Montag, 30. Juni 2014

Zeichen der Liebe


AUGUSTINUS

CONFESSIONES 4,8,13

Mit einander reden und lachen,
sich gegenseitig Gefälligkeiten erweisen,
zusammen schöne Bücher lesen,
sich necken,
dabei aber auch einander
Achtung erweisen,
mitunter sich auch streiten
– ohne Hass,
wie man es auch mit sich tut,
manchmal auch in den Meinungen
auseinandergehen
und damit die Eintracht würzen,
einander belehren
und von einander lernen,
die Abwesenden schmerzlich vermissen
und die Ankommenden freudig begrüßen
– lauter Zeichen der Liebe und Gegenliebe,
die aus dem Herzen kommen,
sich äußern in Miene, Wort
und tausend freundlichen Gesten,
und wie Zündstoff den Geist
in Gemeinsamkeit entflammen,
so dass aus Vielheit Einheit wird.

Sonntag, 22. Juni 2014

Höflichkeitskatechismus

Der gute alte Goethe soll wieder schuld sein, und zwar diesmal daran, dass Balzac im deutschen Sprachraum ein bekannter Unbekannter ist (vgl. Willms, Balzac Biographie, die mich auf einer sehr schönen Südfrankreich-Reise gut unterhalten hat.) Aber selbst wenn es so wäre - und wir sogar einen Sündenbock haben - muss dies ja nicht für immer gelten. 
Um sogleich mit gutem Beispiel voran zu eilen, folgen nun Sätze des Meisters: Mademoiselle Cormon sah es als eine ihrer Pflichten an, zu reden; nicht daß sie schwatzhaft gewesen wäre, sie war unglücklicherweise zu beschränkt und kannte zuwenig Redensarten, um ein Gespräch führen zu können; aber sie glaubte damit eine von der Religion vorgeschriebene soziale Pflicht zu erfüllen, die uns auferlegt, sich seinen Mitmenschen angenehm zu machen. Diese Verpflichtung kostete sie soviel Anstrengung, daß sie über diesen Punkt des Höflichkeitskatechismus ihren religiösen Beistand, den Abbé Couturier, befragt hatte. Trotz der bescheidenen Bemerkung seines Beichtkindes, daß sich ihr Geist, um etwas Unterhaltendes zu finden, einer schweren inneren Arbeit unterziehen müsse, las ihr der alte Priester, der in Fragen des Verhaltens unerschütterlich war, eine ganze Passage aus dem heiligen Franz von Sales über die Pflichten der Frau der Gesellschaft vor, über die wohlanständige Heiterkeit frommer Christinnen, die sich ihre Strenge für sich selbst aufsparen und sich in ihrem Hause liebenswürdig zeigen sollten, so daß sich ihre Mitmenschen nicht bei ihnen langweilen. Da sie nun ihrem Beichtvater, der ihr das Plaudern zur Pflicht gemacht hatte, um jeden Preis gehorchen wollte, so geriet die Arme in ihrem Korsett in Schweiß, wenn die Unterhaltung erschlaffte, so schwer wurde ihr der Versuch, ihre Gedanken auszudrücken, um die ermatteten Gespräche wieder zu beleben. Sie gab dann seltsame Satzgebilde zum besten, etwa wie das folgende: "Niemand kann an zwei Stellen zugleich sein, wenn er nicht ein Vögelchen ist". 

Balzac, Die alte Jungfer, Insel Taschenbuch, S. 85.
 

