Samstag, 27. Juli 2013

Save your servant

 Hear me, Lord, and answer me,
for I am poor and needy.
Guard my life, for I am faithful to you;
 save your servant who trusts in you.
You are my God; have mercy on me, Lord,
 for I call to you all day long. 
Bring joy to your servant, Lord, 
 for I put my trust in you.

Psalm 86 - [Ein Gebet Davids.]
Wende dein Ohr mir zu, erhöre mich, Herr!/Denn ich bin arm und gebeugt. Beschütze mich, denn ich bin dir ergeben!/Hilf deinem Knecht, der dir vertraut! Du bist mein Gott. Sei mir gnädig, o Herr!/ Den ganzen Tag rufe ich zu dir. Herr, erfreue deinen Knecht; /denn ich erhebe meine Seele zu dir./ Herr, du bist gütig und bereit zu verzeihen, /für alle, die zu dir rufen, reich an Gnade./Herr, vernimm mein Beten, /achte auf mein lautes Flehen! Am Tag meiner Not rufe ich zu dir; /denn du wirst mich erhören. Herr, unter den Göttern ist keiner wie du /und nichts gleicht den Werken, die du geschaffen hast./Alle Völker kommen und beten dich an, /sie geben, Herr, deinem Namen die Ehre./Denn du bist groß und tust Wunder; /du allein bist Gott./Weise mir, Herr, deinen Weg; /ich will ihn gehen in Treue zu dir. Richte mein Herz darauf hin, / allein deinen Namen zu fürchten!Ich will dir danken, Herr, mein Gott, /aus ganzem Herzen, / will deinen Namen ehren immer und ewig./Du hast mich den Tiefen des Totenreichs entrissen. /Denn groß ist über mir deine Huld./Gott, freche Menschen haben sich gegen mich erhoben, /die Rotte der Gewalttäter trachtet mir nach dem Leben; / doch dich haben sie nicht vor Augen./Du aber, Herr, bist ein barmherziger und gnädiger Gott, /du bist langmütig, reich an Huld und Treue./Wende dich mir zu und sei mir gnädig, /gib deinem Knecht wieder Kraft / und hilf dem Sohn deiner Magd!/Tu ein Zeichen und schenke mir Glück! /Alle, die mich hassen, sollen es sehen und sich schämen, / weil du, Herr, mich gerettet und getröstet hast. 

Sonntag, 21. Juli 2013

Je größer das Dunkel desto heller das Licht




Die Widerstände gegen die Reformer Johannes und Teresa von Ávila wurden immer stärker, die Inquisition brachte Johannes wegen Überschreitung seiner Zuständigkeiten 1577 in ein Ordensgefängnis nach Toledo. Die Schikanen und Qualen dort führten bei Johannes zur tiefen mystischen Erfahrung und zu deren dichterisch ausgestalteter schriftlicher Fixierung.
Johannes vom Kreuz (1542-1591) spanisch: Juan de la Cruz war ein Unbeschuhter Karmelit, Mystiker, Dichter und Kirchenlehrer. 1563 trat er in den Orden der Karmeliten ein. Er war begeistert von den Reformbestrebungen Theresa von Avilas, die er kurz nach seiner Priesterweihe kennen-lernte. Da die Inquisition weniger begeistert von Reformen war, sperrte man Johannes vom Kreuz monatelang ins Gefängnis. Dort schrieb er unter Qualen das Gedicht Die dunkle Nacht. Es beschreibt den Weg der Seele, die ihre Freude darüber zum Ausruck bring, auf dem Weg der geistigen Entäußerung die erhabene Stufe der Vollkommenheit, die Vereinigung mit Gott, erstiegen zu haben. 


Die dunkle Nacht

Entflammt von Liebesqualen,
als schwarz die Nacht einst webte,
o Glück, das ich erlebte!,
ging unbemerkt ich aus,
als Ruhe schon befriedete mein Haus.
 

Wohl auf geheimer Stiege,
vermummt, mit sicherm Schritte,
ging durch des Dunkels Mitte,
o Glück! ich heimlich aus,
als Ruhe schon befriedete mein Haus.

O seligste der Nächte!
Verborgen, sah mich keiner;
mein Führer war nur Einer,
ein Licht, durch das ich sah:
Des Herzens Flamme wies mir, was geschah.

Sie führte mich gewisser
denn Mittagssonnenfeuer
zur Stätte, wo mein Treuer
mein harrete allein.
In diese Stätte drang kein andrer ein.

