zu lassen, um mehr zu werden als ein
Heiler und Endzeitprediger vom Lande. Jesus – von Judas als Gott
erkannt – sollte gekreuzigt werden, jedoch ohne zu sterben. Als
Judas den erbärmlichen Tod Jesu mitansehen muss, als er sieht, dass
Jesus nicht triumphierend vom Kreuz herabsteigt, verzweifelt er und
nimmt sich das Leben.
Amoz Oz ist
Anhänger der Friedensbewegung und der Zwei-Staaten-Lösung, er hat
seine Position gefunden. In seinem Roman schafft er vor allem eines:
Verständnis für die Sicht des Anderen, den Anderen, den man Verräter nennt, weil er die Gruppe verlässt. Der Dialog zwischen den politischen Gegnern brach ab
(Wild und Abrabanel schwiegen jahrelang) aber der Geschichtenerzähler
erzählt uns diese Geschichte, damit wir verstehen, was damals
geschah, was heute geschieht und indirekt auch: was heute geschehen
sollte. Denn noch etwas wird deutlich: alle sind dort Verlorene,
Trauernde, Kriegsopfer. Atalja, zuständig in Sachen Liebe, lässt
sich auf Affären, doch nicht mehr auf die Liebe ein. Sie bleibt
erstarrt, im Zustand der Trauer und Resignation. Und Schmuel Asch,
der junge Mann, der seinen Bart ständig mit Babypuder pflegt, der
unsicher und tollpatschig ist, wird wenigstens er ein neues Leben
beginnen können? Ist er entwicklungsfähig? Ist das überhaupt das
Thema?
Dieses Buch wird von sehr vielen Menschen gelesen werden, es wird bilden, aufklären, unterhalten. Die Übersetzung durch Mirjam Pressler wurde mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet. In einem Interview auf der Leipziger Buchmesse sagte Amos Oz, dass er das Buch auch geschrieben hätte, weil auch er oft als Verräter gebrandmarkt worden wäre. Er sieht den "Verräter" aber als jemanden, der auch positive Eigenschaften hat, ja eine positive Funktion hat, denn er möchte Veränderungen hervorrufen; er hält die Erstarrung einer Gruppe nicht aus. Diese Sätze haben mich sehr berührt.
Weitere Informationen auf der Suhrkamp-Verlagsseite
Amos Oz, Judas, Roman Suhrkamp, 2015.
Dieses Buch wird von sehr vielen Menschen gelesen werden, es wird bilden, aufklären, unterhalten. Die Übersetzung durch Mirjam Pressler wurde mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnet. In einem Interview auf der Leipziger Buchmesse sagte Amos Oz, dass er das Buch auch geschrieben hätte, weil auch er oft als Verräter gebrandmarkt worden wäre. Er sieht den "Verräter" aber als jemanden, der auch positive Eigenschaften hat, ja eine positive Funktion hat, denn er möchte Veränderungen hervorrufen; er hält die Erstarrung einer Gruppe nicht aus. Diese Sätze haben mich sehr berührt.
Weitere Informationen auf der Suhrkamp-Verlagsseite
Amos Oz, Judas, Roman Suhrkamp, 2015.
Mittwoch, 4. Februar 2015
Aus der Normzentrale
Schöne neue Welt
Im Geographiesaal erfuhr Michel, daß "eine Wildreservation eine Gegend ist, die wegen ungünstiger klimatischer oder geologischer Verhältnisse oder der Armut an Bodenschätzen die Kosten der Zivilisierung nicht lohnt". Ein Klicken, das Schulzimmer verdunkelte sich, und auf der Leinwand über dem Kopf des Lehrers erschienen plötzlich die Büßer von Acoma, die sich vor Unserer Lieben Frau niederwarfen, winselnd, wie Michel selbst sie winseln gehört hatte, und die vor Jesus am Kreuz und dem Adlerbild Pukongs ihre Sünden bekannten. Die Schüler brüllten vor Lachen bei diesem Anblick. Noch immer winselnd erhoben sich die Büßer, warfen ihre Hemden ab und begannen, sich mit geknoteten Geißeln zu schlagen. Das Gelächter wurde noch einmal so laut und übertönte sogar die verstärkte Wiedergabe ihres Ächzens und Stöhnens. "Warum lachen sie?" fragte der Wilde betroffen. "Warum?" Breit grinsend wandte sich der Schulleiter ihm zu. "Warum? Weil das unerhört komisch ist."
aus: Aldous Huxley, Schöne neue Welt, 1953, Fischer Taschenbuch (OT Brave new Wold).