Dienstag, 3. Juni 2014

Zwar glänzt ein Weniges heute

 Friedrich Hölderlin

Der Gang aufs Land



Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
  Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.
Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes
   Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.
Trüb ists heut, es schlummern die Gäng' und die Gassen und fast will
    Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.
Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer
    Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.
Denn nicht wenig erfreut, was wir vom Himmel gewonnen,
    Wenn ers weigert und doch gönnet den Kindern zuletzt.
Nur daß solcher Reden und auch der Schritt’ und der Mühe
    Wert der Gewinn und ganz wahr das Ergötzliche sei.
Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte
    Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst,
Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist,
    Und von trunkener Stirn' höher Besinnen entspringt,
Mit der unsern zugleich des Himmels Blüte beginnen,
    Und dem offenen Blick offen der Leuchtende sein.
Denn nicht Mächtiges ists, zum Leben aber gehört es,
    Was wir wollen, und scheint schicklich und freudig zugleich.
Aber kommen doch auch der segenbringenden Schwalben
    Immer einige noch, ehe der Sommer, ins Land.
Nämlich droben zu weihn bei guter Rede den Boden,
    Wo den Gästen das Haus baut der verständige Wirt;
Daß sie kosten und schaun das Schönste, die Fülle des Landes
    Daß, wie das Herz es wünscht, offen, dem Geiste gemäß
Mahl und Tanz und Gesang und Stutgards Freude gekrönt sei,
    Deshalb wollen wir heut wünschend den Hügel hinauf.
Mög' ein Besseres noch das menschenfreundliche Mailicht
    Drüber sprechen, von selbst bildsamen Gästen erklärt,
Oder, wie sonst, wenns andern gefällt, denn alt ist die Sitte,
    Und es schauen so oft lächelnd die Götter auf uns,
Möge der Zimmermann vom Gipfel des Daches den Spruch tun,
    Wir, so gut es gelang, haben das Unsre getan.
Aber schön ist der Ort, wenn in Feiertagen des Frühlings
    Aufgegangen das Tal, wenn mit dem Neckar herab
Weiden grünend und Wald und all die grünenden Bäume
    Zahllos, blühend weiß, wallen in wiegender Luft,
Aber mit Wölkchen bedeckt an Bergen herunter der Weinstock
    Dämmert und wächst und erwarmt unter dem sonnigen Duft.



Montag, 26. Mai 2014

Hans im Glück

Zur Einstimmung auf die Glückslesung (sieh unten) und oder für die sentimentale Geistreise (Nostalgie für Ossis, die es garantiert kennen) Ich habe es mit Begeisterung wieder gehört.

Donnerstag, 15. Mai 2014

Der Wille zum Glück



Literaturraum Kirche lädt ein!


1. Juni 2014 – 18:00 Uhr in der Friedenskirche
Bei unserer nächsten Themenlesung: Glück ist wie ...“ wollen wir der diesjährigen Jahreslosung "Gott nahe zu sein, ist mein Glück" literarisch nachspüren.


"Glück ist wie Blütenduft,
der dir vorüberfliegt ...
Du ahnest dunkel Ungeheures,
dem keine Worte dienen -
schließest die Augen,
wirfst das Haupt zurück -
und, ach!
vorüber ists."
Christian Morgenstern

»Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich.«
Hermann Hesse

Chr. Morgenstern, Thomas Mann, Psalmen und mehr gelesen von: Judith Beck, Anne-Kerrin Gomer und dem Schauspieler Peter Haug-Lamersdorf. Musikalisch wird die Lesung umrahmt von Aaron Epstein (Klavier). 

Der Eintritt ist frei, Spenden sind erwünscht

Ort: Friedenskirche, Freiburg, Hirzbergstraße 1 (neben der Musikhochschule)

Samstag, 10. Mai 2014

Dies Verlangen



Blaise Pascal, Gedanken über Religion und andere Themen (1669)

Wir verlangen nach der Wahrheit und finden in uns nichts als Ungewissheit. Wir suchen das Glück und finden nur Elend. Wir sind unfähig nicht zu begehren die Wahrheit und das Glück und wir sind unfähig sowohl der Gewissheit als des Glücks. Dies Verlangen ist uns gelassen eben so sehr um uns zu strafen als um uns fühlbar zu machen, von welcher Höhe wir herabgefallen sind.

Ist der Mensch nicht gemacht für Gott, warum ist er nicht glücklich als in Gott? Ist der Mensch gemacht für Gott, warum ist er so wider Gott?

