Mittwoch, 24. April 2013

Durch heitres und jegliches Wetter

Das Sonnenlied

Du höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein ist Lobpreis und Ruhm, Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie. Und keiner der Menschen 
ist wert, dich im Munde zu führen.

Sei gelobt, mein Herr, mit all deinen Kreaturen,
sonderlich mit der hohen Frau, Schwester Sonne,
die den Tag macht und mit der du uns leuchtest.
Schön in der Höhe und strahlend im mächtigen Glanz,
ist sie dein Sinnbild, du Herrlicher!

Sei gelobt, mein Herr, durch Bruder Mond 
und die Sterne. Du hast sie am Himmel geformt,
klar, kostbar und schön.

Sei gelobt, mein Herr, durch Bruder Wind,
durch Luft und Gewölk, durch heitres und jegliches Wetter
Alle Kreaturen belebst du durch sie!

Sei gelobt, mein Herr, durch Schwester Wasser.
Es ist so nützlich, gering, köstlich und keusch.

Sei gelobt, mein Herr, durch Bruder Feuer. 
Durch ihn erhellst du die Nacht, schön ist er,
heiter und kraftvoll und stark.

Sei gelobt, mein Herr, durch unsere Schwester
Mutter Erde. Sie ernährt und versorgt uns
und zeitigt allerlei Früchte, farbige Blumen und Gras.

Sei gelobt, mein Herr, durch jene, die verzeihen
in deiner Liebe, die Krankheit tragen und Trübsal.
Selig, die da dulden in Frieden ! Von dir, du
Höchster, empfangen sie die Krone.

Sei gelobt, mein Herr, durch deinen Bruder,
den Leibestod. Kein Lebender kann ihm entrinnen.
Weh denen, die sterben in Todsünden. Selig, die
sterben, geborgen in deinem heiligsten Willen.
Der zweite Tod vermag nichts wider sie.

Lobet und preiset meinen Herrn, danket und dient ihm
in großer Demut. 


Der Sonnengesang ist der bekannteste Text des Troubadours aus Assisi und zählt aufgrund seiner dichterischen Gestalt und seines Inhalts zur Weltliteratur. Es entstand in alt- italienischer Sprache im Winter 1224/ 25, als Franziskus krank in einer Hütte bei San Damiano lag. Nach späteren Quellen fügte Franziskus die Friedens-strophe hinzu, um einen Streit zwischen dem Bischof und dem Bürgermeister von Assisi zu schlichten. Die Strophe über „Bruder Tod“ verfasste er, als er selbst dem Tode nahe war.  

Faszinierend ist dieses einfache Loblied für mich nicht allein, weil es Gottes gute Schöpfung lobt, sondern weil es sie gerade in Zeiten der Bedrohung lobt. Beschwörend. Und voller Demut. Wenn ich krank bin, dann klage ich, wenn ich Streit erlebe, streite ich gern mit. Heute strahlt mir die Sonne ins Zimmer und es ist alles ganz mild und leicht. Franziskus liebte vermutlich gutes sonniges Wetter genau wie alle andern auch, aber seine Liebe umspannt jegliches Wetter.
 

Montag, 22. April 2013

Jeden Morgen las ich ...

Jeden Morgen las ich ein wenig in den Evangelien. - Es ist eine köstliche Weise, so den Tag zu beginnen. Jeder sollte es tun, auch wenn er selbst ein wildes unregelmäßiges Leben führt. 

Ein dem Erlöser ähnliches Leben führt nur, wer ganz und gar er selbst bleibt, sei er nun ein großer Dichter oder ein Gelehrter, ein junger Student oder ein einfacher Schafhirte auf der Heide, ein Dramatiker wie Shakespeare oder ein Sucher und Gottgrübler wie Spinoza, ein spielendes Kind, oder ein Fischer, der seine Netze in den See senkt. Er sei was er mag, was liegt daran, wenn er nur alle Möglichkeiten seiner Seele zur Entfaltung bringt. 
 
Man könnte einwenden: warum lies Jesus dann Simon, den Fischer, nicht an seinem See? Warum sprach er sein Folge mir nach! Hätte Simon nicht auch ganz und gar er selbst bleiben können, dort unter den anderen Fischern? Warum musste er alles stehen und liegen lassen, Jesus nachfolgen und Petrus werden? Warum musste Saulus zum Paulus werden? Die Frage also ist: gehört zur Imitatio Christi die Selbstverleugnung? Oder führte Adolf H. schon ein dem Erlöser ähnliches Leben, weil er so ganz und gar er selbst blieb?

