Sonntag, 27. April 2014

Himmelsvision



Eine Pfarrerstochter
 Georg Orwell

Es war außerordentlich, wie der Himmel ständig in ihren Gedanken war; und noch ungewöhnlicher war die Gegenwärtigkeit, die Lebendigkeit, mit der sie alles sehen konnte. Die güldenen Straßen und die Tore aus orientalischen Perlen waren für sie so wirklich, als wären sie buchstäblich vor ihren Augen. Und ihre Vision erstreckte sich auf die konkretesten, die irdischsten Einzelheiten. Wie weich die Betten dort oben waren! Wie köstlich das Essen! Die herrlichen seidenen Gewänder, die man dort jeden Morgen frisch anziehen würde! Die Befreiung von Ewigkeit zu Ewigkeit und von Arbeit jeglicher Art! In fast jedem Augenblick ihres Lebens stärkte und tröstete sie ihre Vision des Himmels, und ihre verzweifelten Klagen über das Leben der "armen arbeitenden Menschen" wurden seltsam gemildert von der Befriedigung in der Vorstellung, daß schließlich die "armen arbeitenden Menschen" die hauptsächlichen Bewohner des Himmels waren. Sie hatte da eine Art von Handel abgeschlossen und ihr langes Leben voller Müh und Plage gegen die ewige Seligkeit gesetzt. Ihr Glaube war fast zu stark, wenn das möglich ist. Denn es war eine merkwürdige Tatsache, daß die Sicherheit, mit welcher Mrs. Pinther dem Himmel entgegensah - als eine Art von himmlischem Heim für Unheilbare -, Dorothy mit einem seltsamen Unbehagen erfüllte. ..

Wir kennen Orwell "1984" - ein Roman der mich persönlich auch stark geprägt hat, wir kennen auch Orwells "Farm der Tiere", aber jetzt erst kam die Zeit für die "Pfarrerstochter", die er Anfang der Dreißger Jahre geschrieben hat. Der Titel klingt schwach, doch der Roman ist stark. Orwell kannte sich erstaunlich gut aus in all den klerikalen Fragen, den verschiedenen Richtungen, die die Kirche seiner Zeit in England ging und in Glaubensfragen noch dazu. Es ist eine echte Entdeckung. Er schildert darin auch eigene Erfahrungen, die er als Erntehelfer bei der Hopfenernte machte und aus der Zeit seiner Obdachlosigkeit. Orwell war zeitweise erbärmlich verarmt.

Georg Orwell, Eine Pfarrerstochter, Diogenes 1983.      

Sonntag, 20. April 2014

Ein zuverlässiges Beispiel



Tertullian
Der Vogel Phönix ein Beleg für die Auferstehung

Wenn das "Weltall noch zu wenig Sinnbild der Auferstehung ist, wenn die Schöpfung nichts derart anzeigt, weil von den einzelnen Dingen in derselben nicht sowohl ein Sterben als ein Aufhören ausgesagt und keine Wiederbeseelung, sondern nur eine Wiederherstellung angenommen wird, so vernimm nun noch ein ganz voll- ständiges und zuverlässiges Beispiel dieser Hoffnung. Sein Gegenstand ist ein beseeltes, des Lebens und Sterbens fähiges Wesen. Ich meine nämlich den nur dem Orient, angehörigen Vogel, der, durch seine Einzigkeit ausgezeichnet, in bezug auf Nachkommenschaft ein Wunder der Natur ist, der, sich selbst freiwillig begrabend, sich selbst erneuert, an seinem Geburtstage sterbend und wieder eintretend abermals zum Phönix wird, nachdem er schon nichts mehr war, abermals er selber, er, der nicht mehr war, ein anderer und doch derselbe. Was gibt es Ausdrücklicheres und Bezeichnenderes in dieser Beziehung, oder für welche Sache findet sich eine so zutreffende Bestätigung? Gott sagt in der hl. Schrift auch: "Er wird blühen wie ein Phönix", nämlich nach dem Tode und dem Begräbnis, damit man glaube, dass die Substanz des Körpers auch dem Feuer wieder entrissen werden könne. Nun hat aber der Herr den Ausspruch gethan, dass wir besser sind als viele Sperlinge; das würde nichts Grosses sein, wenn wir nicht auch besser wären als der Phönix. Und die Menschen sollten für immer vergehen, während arabische Vögel ihrer Auferstehung sicher sind?!