O Nacht, so hold wie nimmer
das Morgenrot erscheinet!
O Nacht, die du vereinet
dem Bräutigam die Braut,
die umgewandelt sich in Ihm erschaut!

 Mein Herz ihm treu und gänzlich,
bewahrt zum Blumenbette,
war seine Schlummerstätte,
wo liebend ich ihn hielt,
indes die Zeder mit den Lüften spielt!

 Auroras Haar in Lüften,
es weht zur Morgenstunde,
da fühlt’ ich eine Wunde
am Hals von lichter Hand.
O die Entzückung, die ich da empfand!

 Ich lehnt’ an den Geliebten,
mein Antlitz liebestrunken,
und – alles war versunken.
Ich schwand mit allem hin,
die Sorgen ließ ich unter Lilien blüh’n.

Mittwoch, 17. Juli 2013

Zum Gegengebet

Ich entdeckte den Büchnerpreisträger Josef Winkler erst jetzt und es musste sogar etwas nachgeholfen werden, also ich schaffte es nur durch professionelle Hilfe. Vielleicht notierte ich mir diesen Namen auf einen Zettel, sagen wir nach einem Telefonat. Später surfte ich vielleicht ein wenig durchs Netz, um mich zu informieren. Dabei bin ich auf folgende Sätze gestoßen: Gestern abend, im Bett auf dem Rücken liegend, stellte ich mir meinen Tod vor. Ich schloß die Hände zum Gegengebet. Und das genügte mir schon. Ich stellte mir dann tagelang diesen Mann vor, der, genau wie ich, schreckliche Angst vor dem Tod hat und der gestern abend, in seinem Bett auf dem Rücken liegend, sich seinen Tod vorstellte und dabei die Hände zum Gegengebet schloß. Ich wollte dann einfach wissen, wie er sich seinen Tod vorstellte und was er gebetet hat, denn ich stellte mir auch vor, dass sein ganze Buch aus diesem Gegengebet bestehen würde. Der Titel des Buches lautet Wortschatz der Nacht und ich kaufte es und meine Vorstellungen wurden übertroffen. Es ist ein rauschhaftes Buch, leidenschaftlich und mit genügend Zorn. Aber auch Sehnsucht und einer überfließenden Liebe. Ich würde jetzt gern seitenlang daraus zitieren, aber aus verschiedenen Gründen beschränke ich mich auf wenige Kostproben.

Rot oder weiß? Öl oder Wasser? Essig oder Galle? Noch während der Soldat mit der Lanze den Brustkorb Jesu aufbricht... reißt er im Traum meine Augen auf. Erschrocken blicke ich auf die Lanze in meiner Brust, ein Freund will sie herausziehen, aber bösartig blicke ich ihn an, sage, daß ich ihn liebe, umklammere mit der rechten Hand die Schneide der Lanze, spüre keinen Schmerz mehr... und stoße mit meiner letzten Kraft die Schneide tiefer in die Brust. Wenn du mir das Leben rettest, nur um dich in mir zu lieben, laß mich bitte sterben, falte deine Hände und blick mir ins bleierne Gesicht. Das Haupt senkt sich auf meine Brust. Die Erntedankkrone fällt zu Boden und rollt vor die Füße der Mutter. Langsam, mit tränenden Augen und einem roten Fleck in der Hüftgegend, geht sie, Weizenkorn für Weizenkorn kauend, den Berg hoch. Sie wird den Gekreuzigten mit dem Brot Gottes füttern... Die Kinder Gottes sind inzwischen Greise geworden. 

Josef Winkler, Wortschatz der Nacht, Suhrkamp Verlag, 2013.

Montag, 15. Juli 2013

Mehr Licht!

Heute möchte ich mal etwas mehr Peter Licht in die Sache bringen, weil Peter sich Sachen fragt, die ich mich auch oft frage, nur er fragt schöner.
manchmal frage ich mich wie weit wir noch gehen sollen und ob noch jemand mit uns kommt...
in welchem jenseits wir jetzt schon sind/
und ob wir nicht eher stehen geblieben sind/
und die kugel rollt sich weg unter uns/
manchmal frage ich mich, wo all unsere leute jetzt sind/sie kamen uns abhanden unterwegs...