Ich sage mir, die noch immer sogenannte "Wahrheit" liegt in der Mitte. Und irgendwie ahne ich sogar, was an dieser Wilden Auslegung völlig korrekt ist, nämlich, dass jeder Mensch eine Gabe hat, die er nutzen und gerade nicht verleugnen soll. Jesus sah die Gabe Simons, der ein Petrus werden sollte, der seine Bestimmung nur als Petrus erlangen konnte. Er wäre als Fischer am See nie ganz und gar er selbst geworden. Er musste ein anderer werden, um er selbst zu werden. Hesse würde das hier sehr gefallen.  
  

Freitag, 5. April 2013

Die geheimnisvolle Wendung

Magdalena am Grab bezeichnet nicht nur die Geschichte aus dem Johannes-evangelium, sondern inzwischen auch das kleine Inselbändchen mit einer Erzählung von Patrick Roth.

Kurzbeschreibung: Ein Regisseur will mit vier Schauspielern eine Szene proben. Es ist nicht irgendeine, sondern jene Passage aus dem Johannes-Evangelium, die als Magdalena am Grab bekannt ist. Sie proben in einem leerstehenden Haus am Mulholland Drive in Hollywood. Die kurze Szene, die so einfach und eindeutig scheint, wird immer wieder durchgespielt, denn bei jedem Durchgang verliert sie mehr und mehr an vertrauter Kontur: Spiel und Wirklichkeit durchdringen sich auf fast gespenstische Weise. Alles hängt offenbar an einer Wendung, die erforderlich wäre, damit das Geschehen ganz verständlich würde - an einem Satz, den der Bibeltext jedoch ausspart, als solle hier ein Geheimnis immer neu entdeckt werden.
Besonders eindrücklich ist Roths Bezeichnung "Magdalenensekunde" für die gegenseitige Zuwendung, vor allem jedoch das Wiedererkennen zwischen Jesus und Maria Magdalena. Theologisch formuliert heißt es dann: „Die Magdalenensekunde: das ist die Sekunde der Wiedererkennung: Mensch und Gott werden einander wieder bewußt. Rettend bewußt, einander taufend bewußt: aus dem Wasser des Unbewußten, Toten: ziehen sich beide, einer den anderen – einer neu, neugeboren, im anderen“ (Roth 2003, S.49).




Sonntag, 31. März 2013

Die Gabe der Tränen


Passend zum Predigtext des heutigen Ostersonntags Joh 20,11-18 Maria Magdalena am leeren Grab - insbesondere der wiederholten Frage: "Warum weinst du?" zunächst von den Engeln, dann vom noch unerkannten Auferstandenen gestellt -
ein Gedicht von Dorothee Sölle:

Gib mir die gabe der tränen gott

Gib mir die gabe der tränen gott
gib mir die gabe der sprache

Führ mich aus dem lügenhaus
wasch meine erziehung ab
befreie mich von meiner mutter tochter
nimm meinen schutzwall ein
schleif meine intelligente burg

Gib mir die gabe der tränen gott
gib mir die gabe der sprache

Reinige mich vom verschweigen
gib mir die wörter den neben mir zu erreichen
erinnere mich an die tränen der kleinen studentin aus göttingen
wie kann ich reden wenn ich vergessen habe wie man weint
mach mich naß
versteck mich nicht mehr

Gib mir die gabe der tränen gott
gib mir die gabe der sprache

Zerschlage den hochmut mach mich einfach
laß mich wasser sein das man trinken kann
wie kann ich reden wenn meine tränen nur für mich sind
nimm mir das private eigentum und den wunsch danach
gib und ich lerne geben

Gib mir die gabe der tränen gott
gib mir die gabe der sprache
gib mir das wasser des lebens


Dorothee Sölle zitiert aus: Gottesgedichte. Ein Lesebuch zur deutschen Lyrik nach 1945, H. Zwanger/K.-J. Kuschel (Hg.). Erschienen im Klöpfer&Meyer Verlag, 2011.