Schöne neue Welt spielt im Jahre 632 "nach Ford" in einer Wohlstandsgesellschaft, die an die Stelle Gottes und der Religion die Idee von Massenproduktion -und Konsum stellt. "Gemeinschaftlichkeit", "Einheitlichkeit" und "Beständigkeit" lautet die Parole. Sport, Sex, die Soma-Drogen und ein grausames Erziehungssystem der Flaschenkinder, die nicht mehr geboren, sondern nur noch entkorkt werden, lassen den Kastenmenschen zurück in einer infantilen Gefühlswelt. Drei Außenseiter treffen aufeinander und suchen einen Weg aus der vorprogrammierten Welt.
Aldous Huxley (1894-1963) arbeitete als Journalist und Kunstkritiker. Von der buddhistischen Lehre beeinflusst entwickelte er sich nach dem Ersten Weltkrieg vom amüsiert beobachtenden Satiriker zum leidenschaftlichen Reformator, der die Welt durch eine universale mystische Religion zu heilen versuchte.
aus: Aldous Huxley, Schöne neue Welt, 1953, Fischer Taschenbuch (OT Brave new Wold).
Schöne neue Welt spielt im Jahre 632 "nach Ford" in einer Wohlstandsgesellschaft, die an die Stelle Gottes und der Religion die Idee von Massenproduktion -und Konsum stellt. "Gemeinschaftlichkeit", "Einheitlichkeit" und "Beständigkeit" lautet die Parole. Sport, Sex, die Soma-Drogen und ein grausames Erziehungssystem der Flaschenkinder, die nicht mehr geboren, sondern nur noch entkorkt werden, lassen den Kastenmenschen zurück in einer infantilen Gefühlswelt. Drei Außenseiter treffen aufeinander und suchen einen Weg aus der vorprogrammierten Welt.
Aldous Huxley (1894-1963) arbeitete als Journalist und Kunstkritiker. Von der buddhistischen Lehre beeinflusst entwickelte er sich nach dem Ersten Weltkrieg vom amüsiert beobachtenden Satiriker zum leidenschaftlichen Reformator, der die Welt durch eine universale mystische Religion zu heilen versuchte.
Donnerstag, 15. Januar 2015
Nicht Feindschaft, sondern Brüderlichkeit!
Die Rede von Navid Kermani: Wir wehren uns!
Danke an Navid Kermani, dessen eindringliche Rede aufräumt und Zeichen setzt. Aus aktuellem Anlass nehme ich diese Rede des Schriftstellers und Islamwissenschaftlers hier auf. Es genügt nicht, einfach in eine andere Richtung zu schauen. Man muss gemeinsam in eine menschliche Richtung gehen können. Die Erinnerung Navid Kermanis an das höchste Gebot des Islam sei hier hervorgehoben: BARMGERZIGKEIT.
Sure 5,28
Wahrlich, erhebst du auch deine Hand gegen mich, um mich totzuschlagen,
so erhebe ich doch nicht meine Hand gegen dich, um dich zu erschlagen.
Danke an Navid Kermani, dessen eindringliche Rede aufräumt und Zeichen setzt. Aus aktuellem Anlass nehme ich diese Rede des Schriftstellers und Islamwissenschaftlers hier auf. Es genügt nicht, einfach in eine andere Richtung zu schauen. Man muss gemeinsam in eine menschliche Richtung gehen können. Die Erinnerung Navid Kermanis an das höchste Gebot des Islam sei hier hervorgehoben: BARMGERZIGKEIT.
Sure 5,28
Wahrlich, erhebst du auch deine Hand gegen mich, um mich totzuschlagen,
so erhebe ich doch nicht meine Hand gegen dich, um dich zu erschlagen.
Dienstag, 13. Januar 2015
Die Antwort ist die Frage
Dschalal ad-Din Rumi
Ich bin nicht ich. Mein wahres Ich -
Wer mag es sein?
Der da aus meinem Munde spricht -
Wer mag es sein?
Bin bloß Gefäß von Kopf bis Fuß, nicht mehr.
Der, dem ich diesen Dienst verricht -
Wer mag es sein?
Rumi ist ein bedeutender Dichter der persisch-islamischen Mystik und Begründer des Ordens der tanzenden Derwische. Er wurde am 30.9.1207 in Balch im heutigen Afghanistan geboren.
"Die
Lehre Maulanas (Rumis) basierte darauf, dass er die Liebe als
die Hauptkraft des Universums ansah.