Sonntag, 27. April 2014

Himmelsvision



Eine Pfarrerstochter
 Georg Orwell

Es war außerordentlich, wie der Himmel ständig in ihren Gedanken war; und noch ungewöhnlicher war die Gegenwärtigkeit, die Lebendigkeit, mit der sie alles sehen konnte. Die güldenen Straßen und die Tore aus orientalischen Perlen waren für sie so wirklich, als wären sie buchstäblich vor ihren Augen. Und ihre Vision erstreckte sich auf die konkretesten, die irdischsten Einzelheiten. Wie weich die Betten dort oben waren! Wie köstlich das Essen! Die herrlichen seidenen Gewänder, die man dort jeden Morgen frisch anziehen würde! Die Befreiung von Ewigkeit zu Ewigkeit und von Arbeit jeglicher Art! In fast jedem Augenblick ihres Lebens stärkte und tröstete sie ihre Vision des Himmels, und ihre verzweifelten Klagen über das Leben der "armen arbeitenden Menschen" wurden seltsam gemildert von der Befriedigung in der Vorstellung, daß schließlich die "armen arbeitenden Menschen" die hauptsächlichen Bewohner des Himmels waren. Sie hatte da eine Art von Handel abgeschlossen und ihr langes Leben voller Müh und Plage gegen die ewige Seligkeit gesetzt. Ihr Glaube war fast zu stark, wenn das möglich ist. Denn es war eine merkwürdige Tatsache, daß die Sicherheit, mit welcher Mrs. Pinther dem Himmel entgegensah - als eine Art von himmlischem Heim für Unheilbare -, Dorothy mit einem seltsamen Unbehagen erfüllte. ..

Wir kennen Orwell "1984" - ein Roman der mich persönlich auch stark geprägt hat, wir kennen auch Orwells "Farm der Tiere", aber jetzt erst kam die Zeit für die "Pfarrerstochter", die er Anfang der Dreißger Jahre geschrieben hat. Der Titel klingt schwach, doch der Roman ist stark. Orwell kannte sich erstaunlich gut aus in all den klerikalen Fragen, den verschiedenen Richtungen, die die Kirche seiner Zeit in England ging und in Glaubensfragen noch dazu. Es ist eine echte Entdeckung. Er schildert darin auch eigene Erfahrungen, die er als Erntehelfer bei der Hopfenernte machte und aus der Zeit seiner Obdachlosigkeit. Orwell war zeitweise erbärmlich verarmt.

Georg Orwell, Eine Pfarrerstochter, Diogenes 1983.      

Sonntag, 20. April 2014

Ein zuverlässiges Beispiel



Tertullian
Der Vogel Phönix ein Beleg für die Auferstehung

Wenn das "Weltall noch zu wenig Sinnbild der Auferstehung ist, wenn die Schöpfung nichts derart anzeigt, weil von den einzelnen Dingen in derselben nicht sowohl ein Sterben als ein Aufhören ausgesagt und keine Wiederbeseelung, sondern nur eine Wiederherstellung angenommen wird, so vernimm nun noch ein ganz voll- ständiges und zuverlässiges Beispiel dieser Hoffnung. Sein Gegenstand ist ein beseeltes, des Lebens und Sterbens fähiges Wesen. Ich meine nämlich den nur dem Orient, angehörigen Vogel, der, durch seine Einzigkeit ausgezeichnet, in bezug auf Nachkommenschaft ein Wunder der Natur ist, der, sich selbst freiwillig begrabend, sich selbst erneuert, an seinem Geburtstage sterbend und wieder eintretend abermals zum Phönix wird, nachdem er schon nichts mehr war, abermals er selber, er, der nicht mehr war, ein anderer und doch derselbe. Was gibt es Ausdrücklicheres und Bezeichnenderes in dieser Beziehung, oder für welche Sache findet sich eine so zutreffende Bestätigung? Gott sagt in der hl. Schrift auch: "Er wird blühen wie ein Phönix", nämlich nach dem Tode und dem Begräbnis, damit man glaube, dass die Substanz des Körpers auch dem Feuer wieder entrissen werden könne. Nun hat aber der Herr den Ausspruch gethan, dass wir besser sind als viele Sperlinge; das würde nichts Grosses sein, wenn wir nicht auch besser wären als der Phönix. Und die Menschen sollten für immer vergehen, während arabische Vögel ihrer Auferstehung sicher sind?!

Tertullian, Über die Auferstehung des Fleisches, Kap. 13 (geschrieben 212-214 n.Chr.)

Freitag, 18. April 2014

Um ihretwillen


Rainer Maria Rilke

Denn wir sind nur die Schale und das Blatt

Denn wir sind nur die Schale und das Blatt.
Der große Tod, den jeder in sich hat,
das ist die Frucht, um die sich alles dreht.

Um ihretwillen heben Mädchen an
und kommen wie ein Baum aus einer Laute,
und Knaben sehnen sich um sie zum Mann;
und Frauen sind den Wachsenden Vertraute
für Ängste, die sonst niemand nehmen kann.
Um ihretwillen bleibt das Angeschaute
wie Ewiges, auch wenn es lang verrann, -
und jeder, welcher bildete und baute,
ward Welt um diese Frucht, und fror und taute
und windete ihr zu und schien sie an.
In sie ist eingegangen alle Wärme
der Herzen und der Hirne weißes Glühn -:
Doch deine Engel ziehn wie Vogelschwärme,
und sie erfanden alle Früchte grün.