Freitag, 22. März 2013

Nur für den Fall

Jean Pauls Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei 

In: Jean Paul (1763 – 1825), Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F.St.Siebenkäs, 8.Kapitel, Erstes Blumenstück
 
Die Kindheit, und noch mehr ihre Schrecken als ihre Entzückungen, nehmen im Traume wieder Flügel und Schimmer an und spielen wie Johanniswürmchen in der kleinen Nacht der Seele. Zerdrückt uns diese flatternden Funken nicht! - Lasset uns sogar die dunkeln peinlichen Träume als hebende Halbschatten der Wirklichkeit! - Und womit will man uns die Träume ersetzen, die uns aus dem untern Getöse des Wasserfalls wegtragen in die stille Höhe der Kindheit, wo der Strom des Lebens noch in seiner kleinen Ebene schweigend und als ein Spiegel des Himmels seinen Abgründen entgegenzog? -
Ich lag einmal an einem Sommerabende vor der Sonne auf einem Berge und entschlief. Da träumte mir, ich erwachte auf dem Gottesacker. Die abrollenden Räder der Turmuhr, die eilf Uhr schlug, hatten mich erweckt. Ich suchte im ausgeleerten Nachthimmel die Sonne, weil ich glaubte, eine Sonnenfinsternis verhülle sie mit dem Mond. Alle Gräber waren aufgetan, und die eisernen Türen des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren Händen auf und zu. An den Mauern flogen Schatten, die niemand warf, und andere Schatten gingen aufrecht in der bloßen Luft. In den offenen Särgen schlief nichts mehr als die Kinder. Am Himmel hing in großen Falten bloß ein grauer schwüler Nebel, den ein Riesenschatte wie ein Netz immer näher, enger und heißer herein zog. Über mir hört' ich den fernen Fall der Lauwinen, unter mir den ersten Tritt eines unermeßlichen Erdbebens. Die Kirche schwankte auf und nieder von zwei unaufhörlichen Mißtönen, die in ihr miteinander kämpften und vergeblich zu einem Wohllaut zusammenfließen wollten. Zuweilen hüpfte an ihren Fenstern ein grauer Schimmer hinan, und unter dem Schimmer lief das Blei und Eisen zerschmolzen nieder. Das Netz des Nebels und die schwankende Erde rückten mich in den Tempel, vor dessen Tore in zwei Gift-Hecken zwei Basilisken funkelnd brüteten. Ich ging durch unbekannte Schatten, denen alte Jahrhunderte aufgedrückt waren. - Alle Schatten standen um den Altar, und allen zitterte und schlug statt des Herzens die Brust. Nur ein Toter, der erst in die Kirche begraben worden, lag noch auf seinen Kissen ohne eine zitternde Brust, und auf seinem lächelnden Angesicht stand ein glücklicher Traum. Aber da ein Lebendiger hineintrat, erwachte er und lächelte nicht mehr, er schlug mühsam ziehend das schwere Augenlid auf, aber innen lag kein Auge, und in der schlagenden Brust war statt des Herzens eine Wunde. Er hob die Hände empor und faltete sie zu einem Gebete; aber die Arme verlängerten sich und löseten sich ab, und die Hände fielen gefaltet hinweg. Oben am Kirchengewölbe stand das Zifferblatt der Ewigkeit, auf dem keine Zahl erschien und das sein eigner Zeiger war; nur ein schwarzer Finger zeigte darauf, und die Toten wollten die Zeit darauf sehen.
Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen: »Christus! ist kein Gott?«
Er antwortete: »Es ist keiner.«
Der ganze Schatten jedes Toten erbebte, nicht bloß die Brust allein, und einer um den andern wurde durch das Zittern zertrennt.
Christus fuhr fort: »Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schauete in den Abgrund und rief: ›Vater, wo bist du?‹ aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermeßlichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich. - Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten; denn Er ist nicht!«
Die entfärbten Schatten zerflatterten, wie weißer Dunst, den der Frost gestaltet, im warmen Hauche zerrinnt; und alles wurde leer. Da kamen, schrecklich für das Herz, die gestorbenen Kinder, die im Gottesacker erwacht waren, in den Tempel und warfen sich vor die hohe Gestalt am Altare und sagten: »Jesus! haben wir keinen Vater?« - Und er antwortete mit strömenden Tränen: »Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater.«