Genauer gesagt ist das Universum ein Harmonisches
Ganzes,
in dem jeder Teil mit allen anderen in einer Liebes-Beziehung steht,
die wiederum einzig und allein auf Gott gerichtet ist und nur durch
seine Liebe überhaupt Bestand haben kann.Der
Mensch, der als ein Teil dieses harmonischen Ganzen geschaffen ist,
kann die Harmonie mit
sich selbst und dem Universum nur erreichen, wenn er lernt, Gott zu
lieben. Seine Liebe zu Gott wird ihn dazu befähigen, nicht nur seine
Mitmenschen, sondern alles von Gott Geschaffene lieben zu können.", sagt Wiki.
Sonntag, 4. Januar 2015
Samstag, 27. Dezember 2014
Aus gutem Grund
Mondsand
Hans Arp ( 1886-1966)
Ein Engel fragt:
"Kann ich einmal
einen kleinen Augenblick
ein Menschenleben lang
vom himmlischen Saus und Braus
Urlaub nehmen?
Ich möchte gerne
als armer Mensch
den Mond andichten."
Hans Arp, Gedichte III, Arche Verlag 1984.
Montag, 22. Dezember 2014
Fröhlicher Wechsel - lieblicher Tausch
Weihnachten, das hohe Fest der Liebe, können uns nur diejenigen erklären, die es erfahren haben. Die Liebenden? Ja genau, lassen wir den Mystikern, den Liebenden des Glaubens, das Wort:
Aus den Predigten des hl. Bernhard:
"Nirgendwo zeigt Gott seine Liebe so deutlich, wie im Geheimnis seiner Menschwerdung und seines Leidens; nirgendwo wird seine Zuneigung offenkundiger, nirgendwo leuchtet seine Güte heller auf als in seinem Menschsein."
Lobt Gott, ihr Christen alle gleich
von Nikolaus Herman
1) Lobt Gott, ihr Christen alle gleich,
in seinem höchsten Thron,
der heut schließt auf sein Himmelreich
und schenkt uns seinen Sohn,
und schenkt uns seinen Sohn.
2) Er kommt aus seines Vaters Schoß
und wird ein Kindlein klein,
er liegt dort elend, nackt und bloß
in einem Krippelein,
in einem Krippelein.
3) Er entäußert sich all seiner G'walt,
wird niedrig und gering
und nimmt an eines Knechts Gestalt,
der Schöpfer aller Ding,
der Schöpfer aller Ding.
4) Er wechselt mit uns wunderlich:
Fleisch und Blut nimmt er an
und gibt uns in seins Vaters Reich
die klare Gottheit dran,
die klare Gottheit dran.
5) Er wird ein Knecht und ich ein Herr;
das mag ein Wechsel sein!
Wie könnt es doch sein freundlicher,
das herze Jesulein,
das herze Jesulein!
6) Heut schließt er wieder auf die Tür
zum schönen Paradeis;
der Cherub steht nicht mehr dafür.
Gott sei Lob, Ehr und Preis,
Gott sei Lob, Ehr und Preis!
EG 27
Sonntag, 7. Dezember 2014
Adventsgruß
Theodor Fontane
Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
Aber als Knecht Ruprecht schon
Kommt der Winter hergeschritten,
Und alsbald aus Schnees Mitten
Klingt der Schlittenglöckleins Ton
Und was jüngst noch, fern und nah,
Bunt auf uns herniedersah,
Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,
Und das Jahr geht auf die Neige,
Und das schöne Fest ist da.
Tag du der Geburt des Herrn,
Heute bist du uns noch fern,
Aber Tannen, Engel, Fahnen
Lassen uns den Tag schon ahnen,
Und wir sehen schon den Stern.
Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
Aber als Knecht Ruprecht schon
Kommt der Winter hergeschritten,
Und alsbald aus Schnees Mitten
Klingt der Schlittenglöckleins Ton
Und was jüngst noch, fern und nah,
Bunt auf uns herniedersah,
Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,
Und das Jahr geht auf die Neige,
Und das schöne Fest ist da.
Tag du der Geburt des Herrn,
Heute bist du uns noch fern,
Aber Tannen, Engel, Fahnen
Lassen uns den Tag schon ahnen,
Und wir sehen schon den Stern.
Mittwoch, 26. November 2014
Montag, 17. November 2014
Sterben hat seine Zeit
Früher gab es Rituale für das Sterben, früher war das Sterben Teil des Lebens. Jetzt findet es so abgesondert statt, dass im alltäglichen Leben davon nichts mehr sichtbar wird, Sterben - ein unbekannter Kontinent...