Tertullian, Über die Auferstehung des Fleisches, Kap. 13 (geschrieben 212-214 n.Chr.)

Freitag, 18. April 2014

Um ihretwillen


Rainer Maria Rilke

Denn wir sind nur die Schale und das Blatt

Denn wir sind nur die Schale und das Blatt.
Der große Tod, den jeder in sich hat,
das ist die Frucht, um die sich alles dreht.

Um ihretwillen heben Mädchen an
und kommen wie ein Baum aus einer Laute,
und Knaben sehnen sich um sie zum Mann;
und Frauen sind den Wachsenden Vertraute
für Ängste, die sonst niemand nehmen kann.
Um ihretwillen bleibt das Angeschaute
wie Ewiges, auch wenn es lang verrann, -
und jeder, welcher bildete und baute,
ward Welt um diese Frucht, und fror und taute
und windete ihr zu und schien sie an.
In sie ist eingegangen alle Wärme
der Herzen und der Hirne weißes Glühn -:
Doch deine Engel ziehn wie Vogelschwärme,
und sie erfanden alle Früchte grün.

Rainer Maria Rilke, 16.4.1903, Viareggio

Freitag, 4. April 2014

Mich hat der Heiland endlich erhascht

Goethe: frühes Genie und später feister Dichterfürst zu Weimar. Ein Dichter, aber ein Mensch? Mit dem Buch - ausgerechnet einer Psychobiographie - von Rainer M. Holm-Hadulla wandelte sich mein Goethe Bild völlig. Ich lege es jedem ans Herz, der Goethes Werk wirklich verstehen will und auch den Menschen Goethe sucht. 

Für diesen Blog wieder einige ausgewählte Zitate: 
"Schon früh war sein Vertrauen in die Güte Gottes durch das verheerende Erdbeben von Lissabon erschüttert worden. Er blieb aber seiner Kirche verbunden und in der Krankheitszeit vertiefte sich seine religiöse Sinnsuche. Im Januar 1769 schreibt er an Langer: Es ist viel mit mir vorgegangen; ich habe gelitten, und bin wieder frey, meiner Seele war diese Calcination sehr nütze, meine relativen Umstände haben sich auch dadurch gebessert, und wenn mein Cörper, wie sie behaupten, auch jetzo wahre Hoffnung, zur Besserung haben kann, weil sich die nächste Ursache meiner Krankheiten entdeckt hat; so weiß ich keinen glücklichern Vorfall, in meinem Leben als diesen schröcklichen... Mich hat der Heiland endlich erhascht, ich lief ihm zu lang und zu geschwind, da kriegt er mich bei den Haaren... Ich binn manchmal hübsch ruhig darüber, manchmal wenn ich stille binn, und alles Gute fühle was aus der ewigen Quelle auf mich geflossen ist. Wenn wir auch noch so lange irre gehen, wir beyde, am Ende wirds doch werden.  

aus: RainerM. Holm-Hadulla, Leidenschaft. Goethes Weg zur Kreativität. Eine Psychobiographie, Vandenhoeck&Ruprecht, 2009.  

Sonntag, 23. März 2014

In Büchern las Herr G.