So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern!
Kolosser 3,12-13 

Dienstag, 9. Juli 2013

Die Engel, die Mücke und die Seele

Verstehen wir immer mehr oder immer weniger? Früher liebte ich Meister Eckhart gerade wegen seiner intellektuellen Art, seine Mystik ging die meisten Wege Seite an Seite mit der Vernunft. Er benötigte keine Visionen, er erklärte uns den Gang der Seele. Wenn ich ihn jetzt wieder lese, finde ich ihn beinahe schwierig. Aber lest selbst. Ich zitiere einen Abschnitt aus der Predigt "Über die Armut an Geist". Es geht dort um drei zu erlangende Stufen: nichts wollen, nichts wissen und nichts haben. Nichts wollen? Wenn man diesen Zustand nur einmal am Tag erlangen könnte, für wenige Sekunden, dann wäre man in diesen Sekunden doch glücklich.  


Erstens also behaupten wir, ein armer Mensch sei der, der nichts will. Diesen Satz verstehen einige Leute nicht richtig. Es sind die Leute, die sich in ihrem Selbstbezug an Bußwerke und äußere Übungen halten. Sie finden, das sei etwas Großes. Mir tun diese Menschen leid. Denn sie begreifen so wenig von der göttlichen Wahrheit. Dem äußeren Anschein folgend, nennen viele Leute sie „heilig”. Aber sie sind Esel. Innen sind sie Esel, denn sie begreifen nicht das Besondere der göttlichen Wahrheit. Auch diese Menschen behaupten, ein armer Mensch sei, wer nichts will. Sie erklären das aber so: Der Mensch soll so leben, dass er nirgends seinen eigenen Willen erfüllt, sondern immer nur danach strebe, wie er den liebsten Willen Gottes erfülle. Um diese Menschen steht es gut, denn ihre Absicht ist gut, deshalb wollen wir sie loben.
Gott gebe ihnen in seiner Barmherzigkeit das Himmelreich. Ich gehe aber noch weiter und behaupte bei der göttlichen Wahrheit: Diese Menschen sind nicht arm, und sie gleichen auch nicht armen Menschen. Leute, die nichts Besseres kennen, achten sie hoch. Aber ich behaupte: Sie sind Esel; von der Wahrheit begreifen sie nichts. Weil sie es gut meinen, werden sie das Himmelreich erlangen, aber von der Armut, von der wir nun reden wollen, verstehen sie gar nichts.
Käme nun einer und fragte mich: Was wäre denn ein armer Mensch, der nichts will?, so antworte ich ihm und argumentiere wie folgt: Solange der Mensch daran festhält, es sei sein Wille, den liebsten Willen Gottes erfüllen zu wollen, so lange hat er die Armut nicht, von der wir reden wollen. Denn dieser Mensch besitzt immer noch einen Willen, mit dem er dem Willen Gottes entsprechen will, und das ist nicht die wahre Armut. Denn der Mensch, der die wirkliche Armut hat, der ist völlig abgelöst von seinem geschaffenen Willen, so wie damals, als er noch nicht war. Denn ich sage euch bei der ewigen Wahrheit: Solange ihr den Willen besitzt, den Willen Gottes zu erfüllen und solange ihr Verlangen habt nach der Ewigkeit und nach Gott, so lange seid ihr nicht arm. Denn nur das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts verlangt.
Als ich in meinem ersten Ursprung stand, da hatte ich keinen Gott, und da war ich Ursprung meiner selbst. Da wollte ich nichts. Dort verlangte ich nach nichts, denn ich war abgelöst von ihm und ein Erkennender meiner selbst im Genuss der Wahrheit. Da wollte ich mich selbst und sonst nichts. Was ich wollte, das war ich. Was ich war, das wollte ich. Und hier stand ich, abgelöst von Gott und allen Dingen. Aber als ich dann heraustrat aus meinem freien Willen und mein geschaffenes Wesen entgegennahm, da bekam ich einen Gott. Denn bevor die Geschöpfe waren, da war Gott nicht Gott, vielmehr war er, was er war. Aber als die Geschöpfe entstanden und ihr geschaffenes Wesen empfingen, da war Gott nicht mehr Gott in sich selbst, sondern er war Gott in den Geschöpfen.
Nun behaupte ich: Gott, sofern er Gott ist, ist nicht das vollkommene Wesensziel der Geschöpfe. Dazu ist der Reichtum zu groß, den das geringste Geschöpf in Gott hat. Hätte eine Mücke Vernunft und suchte sie mit Vernunft den ewigen Abgrund des göttlichen Wesens, aus dem sie gekommen ist, so könnte Gott, behaupte ich, mit all dem, worin er Gott ist, die Mücke nicht ausfüllen und ihr Genüge verschaffen. Deswegen bitte ich Gott, losgelöst zu werden von Gott und die Wahrheit dort zu ergreifen und die Ewigkeit dort zu genießen, wo die obersten Engel und die Mücke und die Seele gleich sind worin ich stand und wollte, was ich war und war, was ich wollte. Deshalb behaupte ich: Soll der Mensch arm sein an Willen, dann darf er so wenig wollen und verlangen, als er wollte und verlangte, als er nicht war. Und in diesem Sinne ist der Mensch arm, der nichts will.