In der Schule bekomme ich konferenzfrei. In der Pause sagt eine Kollegin: Ich habe gehört, deiner Mutter geht es nicht gut. Ich sage: Sie stirbt. Und die Kollegin antwortet: Das hast du vor vierzehn Tagen auch schon gesagt. Alle scheinen zu glauben, das Sterben sei auf einen Moment reduziert, auf den Moment des Todes, und vorher sei alles unbedeutend.
Was ich jetzt erfahre: Das Sterben kann ein Weg sein, und immer mehr wünsche ich, der Tod wäre nur ein Durchgang auf diesem Weg hinaus...
Sonntag 23. November 2014 - 18:00 Uhr
Birgit
Heiderich liest
aus ihrem Roman
"Sterben
hat seine Zeit"
In
ihrem Roman "Sterben hat seine Zeit" setzt sich Birgit
Heiderich mit dem Sterben der Mutter aus Sicht der Tochter
auseinander. Sie wagt es, den Blick nicht abzuwenden, nichts zu
verschleiern, was zu zeigen, zu hören, zu sehen und zu ertragen ist,
wenn ein Mensch - und eine Mutter dazu - langsam stirbt.
"Das
ist ein wunderbares Buch!
Alles
mit dem Körper geschrieben. So wurde das Sterben
noch
nie buchstabiert. Das kann nur die Liebe"
Martin
Walser
Birgit
Heiderich studierte Pädagogik, Theologie und Philosophie und war
Mitglied der legendären Tübinger "Gruppe 547" um Walter
Jens. Sie lebt in Freiburg.
Sonntag, 9. November 2014
Und wir in der Mitte durch
25. Jahre Mauerfall
Dazu einige Auszüge aus der Kurzgeschichte Verheißung
Was der Osten war
Ich hatte Freunde. Wir
trafen uns in derselben Kirche, obwohl wir in der ganzen Stadt
verteilt wohnten. Bald wohnten wir gemeinsam, getrennt, gemeinsam.
Wir lasen alle Bücher gemeinsam, getrennt, gemeinsam. Die verbotenen
Bücher machten in unserem Freundeskreis die Runde. Alle lasen den
Zarathustra und 1984 lasen alle Orwells 1984. Danach
fühlten wir uns nicht mehr sicher in der Stadt. Also zogen wir aufs
Land und schafften zunächst mal Hühner an. Es gab kaltes Wasser auf
dem Hof, das wir in eine weiße Emailleschüssel pumpten und auf den
Herd stellten, um es anzuwärmen. Wenn wir beim Abwaschen noch zwei
Schüsseln dazustellten, dachte ich an meine Oma. Aber nur kurz.
Niemand von uns hatte an Gummihandschuhe und Ärmelschoner gedacht.
Man wollte lieber Gitarre spielen, diskutieren und den Staat im
Staate gründen. Fern ab von der Staatssicherheit. Unsere Ausweise
wollten wir dem Staat schenken. Irgendwann.
Es gab eine
Gemeinschaftsbibliothek und genaue Absprachen darüber, wer wann
welches Buch aus dem Westen besorgen könnte. Eines Tages sagte mein
Freund, die wissen von unserer Bibliothek, einer von uns hat uns
verraten. Dem Osten konnte man nicht entkommen. Er war überall in
diesem Land. Wir beschlossen das Landleben aufzugeben. Wer nicht
Musik machen wollte, begann schließlich Theologie zu studieren.
1986 legte sich meine
Westoma in ihrem Seniorenheimzimmer ins Bett, um nicht mehr
aufzustehen. Für eine Übersiedlung war es lange schon zu spät. Sie
sei zu verwirrt gewesen. Mein Vater erhielt keine Reiseerlaubnis, um
sich an das Bett seiner Mutter setzen zu können. Erst als man ihr
Bett in Sterbebett umbenannte, durfte er über die Grenze und
sogar an dieses Sterbebett treten, ihre nackte Hand umschließen bis
der Tod sie ihm für immer entzog. Er stand verwaist und kinderlos
auf der Beerdigung seiner Mutter, denn wir hatten keine
Reiseerlaubnis erhalten. Erst später, als mein Vater zurück war,
bekamen wir sie. Ich staunte, was meine Westoma nach ihrem Tode noch
alles durchsetzen konnte. Wir durften rüber. Eine nach der andern.
Ich hatte verstanden.
Rechts die Mauer, links
die Mauer und ich in der Mitte durch.