Aus gegebenem Anlass (s.u.) möchte ich hier nochmals auf die wunderbaren "Geschichten vom Herrn G." von Thomas Weiß hinweisen:

Dass ihm nachgesagt wurde, er wisse alles, machte Herrn G. viele Gedanken, sodass er nachts nicht schlafen konnte, wenn er merkte, worin der doch nicht vollkommen war. Besonders belastend war es für Herrn G. als er feststellte, dass er nicht wusste, was es bedeutet, versehrt zu sein. Also lernte er Abschied, Trauer und Tod. Gute Ratgeber fand er in den Menschen, denen Herr G. dafür sehr dankbar war. 

In Büchern las Herr G. immer wieder und mit Spannung. Darum brachte Herr G. den Menschen das Schreiben bei. Bald nahmen die Veröffentlichungen aber dergestalt überhand, dass Herr G. den Überblick verlor und nicht mehr wusste, was aus der Fülle er lesen sollte. Da erschuf er die Kritiker und den Grauen Star. 


Mehr und vor allem vom Autor selbst gelesen am Sonntag, den 30. März 2014 - 17:00 Uhr in der Freiburger Friedenskirche. Ich schlage vor, Sie schauen dann einfach mal vorbei!  


Mittwoch, 5. März 2014

Literatur aus Ägypten

Chalid al-Chamissi - Im Taxi
Es genügte mir, neben ihm zu sitzen, um mich wohl zu fühlen und das Leben zu lieben. Irgendetwas an ihm erinnerte mich an meinen Lieblingschansonier, den Belgier Jaques Brel. Wie unrecht er doch hatte, als er sang, dass der Tod besser als Altern sei...
Ich konnte mir kaum vorstellen, dass er schon seit sechzig Jahren Taxi fuhr. Der Mut, ihn nach seinem Alter zu fragen fehlte mir zwar, aber ich wagte, ihn auf seine Erfahrungen anzusprechen: "Welche Lehre ziehen Sie aus all den Jahren, damit einer wie ich von Ihren Erfahrungen profitieren kann?" 
"Gott sorgt sogar für die schwarze Ameise, die in einer mondlosen Nacht über einen schwarzen Felsen kriecht."
"Was meinen Sie damit?" 
"Ich werde Ihnen erzählen, was mir kürzlich zugestoßen ist, damit Sie verstehen, was ich meine."
"Bitte!"
"Zehn Tage lang war ich so krank, dass ich mich nicht aus dem Bett bewegen konnte. Ich bin sehr arm und lebe von der Hand in den Mund. Nach einer Woche war kein Piaster mehr im Haus. Ich wusste das, auch wenn meine Frau es vor mir verbergen wollte. Ich fragte sie, was wir tun sollten. "Es ist alles in Orndung, Abu Hussain, antwortete sie. In Wahrheit hatte sie angefangen, Essen bei den Nachbarn zusammenzubetteln. Meine Kinder haben selbst viel um die Ohren, einer hat die Hälfte seiner Kinder verheiratet, für die andere aber hat es nicht gereicht; ein anderer hat einen kranken