Rainer Maria Rilke, 16.4.1903, Viareggio

Freitag, 4. April 2014

Mich hat der Heiland endlich erhascht

Goethe: frühes Genie und später feister Dichterfürst zu Weimar. Ein Dichter, aber ein Mensch? Mit dem Buch - ausgerechnet einer Psychobiographie - von Rainer M. Holm-Hadulla wandelte sich mein Goethe Bild völlig. Ich lege es jedem ans Herz, der Goethes Werk wirklich verstehen will und auch den Menschen Goethe sucht. 

Für diesen Blog wieder einige ausgewählte Zitate: 
"Schon früh war sein Vertrauen in die Güte Gottes durch das verheerende Erdbeben von Lissabon erschüttert worden. Er blieb aber seiner Kirche verbunden und in der Krankheitszeit vertiefte sich seine religiöse Sinnsuche. Im Januar 1769 schreibt er an Langer: Es ist viel mit mir vorgegangen; ich habe gelitten, und bin wieder frey, meiner Seele war diese Calcination sehr nütze, meine relativen Umstände haben sich auch dadurch gebessert, und wenn mein Cörper, wie sie behaupten, auch jetzo wahre Hoffnung, zur Besserung haben kann, weil sich die nächste Ursache meiner Krankheiten entdeckt hat; so weiß ich keinen glücklichern Vorfall, in meinem Leben als diesen schröcklichen... Mich hat der Heiland endlich erhascht, ich lief ihm zu lang und zu geschwind, da kriegt er mich bei den Haaren... Ich binn manchmal hübsch ruhig darüber, manchmal wenn ich stille binn, und alles Gute fühle was aus der ewigen Quelle auf mich geflossen ist. Wenn wir auch noch so lange irre gehen, wir beyde, am Ende wirds doch werden.  

aus: RainerM. Holm-Hadulla, Leidenschaft. Goethes Weg zur Kreativität. Eine Psychobiographie, Vandenhoeck&Ruprecht, 2009.  

Sonntag, 23. März 2014

In Büchern las Herr G.

Aus gegebenem Anlass (s.u.) möchte ich hier nochmals auf die wunderbaren "Geschichten vom Herrn G." von Thomas Weiß hinweisen:

Dass ihm nachgesagt wurde, er wisse alles, machte Herrn G. viele Gedanken, sodass er nachts nicht schlafen konnte, wenn er merkte, worin der doch nicht vollkommen war. Besonders belastend war es für Herrn G. als er feststellte, dass er nicht wusste, was es bedeutet, versehrt zu sein. Also lernte er Abschied, Trauer und Tod. Gute Ratgeber fand er in den Menschen, denen Herr G. dafür sehr dankbar war. 

In Büchern las Herr G. immer wieder und mit Spannung. Darum brachte Herr G. den Menschen das Schreiben bei. Bald nahmen die Veröffentlichungen aber dergestalt überhand, dass Herr G. den Überblick verlor und nicht mehr wusste, was aus der Fülle er lesen sollte. Da erschuf er die Kritiker und den Grauen Star. 


Mehr und vor allem vom Autor selbst gelesen am Sonntag, den 30. März 2014 - 17:00 Uhr in der Freiburger Friedenskirche. Ich schlage vor, Sie schauen dann einfach mal vorbei!  