Mittwoch, 3. Juli 2013

Wer wartet hinter der Tür


 Heimkehr von Franz Kafka

Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Und ich wage nicht an die Küchentür zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will.

Die Parabel Heimkehr kann durchaus mit dem Gleichnis Vom verlorenen Sohn (Lukas 15, 11-32) in Verbindung gebracht werden. Der Unterschied liegt auf der Hand: Kafkas Heimkehrer wird nie wirklich ankommen, selbst wenn er zurückkehrt. Der verlorene Sohn im Gleichnis der Bibel wird vom Vater in die Arme genommen, Kafkas Held hält zögnerd inne. Er lauscht, er erinnert sich, er zweifelt: was kann ich ihnen nützen. Er wagt es nicht einmal an die Küchentür zu klopfen und so bleibt eine Familie, von der wir nichts wissen im Verborgenen. Der Vater bleibt unerkannt in der Ferne, der Sohn lauscht von der Ferne her und erhorcht nichts. Die Szene, die alle Maler so gern darstellen, nämlich wie der verlorene Sohn vom Vater in die Arme genommen wird, entfällt. Aber warum kann dieser Heimkehrer nicht heimkehren, fragen wir uns. Hoffentlich. Man deutet die Parabel gern autobiographisch und sagt: Kafka habe sich in seiner Familie, insbesondere beim Vater, nie zuhause gefühlt, er war ein Außernseiter in der eigenen Familie. Deshalb kann er nicht nachhause zurückkehren, weil er es nie hatte, dies Zuhause.
Schwer ist es fortzugehen für einen, der fremd ist in der eigenen Familie. 
Unmöglich ist es heimzukehren, wenn man nicht fortgeht.

 Franz Kafka wurde am 3. Juli 1883 in Prag geboren. Für mich wird er mit jedem Text, den ich von ihm lese wiedergeboren.



Donnerstag, 27. Juni 2013

Fast hab ich schon das Nichts erreicht

Wilhelm Busch

Der Asket

Im Hochgebirg vor seiner Höhle
Saß der Asket;
Nur noch ein Rest von Leib und Seele
Infolge äußerster Diät.
Demütig ihm zu Füßen kniet
Ein Jüngling, der sich längst bemüht,
Des strengen Büßers strenge Lehren
Nachdenklich prüfend anzuhören.
Grad schließt der Klausner den Sermon
Und spricht: Bekehre dich, mein Sohn!
Verlaß das böse Weltgetriebe.
Vor allem unterlaß die Liebe,
Denn grade sie erweckt aufs neue
Das Leben und mit ihm die Reue.
Da schau mich an. Ich bin so leicht,
Fast hab ich schon das Nichts erreicht,
Und bald verschwind ich in das reine
Zeit-, raum- und traumlos Allundeine.
Als so der Meister in Ekstase,
Sticht ihn ein Bienchen in die Nase.
Oh, welch ein Schrei!
Und dann das Mienenspiel dabei.
Der Jüngling stutzt und ruft: Was seh ich?
Wer solchermaßen leidensfähig,
Wer so gefühlvoll und empfindlich,
Der, fürcht ich, lebt noch viel zu gründlich
Und stirbt noch nicht zum letztenmal.
Mit diesem kühlen Wort empfahl
Der Jüngling sich und stieg hernieder
Ins tiefe Tal und kam nicht wieder.