Enkel und rennt mit ihm von Spital zu Spital. Kurz gesagt: Von ihnen können wir keine Hilfe verlangen. Vielmehr müssten wir ihnen helfen. Nach zehn Tagen sagte ich zu meiner Frau, ich müsse wieder arbeiten. Sie sagte nein und schrie, ich würde sterben. Im Grunde war ich zu krank um aus dem Haus zu gehen, aber ich hatte keine Wahl. Und so log ich und sagte, ich würde kurz ins Café um die Ecke gehen. .. Ich ging zum Wagen, startete den Motor und flüsterte "Gott helfe mir!" Ich fuhr und fuhr, bis ich zum Ormanpark kam. Dort stand ein Peugeot 504, der offenbar eine Panne hatte. Der Fahrer winkte mir und ich hielt an. Er sagte, er habe einen Kiunden vom Golf, der zum Flughafen müsse. Ob ich ihn an seiner Stelle hinbringen könne. Das war die Vorsehung Gottes!
Der Gast stieg ein. Er war aus Oman, aus dem Land von Sultan Kabus. Als er mich nach dem Fahrpreis fragte, antwortete ich: "Was immer Sie mir geben." Er fragte: "Sie nehmen, was immer ich Ihnen gebe?" Ich bejahte. 
Auf dem Weg zum Flughafen erfuhr ich, dass er zum Frachtschalter musste, weil er Waren zu verzollen hatte. Ich sagte, mein Enkel arbeite dort und würde ihm bei der Zollabfertigung helfen. Tatsächlich fand ich meinen Enkel; er hatte gerade Schicht. Wir erledigten die Zollsache, dann brachte ich den Omaner zurück nach Dukki. Er fragte abermals: "Was bekommen Sie, Hagg?" Ich antwortete, wir seien übereingekommen, dass er den Fahrpreis bestimme. Er gab mir fünzig Pfund (6,20 Eur). Ich nahm sie, bedankte mich und ließ den Motor an. Er fragte mich, ob ich zufrieden sei. Ich sagte ja. Dann sagte er "Hagg, der Zoll hätte normalerweise tausenvierhundert Pfund von mir genommen. Dank Ihnen habe ich nur sechshundert bezahlt. Die Differenz ist für Sie. Sie haben es verdient. Die Taxifahrt ist zweihundert wert. Und die fünzig Pfund von vorhin sind ein kleines Geschenk. 
Sehen Sie, mein Herr, da hat mir eine einzige Fahrt über tausend Pfund eingebracht. Manchmal nehme ich in vier Wochen nicht so viel ein. Sehen Sie, was Gott tut? Er hat mich aus dem Haus gehen lassen, hat dafür gesorgt, dass ein Peugeot 504 eine Panne hat, und alles Übrige arrangiert, damit ich zu dem Geld komme. Das täglich Brot gehört nicht mir und das Geld gehört nicht mir: Alles gehört Gott. Das ist die Lektion, die ich in meinem Leben gelernt habe."
Ich war traurig, als ich aus dem Taxi steigen musste, denn ich hätte gern noch Stunden mit dem Fahrer verbracht. Aber auch ich musste für meinen Lebensunterhalt sorgen. 