Mittwoch, 5. März 2014

Literatur aus Ägypten

Chalid al-Chamissi - Im Taxi
Es genügte mir, neben ihm zu sitzen, um mich wohl zu fühlen und das Leben zu lieben. Irgendetwas an ihm erinnerte mich an meinen Lieblingschansonier, den Belgier Jaques Brel. Wie unrecht er doch hatte, als er sang, dass der Tod besser als Altern sei...
Ich konnte mir kaum vorstellen, dass er schon seit sechzig Jahren Taxi fuhr. Der Mut, ihn nach seinem Alter zu fragen fehlte mir zwar, aber ich wagte, ihn auf seine Erfahrungen anzusprechen: "Welche Lehre ziehen Sie aus all den Jahren, damit einer wie ich von Ihren Erfahrungen profitieren kann?" 
"Gott sorgt sogar für die schwarze Ameise, die in einer mondlosen Nacht über einen schwarzen Felsen kriecht."
"Was meinen Sie damit?" 
"Ich werde Ihnen erzählen, was mir kürzlich zugestoßen ist, damit Sie verstehen, was ich meine."
"Bitte!"
"Zehn Tage lang war ich so krank, dass ich mich nicht aus dem Bett bewegen konnte. Ich bin sehr arm und lebe von der Hand in den Mund. Nach einer Woche war kein Piaster mehr im Haus. Ich wusste das, auch wenn meine Frau es vor mir verbergen wollte. Ich fragte sie, was wir tun sollten. "Es ist alles in Orndung, Abu Hussain, antwortete sie. In Wahrheit hatte sie angefangen, Essen bei den Nachbarn zusammenzubetteln. Meine Kinder haben selbst viel um die Ohren, einer hat die Hälfte seiner Kinder verheiratet, für die andere aber hat es nicht gereicht; ein anderer hat einen kranken Enkel und rennt mit ihm von Spital zu Spital. Kurz gesagt: Von ihnen können wir keine Hilfe verlangen. Vielmehr müssten wir ihnen helfen. Nach zehn Tagen sagte ich zu meiner Frau, ich müsse wieder arbeiten. Sie sagte nein und schrie, ich würde sterben. Im Grunde war ich zu krank um aus dem Haus zu gehen, aber ich hatte keine Wahl. Und so log ich und sagte, ich würde kurz ins Café um die Ecke gehen. .. Ich ging zum Wagen, startete den Motor und flüsterte "Gott helfe mir!" Ich fuhr und fuhr, bis ich zum Ormanpark kam. Dort stand ein Peugeot 504, der offenbar eine Panne hatte. Der Fahrer winkte mir und ich hielt an. Er sagte, er habe einen Kiunden vom Golf, der zum Flughafen müsse. Ob ich ihn an seiner Stelle hinbringen könne. Das war die Vorsehung Gottes!
Der Gast stieg ein. Er war aus Oman, aus dem Land von Sultan Kabus. Als er mich nach dem Fahrpreis fragte, antwortete ich: "Was immer Sie mir geben." Er fragte: "Sie nehmen, was immer ich Ihnen gebe?" Ich bejahte. 
Auf dem Weg zum Flughafen erfuhr ich, dass er zum Frachtschalter musste, weil er Waren zu verzollen hatte. Ich sagte, mein Enkel arbeite dort und würde ihm bei der Zollabfertigung helfen. Tatsächlich fand ich meinen Enkel; er hatte gerade Schicht. Wir erledigten die Zollsache, dann brachte ich den Omaner zurück nach Dukki. Er fragte abermals: "Was bekommen Sie, Hagg?" Ich antwortete, wir seien übereingekommen, dass er den Fahrpreis bestimme. Er gab mir fünzig Pfund (6,20 Eur). Ich nahm sie, bedankte mich und ließ den Motor an. Er fragte mich, ob ich zufrieden sei. Ich sagte ja. Dann sagte er "Hagg, der Zoll hätte normalerweise tausenvierhundert Pfund von mir genommen. Dank Ihnen habe ich nur sechshundert bezahlt. Die Differenz ist für Sie. Sie haben es verdient. Die Taxifahrt ist zweihundert wert. Und die fünzig Pfund von vorhin sind ein kleines Geschenk. 
Sehen Sie, mein Herr, da hat mir eine einzige Fahrt über tausend Pfund eingebracht. Manchmal nehme ich in vier Wochen nicht so viel ein. Sehen Sie, was Gott tut? Er hat mich aus dem Haus gehen lassen, hat dafür gesorgt, dass ein Peugeot 504 eine Panne hat, und alles Übrige arrangiert, damit ich zu dem Geld komme. Das täglich Brot gehört nicht mir und das Geld gehört nicht mir: Alles gehört Gott. Das ist die Lektion, die ich in meinem Leben gelernt habe."
Ich war traurig, als ich aus dem Taxi steigen musste, denn ich hätte gern noch Stunden mit dem Fahrer verbracht. Aber auch ich musste für meinen Lebensunterhalt sorgen. 

Chalid Al-Chamissi, Im Taxi. Unterwegs in Kairo. Lenos Verlag 2012. 