Freitag, 14. Juni 2013

Herrn G.s zauberhafte Welt

Wie es der Titel Geschichten vom Herrn G. uns schon verspricht, so wird in dem schönen Prosabändchen von Thomas Weiß voller Ironie und Freude am Spiel und in gewohnter Dichtersprache erzählt. Beim ersten Aufblättern des Buches denkt man vielleicht auch an den berühmten Herrn K. Warum nicht, aber Thomas Weiß ist eben auch Theologe und da wurde eben aus Herrn G. ein ganz besonderer Herr. Einige Miniaturtexte haben mich an die zauberhafte Welt der A. andere an die Naive Kunst erinnert. Wie meine ich das? Ich meine die einfache, ja kindhafte, die scheinbar unbekümmerte und verspielt phantasievolle Art zu erzählen, die sich auch in den gewählten Bildmotiven zeigt. Ich dachte sofort an die Bilder vom Zöllner Henri Rousseau, die ich sehr mag, aber auch an andere Künstler wie Seraphine Louis. Dann dachte ich an The Brick Bible, weil auch sie uns aus einem anderen Blickwinkel auf die heiligen Geschichten blicken lässt und wir plötzlich über etwas - was wir so noch nicht gesehen hatten - zu schmunzeln beginnen, wo wir früher nur nachdachten. Doch mir geht es bei meinen Vergleichen weniger um die Vorstellung neuer Methoden - auch der Jüdische Witz funktioniert schon seit Jahrhunderten genauso - sondern allein um den anderen Blick auf das Heilige. Sein Blick entheiligt nicht einfach mit allen Mitteln - das kann ja heute wohl jeder - sein Blick ist sanft, tiefgründig, humorvoll. Thomas Weiß räumt die Wohnung Gottes ein wenig um. Es war einfach wieder an der Zeit.  

Ein Beispiel: Nachdem Herr G. das Lachen erfunden hatte, wollte er einmal seiner selbst spotten. Wer findet mich lächerlich? rief er in die Runde. Aber von allen Wesen fand sich nur der Mensch, der sich über ihn lustig machte. Da sprach Herr G.: Du bist kein Tier.     

Oder: Es ist kein leichter Weg vom Himmel auf die Erde. Sehr steil fällt er ab, und Herr G. war nicht völlig schwindelfrei; wenn er sich nach unten wandte, fing die Welt an, sich schnell zu drehen, und das machte Herrn G. ganz unsicher. Erst, als die Menschen nach oben schauten und ihre Blicke sich mit den seinen trafen, wagte er es, langsam herabzusteigen. Sprosse um Sprosse herunter an der Leiter, die aus Blicken gebaut war, aus erhobenen Häuptern und aus dem Wunsch, bei den Menschen zu sein und den Himmel einmal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. 

Thomas Weiß, Geschichten vom Herrn G. erschienen im Klöpfer&Meyer Verlag, Tübingen, 2013.

Interview mit Thomas Weiß im ERF hier:


Mittwoch, 5. Juni 2013

Ich glaub schon


Ich glaub schon -Ein Dokumentarstück über Glaubensbekenntnisse


Mündliche Überlieferung, Verschriftlichung der ersten Geschichten, Bücher, Heilige Schriften, Schriftreligionen und wieder zurück zum gesprochenen Wort. Ähnlich der Ort. Paradiesgarten, Abraham vorm Zelt, Steinaltar, Tempel, Kirchen, Gotteshäuser und zurück unter den freien Himmel, der niemanden ausschließt. Hier soll aus aktuellem Anlass auf ein etwas anderes Theaterstück über den Glauben und eine sehr lebendige Art diesen zu bekennen hingewiesen werden. Ein schönes Projekt:

Sechs junge Menschen begegnen uns dort, die sich auf die ein oder andere Weise für ein Leben mit dem Glauben entschieden haben und von sich erzählen: ein Mann, der nach acht Jahren Ausbildung im Juni seine Priesterweihe haben wird. Ein anderer, der sich aus Liebe dagegen entschieden hat. Zwei Musliminnen, deren Kopftuch in den Menschen den Reflex „Islamexpertin“ auslöst. Eine Pastorentochter mit Fluchtgeschichte. Und Firas, der das „gelobte Land“ verlassen hat und jetzt im Rebstock kocht. Ziemlich gut und exklusiv für alle, die zu ICH GLAUB SCHON kommen.
Als Publikum erwarten Euch also nicht nur spannende Begegnungen und eine gute Suppe, sondern auch die Holz- und Natur-Installationen des Schweizer Szenografen Murbach/ Meier/ Jaggi/ Franz, in denen dieser Parcours stattfinden wird.

Bei schlechtem Wetter bitte unbedingt festes Schuhwerk und Regenjacke mitbringen!
Dauer:  90 Minuten

WO
auf den GUTLEUTMATTEN: eine wilde Wiese, die ein neuer Außenspielort des Theater Freiburg ist.
Zu finden in Haslach, Escholzstr./ Ecke Carl-Kistner-Str.
Treffpunkt: Tramhaltestelle Haslach Bad

WANN
 Mi. 12.06.; Fr. 14.06.; Di. 25.06; Mi. 26.06.