Chalid Al-Chamissi, Im Taxi. Unterwegs in Kairo. Lenos Verlag 2012. 

Wer mehr hören möchte ist eingeladen: Freitag 14. März 2014 - 19:30 Kooperatur am Münsterplatz, Freiburg. Ute Niethammer und Manuela Fuelle lesen zum Weltgebetstag der Frauen zeitgenössische ägyptische Literatur.    

Mittwoch, 26. Februar 2014

Propheten und andere

Neues aus dem Buch der Unruhe:

Ein Freund, Teilhaber einer Firma, die dank ihrer Geschäftsbeziehungen zu allen staatlichen Stellen floriert, sagte neulich zu mir, da er annahm, ich verdiente zuwenig: "Sie werden ausgebeutet, Soares." Das rief mir in Erinnerung, daß dem so ist, da wir alle aber im Leben ausgebeutet werden müssen, fragte ich mich, ob es nicht weniger schlimm ist, von Herrn Vasques, dem Tuchhändler ausgebeutet zu werden als von Eitelkeit, Ruhm, Verachtung, Neid oder dem Unmöglichen.
Manche beutet Gott selbst aus, sie sind die Propheten und Heiligen in der Leere dieser Welt. 


Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe, Fischer Verlag 2011. 

Freitag, 14. Februar 2014

Zustände - Alle Tage

Erst jetzt den wunderbaren Roman der Buchpreisträgerin Terézia Mora Alle Tage gelesen und sogar was für diesen Blog darin gefunden, und zwar im Kapitel "Gottesurteile": Manchmal, sagte Ilia, bin ich von Liebe und Hingabe ganz erfüllt. So ganz und gar, dass ich gar nichts anderes mehr bin als diese Liebe und diese Hingabe. Das dauert einige Minuten. Manchmal auch nur Sekunden. Ich tauche auf und sehe: Es waren nur wenige Sekunden. Bevor ich auftauche, sehe ich mich von außen. Ich sehe mich in Ekstase und erkenne es als Pose. In diesem Moment, wenn ich es als Pose erkenne, bin ich von der Hingabe zur Skepsis gewechselt, also vom Glauben zum Nichtglauben. Wenn ich mich in der Skepsis befinde, und das tue ich häufig, erscheine ich mir in meiner vorherigen Hingabe, mit allem, was dazugehört an ganz klar abergläubischen Ritualen, die ich allein oder mit anderen zusammen ausführe, als lächerlich und dumm. Wenn ich im Glauben bin, und auch das bin ich ziemlich häufig, scheine ich mir in meiner Skepsis abscheulich und dumm. Das sind meine beiden Zustände. Entweder der eine oder der andere, und manchmal auch beide zusammen. 

Terézia Mora, Alle Tage, btb, 2006. 

Sonntag, 2. Februar 2014

Ruhelos ist unser Herz



Augustin - Confessiones (Bekenntnisse)

Erstes Buch

Erstes Kapitel

Groß bist du, o Herr, und deines Lobes ist kein Ende; groß ist die Fülle deiner Kraft, und deine Weisheit ist unermeßlich. Und loben will dich der Mensch, ein so geringer Teil deiner Schöpfung; der Mensch, der sich unter der Last der Sterblichkeit beugt, dem Zeugnis seiner Sünde, einem Zeugnis, daß du den Hoffärtigen widerstehest; und doch will dich loben der Mensch, ein so geringer Teil deiner Schöpfung. Du schaffest, daß er mit Freuden dich preise, denn zu deinem Eigentum erschufst du uns, und ruhelos ist unser Herz, bis es ruhet in dir. Kläre mich auf, o Herr, und laß mich erkennen, ob wir dich zuerst anrufen oder dich preisen; ob wir dich eher erfassen als anrufen sollen? Doch wer ruft dich an, solange du ihm unbekannt bist? Könnte dich, der dich nicht erkennt, statt des einen ein anderes Wesen anrufen? Oder wirst du zuvor angerufen, auf daß du erkannt werdest? Wie sollen sie aber anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber glauben an den, der ihnen nicht geprediget worden? Loben werden den Herrn, die ihn suchen. So ihn aber suchen, werden ihn finden, und die ihn finden, werden ihn loben. Ich will dich suchen, o Herr, im Gebet, und ich werde dich anrufen im Glauben: denn du bist uns verkündigen worden. Mein Glaube, den du mir gegeben, o Herr, ruft dich an, mein Glaube, den du mir einhauchtest durch die Menschwerdung deines Sohnes durch die Vermittlung deines Predigers.

Sonntag, 26. Januar 2014

Beste Medizin!

"SCHLOIME, rat, was das ist: es hängt an der Wand, ist grün und pfeift."
"Nu - sag schon!"
"Ein Hering."
"Unsinn! Der hängt doch nicht an der Wand!"
"Kannst ihn hinhängen."
"Und grün ist er auch nicht!"
"Kannst ihn anstreichen."
"Und er pfeift doch nicht!"
"Nu - pfeift er halt nicht."