Da kreischten die Mißtöne heftiger - die zitternden Tempelmauern rückten auseinander - und der Tempel und die Kinder sanken unter - und die ganze Erde und die Sonne sanken nach - und das ganze Weltgebäude sank mit seiner Unermeßlichkeit vor uns vorbei - und oben am Gipfel der unermeßlichen Natur stand Christus und schauete in das mit tausend Sonnen durchbrochne Weltgebäude herab, gleichsam in das in die ewige Nacht gewühlte Bergwerk, in dem die Sonnen wie Grubenlichter und die Milchstraßen wie Silberadern gehen.
Und als Christus das reibende Gedränge der Welten, den Fackeltanz der himmlischen Irrlichter und die Korallenbänke schlagender Herzen sah, und als er sah, wie eine Weltkugel um die andere ihre glimmenden Seelen auf das Totenmeer ausschüttete, wie eine Wasserkugel schwimmende Lichter auf die Wellenstreuet: so hob er groß wie der höchste Endliche die Augen empor gegen das Nichts und gegen die leere Unermeßlichkeit und sagte: »Starres, stummes Nichts! Kalte, ewige Notwendigkeit! Wahnsinniger Zufall! Kennt ihr das unter euch? Wann zerschlagt ihr das Gebäude und mich? - Zufall, weißt du selber, wenn du mit Orkanen durch das Sternen-Schneegestöber schreitest und eine Sonne um die andere auswehest, und wenn der funkelnde Tau der Gestirne aus-blinkt, indem du vorübergehest? - Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alles! Ich bin nur neben mir - O Vater! o Vater! wo ist deine unendliche Brust, daß ich an ihr ruhe? - Ach wenn jedes Ich sein eigner Vater und Schöpfer ist, warum kann es nicht auch sein eigner Würgengel sein?.....
Ist das neben mir noch ein Mensch? Du Armer! Euer kleines Leben ist der Seufzer der Natur oder nur sein Echo - ein Hohlspiegel wirft seine Strahlen in die Staubwolken aus Totenasche auf euere Erde hinab, und dann entsteht ihr bewölkten, wankenden Bilder. - Schaue hinunter in den Abgrund, über welchen Aschenwolken ziehen - Nebel voll Welten steigen aus dem Totenmeer, die Zukunft ist ein steigender Nebel, und die Gegenwart ist der fallende. – Erkennst du deine Erde?«
Hier schauete Christus hinab, und sein Auge wurde voll Tränen, und er sagte: »Ach, ich war sonst auf ihr: da war ich noch glücklich, da hatt' ich noch meinen unendlichen Vater und blickte noch froh von den Bergen in den unermeßlichen Himmel und drückte die durchstochne Brust an sein linderndes Bild und sagte noch im herben Tode: ›Vater, ziehe deinen Sohn aus der blutenden Hülle und heb ihn an dein Herz!‹... Ach ihr überglücklichen Erdenbewohner, ihr glaubt Ihn noch. Vielleicht gehet jetzt euere Sonne unter, und ihr fallet unter Blüten, Glanz und Tränen auf die Knie und hebet die seligen Hände empor und rufet unter tausend Freudentränen zum aufgeschlossenen Himmel hinauf: ›auch mich kennst du, Unendlicher, und alle meine Wunden, und nach dem Tode empfängst du mich und schließest sie alle.‹ ... Ihr Unglücklichen, nach dem Tode werden sie nicht geschlossen. Wenn der Jammervolle sich mit wundem Rücken in die Erde legt, um einem schönern Morgen voll Wahrheit, voll Tugend und Freude entgegenzuschlummern: so erwacht er im stürmischen Chaos, in der ewigen Mitternacht - und es kommt kein Morgen und keine heilende Hand und kein unendlicher Vater! - Sterblicher neben mir, wenn du noch lebest, so bete Ihn an: sonst hast du Ihn auf ewig verloren.«...
... als ich erwachte. Meine Seele weinte vor Freude, daß sie wieder Gott anbeten konnte - und die Freude und das Wei-nen und der Glaube an ihn waren das Gebet. Und als ich aufstand, glimmte die Sonne tief hinter den vollen purpurnen Kornähren und warf friedlich den Widerschein ihres Abendrotes dem kleinen Monde zu, der ohne eine Aurora im Morgen aufstieg; und zwischen dem Himmel und der Erde streckte eine frohe vergängliche Welt ihre kurzen Flügel aus und lebte, wie ich, vor dem unendlichen Vater; und von der ganzen Natur um mich flossen friedliche Töne aus, wie von fernen Abendglocken.