TEAM Künstlerische Leitung Paul Brodowsky / Ruth Feindel / Christine Umpfenbach    Ausstattung Nina Hofmann    Komposition Amir Teymuri / Carlo Philipp Thomsen  
Mit: Samara Abel el Hafez / Anneli Binder / Sare Sagdic-Begas / Christian Mario Hess / Firas Khatib / Johannes Veith    Violoncello Christian Buchholz    Klarinette Lorenzo de Cunzo 

PREDIGT zum Dokumentarstück vom 2. Sonntag nach Trinitatis (09.06.13) - Immer schon gesagt
  


Freitag, 31. Mai 2013

Das ist hier die Preisfrage

Kan die Theologie von der nähern Vereinigung, die einige Neuere zwischen ihr und der Dichtkunst zu knüpfen angefangen, sich wohl Vortheile verprechen? 
Dieser Preisfrage widmete sich Jean Paul in den 1780er Jahren und gewann mit deren Beantwortung sogar den Preis! Um es hier abzukürzen: JA! Doch bei diesen sintflutartigen Regengüssen draußen und Erkältungsgefieber drinnen werde ich mich heute nicht auf die Folge logischer Argumente einlassen, sondern nur einige köstliche Textauszüge zitieren:

Da man endlich auch durch Scheiter- haufenfeuer niemanden mehr erleuchten kan, so bleibt folglich nur ein einziges Mittel, zu erleuchten übrig, nämlich Dichterfeuer. 

Ferner: der Anfang und das Ende der Bibel stammen aus poetischen Federn her und die Dichtkunst scheint an ihr keine Verschönerung gespart zu haben.

Denn nur iezt, nachdem ich unwidersprechlich dargethan, daß die Poesie nicht minder als die Theologie gegen den kalten Verstand zu Felde ziehe, darf ich mit einiger Hofnung der Antwort auf die Frage entgegensehen: wenn nun gar zu den Termen der Theologie sich die Dichtkunst mit ihren Verhüllungen schlägt, wenn dem leichten Kopf der ernstern die leztere noch gar ihre Flügel leiht, mus sie alsdan nicht zu einer neuen Höhe aufsteigen? - Allein dies ist noch das Wenigste.

Samstag, 11. Mai 2013

Nochmal zum Spion Gottes

Er selber sagte von sich, er sei ein Spion Gottes. Ich erwähne diese Selbstbezeichnung hier besonders gern, weil Kierkegaard trotz seiner Kirchenkritik und gerade wegen seiner Gedankenschärfe nie aufhörte religiöser Schrifststeller oder christlicher Autor zu sein. Atheismus war schon damals sehr im Kommen. So muss man vielleicht erwähnen, dass nicht nur die Kirche ihn vergisst, sondern auch die andere Seite ihn nicht ernst genug nimmt. Klar, Dichter wie Rainer Maria Rilke, Franz Kafka, Robert Musil, Max Frisch, Samuel Beckett oder Thomas Bernhard wurden von ihm inspiriert. Auch Philosophen wie Karl Jaspers, Martin Heidegger oder Jean-Paul Sartre bezogen sich auf ihn. Doch der Inlandreisende oder Geistreisende Kierkegaard wollte womöglich gar nicht als Gründer der Existenzphilosophie oder Vater der Psychoanalyse angesehen werden.Er kritisierte die Aufklärung hart genug, eben weil er aufgeklärt war. Er kritisierte das real existierende Christentum als Christenheit, weil er das echte Christentum wollte. ...denn, was das Christentum ganz verwirrt hat und was zum großen Teil den Anlaß zu der Einbildung von einer triumphalen Kirche gegeben hat, ist dies, daß man das Christentum als Wahrheit im Sinne von Resultat angesehen hat, statt als Wahrheit im Sinne von "Weg".

Oder dies:
Die Liebe hat in den Dichtern ihre Priester, und bisweilen hört man ihre Stimme, die sie hochzuhalten weiß; aber über den Glauben hört man kein Wort, wer spricht dieser Leidenschaft zu Ehren? Die Philosophie geht weiter. Die Theologie sitzt geschminkt am Fenster und buhlt um die Gunst der Philosophie, bietet dieser ihre Schönheit feil. Es soll schwer sein, Hegel zu verstehen, aber Abraham zu verstehen ist eine Kleinigkeit. Über Hegel hinauszugehen, wäre ein Wunder, aber über Abraham hinauszukommen, ist das leichteste von allem. Ich habe meinerseits viele Stunden auf das Verständnis der Hegelschen Philosophie angewandt und glaube auch, sie einigermaßen verstanden zu haben... All das tue ich leicht, natürlich, mein Kopf leidet nicht darunter. Wenn ich dagegen über Abraham nachdenken soll, dann bin ich wie vernichtet. Mir kommt in jedem Augenblick das ungeheure Paradox vor Augen, das der Inhalt von Abrahams Leben ist.