Dienstag, 7. Januar 2014

Adams & Evas Tagebücher



MONTAG Dieses Geschöpf mit den langen Haaren ist ganz schön lästig. Ständig treibt es sich hier herum und folgt mir überall nach. Das behagt mir gar nicht, Gesellschaft bin ich nicht gewohnt. Wenn es doch bloß bei den andern Tieren bliebe. Es ist bewölkt heute, der Wind bläst von Ost. Wir werden wohl Regen bekommen. Wir? Wo habe ich dieses Wort her? Jetzt fällt es mir ein - das neue Geschöpf hat es gebraucht. (aus: Adams Tagebuch)

DIENSTAG Ich hatte etwas erschaffen, das es vorher nicht gegeben hatte. Den unzähligen Dingen auf der Welt hatte ich etwas Neues hinzugefügt, das war mir bewusst und darauf war ich stolz. Ich wollte schon zu ihm laufen und ihm alles erzählen, um seine Anerkennung zu gewinnen - aber ich überlegte es mir anders. (aus: Evas  Tagebuch)

WO IMMER SIE WAR, DA WAR EDEN  (Adam)

Lesung am Sonntag, den 19. Januar2014 – 18:00 Uhr
Friedenskirche, Hirzbergstraße 1
 
Mark Twain Adam und Evas Tagebuch.
Gelesen von Ute Niethammer und Markus Engelhardt
Musikalische Umrahmung, Christian Drengk, Orgel 

Weltberühmt wurde Mark Twain mit seinen Romanen und heiteren Kurzgeschichten voller Ironie und Witz. Eines dieser meisterhaften Stücke sind die »Tagebücher von Adam und Eva«. Endlich wissen wir wie sich Adam und Eva fühlten! Und ob es Liebe auf den ersten Blcik war oder sich die beiden erst aneinander gewöhnen mussten! In den Aufzeichnungen des ersten Liebespaares der Schöpfung werden kleine menschliche Schwächen und Eitelkeiten belächelt und die Temperamente von Mann und Frau aufs Korn genommen.

Samstag, 4. Januar 2014

Auf dem Spielplan

...und das größte Unglück", sagte Moro, "hat im Laufe der Jahrhunderte die Kirche in die Welt gebracht, die Kirche, in welcher die ganzen Jahrhunderte auf und ab immer das gleiche geistesschädliche Drama aufgeführt wird, dieses kongeniale Nützlichkeitsdrama, das auch in Jahrhunderten nicht und niemals abgesetzt worden ist, immer ins Unendliche hinein prolongiert", sagte Moro, "ist, sozusagen seit die Welt besteht, auf dem Spielplan, lieber Zoiss, und alle paar Jahrzehnte wird etwas weggestrichen, etwas hinzugefügt, aber immer etwas Unbedeutendes weggestrichen, etwas Unbedeutendes hinzugefügt, immer etwas, woran die Kirche ihren Gewinn hat ... diese gewitzten Glaubensregisseure" sagte Moro, "gewitzte Regieassistenten unserer Religion ... und das alles immer mit dem Einverständnis des Direktors, des Glaubensdirektors ... und dieser ganze Zirkus hat jahraus, jahrein über Besuch und Akklamation zu klagen ... die Kirche ist auch oder gerade in schlechten Zeiten immer ausverkauft ... "

Thomas Bernhard, Ungenach, Suhrkamp Verlag, 1998 (Insel Verlag1968). 

Eine der schönsten Kirchenkritiken! Bernhard schrieb sie natürlich speziell für Oberösterreich, auch bin ich erleichtert, eine ganz andere Kirche, nämlich Kirche im Osten, erlebt zu haben. Dennoch. Apologeten vor! Oder leben wir in den guten Zeiten, in denen die Kirche schon längst nicht mehr ausverkauft ist?

Sonntag, 29. Dezember 2013

Mit der Freude...


Johann Peter Hebel

Neujahrslied

Mit der Freude zieht der Schmerz
Traulich durch die Zeiten,
Schwere Stürme, milde Weste,
Bange Sorgen, frohe Feste
Wandeln sich zur Seiten.