Die Luft im Westen war
anders, selbst in Hannover. Ich lief dort tagsüber durch die Museen,
Buchhandlungen und Antiquariate, und nachts ging ich ins Kino oder
hockte mit meinen neuen Freunden in Kneipen. Meine neuen Freunde
waren Buchhändler und Museumswärter, Kellner oder Studenten, die
mir ihre Telefonnummer gaben oder ein Essen in der Mensa spendierten.
Ich konnte die Seife meiner Oma an ihren Händen riechen, während
sie versuchten mir die Augen zu öffnen.
Die Universität in
Hannover war sehr schön. Noch nie hatte ich eine solche Universität
gesehen. Sie erinnerte mich an die EWU, die Einzig-Wahre-Universität,
die wir im Osten immer gründen wollten. Irgendwann. Im Westen gab es
nicht nur zwei Studienfächer, Theologie und die andern. Man konnte
alles studieren. Man konnte ein richtiges Philosophiestudium
aufnehmen. Man konnte alle Bibliotheksbücher entleihen. Ich nahm
eine andere Haltung an und atmete tief durch. Frei, dachte ich, hier
wäre man wirklich frei. Aber, wem würde ich die neuen Bücher
zeigen, mit wem würde ich die Bücher lesen. Gemeinsam, getrennt und
gemeinsam. Ich fühlte mich noch nicht reif für eine eigene
Bibliothek. Ein eigenes Kapital. Plötzlich sehnte ich mich nach
meinen alten Freunden. Und die Tante rief, das ist doch kein Hotel
hier. Ich musste ihr recht geben.
Berlin. Drei Jahre
später. Links die Mauer, rechts die Mauer und wir alle in der Mitte
durch.
Was der Westen
ist
Der Westen ist hier
beinahe allgegenwärtig, und wir geben so ziemlich alles, um dieser
Tatsache gerecht zu werden. Dafür ziehen wir durchs Land, dafür
arbeiten wir, wo andere Urlaub machen. Ich habe jetzt eine eigene
Bibliothek, einen eigenen Mann und ein eigenes Kind. Und die eine
oder andere Seife erinnert mich noch an den verheißungsvollen
Geruch, der dem geöffneten Koffer meiner Oma Sommer für Sommer
entstieg.
Was der Osten ist
Der Osten ist jetzt nur
noch eine Himmelsrichtung.
aus: Manuela Fuelle, Verheißung, in: Adieu. Geschichten von Abschied und Aufbruch, Hg. von Arnd Brummer, edition chrismon 2014.
Sonntag, 2. November 2014
Noch lieber als Romane schreiben
Anders Lagerlöf sagt (und das hat er wohl irgendwo gelesen), wenn man diesen Dom betritt, fühlt man gleich, daß die, die ihn einst am Ende des zwölften Jahrhunderts bauten, durch aus nicht an die Mühe oder die Kosten gedacht haben, sondern nur daran, ein Haus zu bauen, würdig, daß Gott dort wohnt. Und als Anders das sagte, war mir genauso, als fühlte ich Gottes Gegenwart. Er schwebte oben im Gewölbe und sah auf uns herunter, obgleich wir ihn nicht sehen konnten.
Ich bin noch niemals in eine Kirche getreten, wo man Gottes Gegenwart so deutlich fühlt; aber dieses ist auch die erste Kathedrale, die ich gesehen habe. (Kathedrale ist ein schönes Wort).
Es war ein Samstagvormittag, und so war kein Gottesdienst. Außer uns fünf und dem Kirchendiener, der uns herumführte, war die Kirche vollkommen leer, aber es war sehr feierlich. Ich hätte da drinnen ganz ruhig stehen bleiben und nur immer an Gott denken mögen.
Anders erzählte mir, wie es früher war, wenn eine Kirche erbaut wurde. Große Abteilungen von Arbeitern haben da gemauert und Steine zugehauen, wohl zwanzig Jahre lang, ja gar fünfzig und hundert Jahre lang, ehe das Gotteshaus fertig war. Und er sagte, man kann jetzt keine schönen Kirchen mehr bauen, weil alle Menschen es so eilig haben und ihre arbeit nicht mehr mit derselben Liebe ausführen, wie das früher der Fall war. Darin hat Anders gewiß recht, und im stillen dachte ich, die Menschen müssen sehr glücklich gewesen sein, die ihr ganzes Leben lang an einer Kathedrale bauen durften. Ich glaube, das würde ich noch lieber tun als Romane schreiben.
aus: Selma Lagerlöf, Das Tagebuch der Selma Lagerlöf.
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