Sonntag, 5. Mai 2013

Glückwunsch zum Zweihundertsten!

Inlandreisender
Sören Kierkegaard, geb. 5. Mai 1813 blieb ein Schwebender in dieser Welt, sein Leben hat etwas unwirklich Schemen-haftes, sein Denken jedoch nie! Die Kirche, damit die Christenheit, beachtet den Abweichler lieber kaum, sie überlassen ihn gern irgendwelchen Fachspezialisten an irgendwelchen Universitäten. Philosophen und andere Weltmänner sollen sich gefälligst mit diesem Bösewicht beschäftigen. Das ist sehr bedauerlich, aber auch nachvollziehbar, denn K. führte in seinen Spätschriften einen recht verbissenen Kirchenkampf siehe: Zitat unten. 
Außerdem ist einer der sich nicht richtig festlegen will auf eine Seite am Ende doch allen Seiten unheimlich. Kierkegaard pendelte immerhin zwischen Religion, Dichtung und Wissenschaft spielerisch hin und her und das hat er jetzt davon, siehe: Karrikatur links. 

Wir lasen Entweder Oder unterm Dach in der kleinen Kammer, siehe: Notizen einer Theologiestudentin im ersten Semester (unveröffentlicht).

Zitat unten: Der Unterschied zwischen einem Genie und einem Christen ist der: Das Genie ist das Außerordentliche der Natur; dazu kann sich kein Mensch selbst machen. Ein Christ ist das Außerordentliche der Freiheit oder, genauer, das Ordentliche der Freiheit, das man nur selten findet, was aber jeder von uns sein sollte. Deshalb will Gott, dass das Christentum unbedingt für alle verkündet werde, deshalb waren die Apostel ganz einfache Menschen, das Vorbild in Gestalt eines geringen Dieners, alles, um zu zeigen, dass dieses Außerordentliche das Ordentliche und allen zugänglich ist - aber dennoch ist ein Christ etwas noch Selteneres als ein Genie.

Mittwoch, 24. April 2013

Durch heitres und jegliches Wetter

Das Sonnenlied

Du höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein ist Lobpreis und Ruhm, Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie. Und keiner der Menschen 
ist wert, dich im Munde zu führen.

Sei gelobt, mein Herr, mit all deinen Kreaturen,
sonderlich mit der hohen Frau, Schwester Sonne,
die den Tag macht und mit der du uns leuchtest.
Schön in der Höhe und strahlend im mächtigen Glanz,
ist sie dein Sinnbild, du Herrlicher!

Sei gelobt, mein Herr, durch Bruder Mond 
und die Sterne. Du hast sie am Himmel geformt,
klar, kostbar und schön.

Sei gelobt, mein Herr, durch Bruder Wind,
durch Luft und Gewölk, durch heitres und jegliches Wetter
Alle Kreaturen belebst du durch sie!

Sei gelobt, mein Herr, durch Schwester Wasser.
Es ist so nützlich, gering, köstlich und keusch.

Sei gelobt, mein Herr, durch Bruder Feuer. 
Durch ihn erhellst du die Nacht, schön ist er,
heiter und kraftvoll und stark.

Sei gelobt, mein Herr, durch unsere Schwester
Mutter Erde. Sie ernährt und versorgt uns
und zeitigt allerlei Früchte, farbige Blumen und Gras.

Sei gelobt, mein Herr, durch jene, die verzeihen
in deiner Liebe, die Krankheit tragen und Trübsal.
Selig, die da dulden in Frieden ! Von dir, du
Höchster, empfangen sie die Krone.

Sei gelobt, mein Herr, durch deinen Bruder,
den Leibestod. Kein Lebender kann ihm entrinnen.
Weh denen, die sterben in Todsünden. Selig, die
sterben, geborgen in deinem heiligsten Willen.
Der zweite Tod vermag nichts wider sie.

Lobet und preiset meinen Herrn, danket und dient ihm
in großer Demut. 


Der Sonnengesang ist der bekannteste Text des Troubadours aus Assisi und zählt aufgrund seiner dichterischen Gestalt und seines Inhalts zur Weltliteratur. Es entstand in alt- italienischer Sprache im Winter 1224/ 25, als Franziskus krank in einer Hütte bei San Damiano lag. Nach späteren Quellen fügte Franziskus die Friedens-strophe hinzu, um einen Streit zwischen dem Bischof und dem Bürgermeister von Assisi zu schlichten. Die Strophe über „Bruder Tod“ verfasste er, als er selbst dem Tode nahe war.  