Und wo eine Träne fällt,
Blüht auch eine Rose.
Schön gemischt, noch eh wir’s bitten,
Ist für Thronen und für Hütten
Schmerz und Lust im Lose.
War’s nicht so im alten Jahr?
Wird’s im neuen enden?
Sonnen wallen auf und nieder,
Wolken gehn und kommen wieder,
Und kein Wunsch wird’s wenden.
Gebe denn, der über uns
Wägt mit rechter Waage,
Jedem Sinn für seine Freuden,
Jedem Mut für seine Leiden
In die neuen Tage,
Jedem auf des Lebens Pfad
Einen Freund zur Seite,
Ein zufriedenes Gemüte,
Und zu stiller Herzensgüte
Hoffnung ins Geleite!
*******

Johann Peter Hebel, am 10.5.1760 in Basel geboren, 22.9.1826 in Schwetzingen gestorben, Theologe und Lehrer, gilt bis heute als der bedeutendste alemannische Dichter. Weit bekannt sind auch seine Kalendergeschichten. Erschienen im Klöpfer&Meyer Verlag, Tübingen.

Samstag, 21. Dezember 2013

Und so leuchtet die Welt

Lied im Advent

Immer ein Lichtlein mehr
im Kranz, den wir gewunden,
dass er leuchte uns sehr
durch die dunklen Stunden.

Zwei und drei und dann vier !
Rund um den Kranz welch ein Schimmer,
und so leuchten auch wir,
und so leuchtet das Zimmer.

Und so leuchtet die Welt
langsam der Weihnacht entgegen.
Und der in Händen sie hält,
weiß um den Segen !

Matthias Claudius (1740 - 1815)

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Schweizer Märchen



Die Erlösung

Ein Jäger schritt durch einen dunkeln Wald und geriet unversehens so tief in das Dickicht hinein, dass er nicht mehr wusste, ob es Tag- oder Nachtzeit war. Da sah er eine bleiche Nebelgestalt daher kommen, die winkte ihm und streckte ihm ihre weisse Hand entgegen. Erst war der Jäger erschrocken und meinte nichts anderes, als dass es ihm an das Leben gehen müsste. Aber bald fasste er wieder Mut, und es war ihm, als dürfe er die dargebotene Hand nicht zurückweisen. Wie er also keck die zarte Hand ergriff, war es wie wenn er lauter Eiszapfen anrührte, und im gleichen Augenblick standen die Bäume ringsumher in Feuer; Schlangen zischten auf, und das Geheul der Wölfe und anderer reissender Tiere erschallte ganz in der Nähe.
Aber der Jäger hielt nur umso kräftiger die kalte Hand fest und wankte um keinen Schritt von der Stelle. Bald war es auch wieder stille und dunkel wie vorher. Da kam ein graues Männlein und winkte dem Jäger auf die Seite; es trug an seinem Arm ein Körbchen, das von hellem Diamant und bis zu oberst mit glitzerndem Gold angefüllt war; das gab zusammen einen so hellen Schein wie die Sonne. Aber der Jäger hielt noch immer die Hand fest und blieb unbeweglich stehen. Da sprang plötzlich ein Wolf vorbei, der hatte ein Kind im Rachen, das der Jäger mit Schrecken als seins erkannte.
Aber er lief ihm nicht nach, denn es war ihm, als täte er eine rechte Sünde, wenn er die Hand fahren liesse. Als nun der Wolf verschwunden war, da wurde die kalte Hand mit einemmal warm und lebendig und in der bleichen Gestalt erblickte der Jäger eine liebliche Jungfrau. Die lächelte ihn an und sprach: »Du hast mich aus einem schweren Bann erlöst, und weil du so treulich hast ausgehalten, so sollst du belohnt werden.« Sie reichte ihm ein Körbchen, und das war das Nämliche, womit ihn das graue Männchen hatte verführen wollen. Das leuchtete dem Jäger aus dem finstern Wald heraus, und von da an war er ein reicher Mann und lebte glücklich und vergnügt bis an sein Ende.

aus: Kinder- und Hausmärchen aus der Schweiz, gesammelt von Otto Sutermeister, neu bearbeitet von Fritz Gafner, Friedrich Reinhard Verlag Basel.