Wer mehr hören möchte ist eingeladen: Freitag 14. März 2014 - 19:30 Kooperatur am Münsterplatz, Freiburg. Ute Niethammer und Manuela Fuelle lesen zum Weltgebetstag der Frauen zeitgenössische ägyptische Literatur.    

Mittwoch, 26. Februar 2014

Propheten und andere

Neues aus dem Buch der Unruhe:

Ein Freund, Teilhaber einer Firma, die dank ihrer Geschäftsbeziehungen zu allen staatlichen Stellen floriert, sagte neulich zu mir, da er annahm, ich verdiente zuwenig: "Sie werden ausgebeutet, Soares." Das rief mir in Erinnerung, daß dem so ist, da wir alle aber im Leben ausgebeutet werden müssen, fragte ich mich, ob es nicht weniger schlimm ist, von Herrn Vasques, dem Tuchhändler ausgebeutet zu werden als von Eitelkeit, Ruhm, Verachtung, Neid oder dem Unmöglichen.
Manche beutet Gott selbst aus, sie sind die Propheten und Heiligen in der Leere dieser Welt. 


Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe, Fischer Verlag 2011. 

Freitag, 14. Februar 2014

Zustände - Alle Tage

Erst jetzt den wunderbaren Roman der Buchpreisträgerin Terézia Mora Alle Tage gelesen und sogar was für diesen Blog darin gefunden, und zwar im Kapitel "Gottesurteile": Manchmal, sagte Ilia, bin ich von Liebe und Hingabe ganz erfüllt. So ganz und gar, dass ich gar nichts anderes mehr bin als diese Liebe und diese Hingabe. Das dauert einige Minuten. Manchmal auch nur Sekunden. Ich tauche auf und sehe: Es waren nur wenige Sekunden. Bevor ich auftauche, sehe ich mich von außen. Ich sehe mich in Ekstase und erkenne es als Pose. In diesem Moment, wenn ich es als Pose erkenne, bin ich von der Hingabe zur Skepsis gewechselt, also vom Glauben zum Nichtglauben. Wenn ich mich in der Skepsis befinde, und das tue ich häufig, erscheine ich mir in meiner vorherigen Hingabe, mit allem, was dazugehört an ganz klar abergläubischen Ritualen, die ich allein oder mit anderen zusammen ausführe, als lächerlich und dumm. Wenn ich im Glauben bin, und auch das bin ich ziemlich häufig, scheine ich mir in meiner Skepsis abscheulich und dumm. Das sind meine beiden Zustände. Entweder der eine oder der andere, und manchmal auch beide zusammen. 

Terézia Mora, Alle Tage, btb, 2006. 

Sonntag, 2. Februar 2014

Ruhelos ist unser Herz



Augustin - Confessiones (Bekenntnisse)

Erstes Buch

Erstes Kapitel

Groß bist du, o Herr, und deines Lobes ist kein Ende; groß ist die Fülle deiner Kraft, und deine Weisheit ist unermeßlich. Und loben will dich der Mensch, ein so geringer Teil deiner Schöpfung; der Mensch, der sich unter der Last der Sterblichkeit beugt, dem Zeugnis seiner Sünde, einem Zeugnis, daß du den Hoffärtigen widerstehest; und doch will dich loben der Mensch, ein so geringer Teil deiner Schöpfung. Du schaffest, daß er mit Freuden dich preise, denn zu deinem Eigentum erschufst du uns, und ruhelos ist unser Herz, bis es ruhet in dir. Kläre mich auf, o Herr, und laß mich erkennen, ob wir dich zuerst anrufen oder dich preisen; ob wir dich eher erfassen als anrufen sollen? Doch wer ruft dich an, solange du ihm unbekannt bist? Könnte dich, der dich nicht erkennt, statt des einen ein anderes Wesen anrufen? Oder wirst du zuvor angerufen, auf daß du erkannt werdest? Wie sollen sie aber anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber glauben an den, der ihnen nicht geprediget worden? Loben werden den Herrn, die ihn suchen. So ihn aber suchen, werden ihn finden, und die ihn finden, werden ihn loben. Ich will dich suchen, o Herr, im Gebet, und ich werde dich anrufen im Glauben: denn du bist uns verkündigen worden. Mein Glaube, den du mir gegeben, o Herr, ruft dich an, mein Glaube, den du mir einhauchtest durch die Menschwerdung deines Sohnes durch die Vermittlung deines Predigers.