Faszinierend ist dieses einfache Loblied für mich nicht allein, weil es Gottes gute Schöpfung lobt, sondern weil es sie gerade in Zeiten der Bedrohung lobt. Beschwörend. Und voller Demut. Wenn ich krank bin, dann klage ich, wenn ich Streit erlebe, streite ich gern mit. Heute strahlt mir die Sonne ins Zimmer und es ist alles ganz mild und leicht. Franziskus liebte vermutlich gutes sonniges Wetter genau wie alle andern auch, aber seine Liebe umspannt jegliches Wetter.
 

Montag, 22. April 2013

Jeden Morgen las ich ...

Jeden Morgen las ich ein wenig in den Evangelien. - Es ist eine köstliche Weise, so den Tag zu beginnen. Jeder sollte es tun, auch wenn er selbst ein wildes unregelmäßiges Leben führt. 

Ein dem Erlöser ähnliches Leben führt nur, wer ganz und gar er selbst bleibt, sei er nun ein großer Dichter oder ein Gelehrter, ein junger Student oder ein einfacher Schafhirte auf der Heide, ein Dramatiker wie Shakespeare oder ein Sucher und Gottgrübler wie Spinoza, ein spielendes Kind, oder ein Fischer, der seine Netze in den See senkt. Er sei was er mag, was liegt daran, wenn er nur alle Möglichkeiten seiner Seele zur Entfaltung bringt. 
 
Man könnte einwenden: warum lies Jesus dann Simon, den Fischer, nicht an seinem See? Warum sprach er sein Folge mir nach! Hätte Simon nicht auch ganz und gar er selbst bleiben können, dort unter den anderen Fischern? Warum musste er alles stehen und liegen lassen, Jesus nachfolgen und Petrus werden? Warum musste Saulus zum Paulus werden? Die Frage also ist: gehört zur Imitatio Christi die Selbstverleugnung? Oder führte Adolf H. schon ein dem Erlöser ähnliches Leben, weil er so ganz und gar er selbst blieb?

Ich sage mir, die noch immer sogenannte "Wahrheit" liegt in der Mitte. Und irgendwie ahne ich sogar, was an dieser Wilden Auslegung völlig korrekt ist, nämlich, dass jeder Mensch eine Gabe hat, die er nutzen und gerade nicht verleugnen soll. Jesus sah die Gabe Simons, der ein Petrus werden sollte, der seine Bestimmung nur als Petrus erlangen konnte. Er wäre als Fischer am See nie ganz und gar er selbst geworden. Er musste ein anderer werden, um er selbst zu werden. Hesse würde das hier sehr gefallen.  
  

Freitag, 5. April 2013

Die geheimnisvolle Wendung

Magdalena am Grab bezeichnet nicht nur die Geschichte aus dem Johannes-evangelium, sondern inzwischen auch das kleine Inselbändchen mit einer Erzählung von Patrick Roth.

Kurzbeschreibung: Ein Regisseur will mit vier Schauspielern eine Szene proben. Es ist nicht irgendeine, sondern jene Passage aus dem Johannes-Evangelium, die als Magdalena am Grab bekannt ist. Sie proben in einem leerstehenden Haus am Mulholland Drive in Hollywood. Die kurze Szene, die so einfach und eindeutig scheint, wird immer wieder durchgespielt, denn bei jedem Durchgang verliert sie mehr und mehr an vertrauter Kontur: Spiel und Wirklichkeit durchdringen sich auf fast gespenstische Weise. Alles hängt offenbar an einer Wendung, die erforderlich wäre, damit das Geschehen ganz verständlich würde - an einem Satz, den der Bibeltext jedoch ausspart, als solle hier ein Geheimnis immer neu entdeckt werden.
Besonders eindrücklich ist Roths Bezeichnung "Magdalenensekunde" für die gegenseitige Zuwendung, vor allem jedoch das Wiedererkennen zwischen Jesus und Maria Magdalena. Theologisch formuliert heißt es dann: „Die Magdalenensekunde: das ist die Sekunde der Wiedererkennung: Mensch und Gott werden einander wieder bewußt. Rettend bewußt, einander taufend bewußt: aus dem Wasser des Unbewußten, Toten: ziehen sich beide, einer den anderen – einer neu, neugeboren, im anderen“ (Roth 2003, S.49).