Fußnote: Wenn einmal mein Herz so unglücklich und ausgestorben wäre, dass in ihm alle Gefühle, die das Dasein Gottes bejahen, zerstöret wären, so würd ich mich mit diesem meinem Aufsatz erschüttern und - er würde mich heilen und meine Gefühle wiederbeleben. 

Samstag, 16. März 2013

Allerdings wie die Kinder

Da mir das Fasten so bitter wurde, im Heidelberger Katechismus aber Fasten und Beten ausdrücklich als heilige und nützliche Werke genannt werden, wende ich mich nun wieder verstärkt dem Gebet zu. Ich erinnere mich gern an die Worte Luthers Über das Gebet:

Lieber Meister Peter, ich gebs euch so gut, als ichs habe, und wie ich selber mich mit Beten halte. Unser Herr Gott gebs euch und jedermann besser zu machen. Amen. Wenn ich fühle, daß ich durch fremde Geschäfte oder Gedanken bin kalt und unlustig zu beten geworden ... nehme ich mein Psälterlein, laufe in die Kammer oder, so es der Tag und Zeit ist, in die Kirche zum Haufen und hebe an, die zehn Gebote, den Glauben und, darnach ich Zeit habe, etliche Sprüche Christi, Pauli mündlich bei mir zu sprechen, allerdings wie die Kinder tun. Darum ists gut, daß man frühmorgens lasse das Gebet das erste und des Abends das letzte Werk sein, und hüte sich mit Fleiß vor diesen falschen, betrüglichen Gedanken, die das sagen: Harre ein wenig, in einer Stunde will ich beten, ich muss dies oder das zuvor fertigen; denn mit solchen Gedanken kommt man vom Gebet in die Geschäfte, die halten und umfangen dann einen, daß aus dem Gebet des Tages nichts wird ...

Wie fremd einem Luther oft bleibt. Wer will ihm hierin folgen? Gleich morgens auswendig Gelerntes vor sich hinplappern, abends damit enden. Ist das schon besser als nichts? Aber die Formulierung geht mir nach: wie Kinder tun. Ich bemerke überhaupt, dass ich bete wie Kinder es tun. Ich plappere einfach Alles in SEINE Richtung, und ich lese auch wie Kinder es tun. Heute früh wurde ich daran erinnerte, als ein Kinderbuchautor auf Deutschlandradio Kultur erzählte, wie ein Kind ihm schrieb: "ich habe das Buch jetzt zwölfmal gelesen und jedes Mal hoffe ich bis zum Schluss, dass es gut ausgeht". Hoffnung wider besseres Wissen ist Ausdruck kindlichen Vertrauens, aber es ist auch eine herangereifte Form des Widerstandes, den ich nicht bereit bin aufzugeben. Ich hoffe auf den guten Ausgang. Ich hoffe jeden Tag auf Wunder. Und übrigens treffe ich auch jeden Tag auf Wunder. Kleine, die sich den großen Rückschlägen entgegenstellen. Ohne Hoffnung, ganz ehrlich, würde ich mir nicht die Mühe machen. Ich würde nicht aufstehen, ich würde nicht jeden Tag bis zur Erschöpfung arbeiten, ich würde weder für mich noch für dich schreiben. Für niemanden.

Dienstag, 12. März 2013

Oder anständig essen


Nach der Sintflut steht geschrieben: "Furcht und Schrecken vor euch sei über allen Tieren auf Erden und über allen Vögeln unter dem Himmel, über allem, was auf dem Erdboden wimmelt, und über allen Fischen im Meer; in eure Hände seien sie gegeben. Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das grüne Kraut habe ichs euch gegeben. Allein esset das Fleisch nicht in seinem Blut, in dem sein Leben ist." Gen 9,1-4 stehen diese Worte. Vor der Sintflut gab es nur Pflanzen zur Speise (vgl.Gen1,29). Besonders in den sechs Jahren als Vegetarierin traf mich dieser Zusatz immer hart. Gott, der die Bosheit des Menschen erkannt hatte, schien sich irgendwie damit abzufinden, doch der paradiesische Ausgangszustand war verloren. Auch mein guter Wille erlahmte irgendwann, und auch jetzt in der Fastenzeit, in der ich schon einige gute Vorsätze gebrochen habe, tappe ich eher als lahme Ente denn als Weltverbesserer herum. Aber hier soll es ja auch um gute Literatur gehen! Aus gegebenem Anlass möchte ich auf Karen Duves Buch "Anständig essen. Ein Selbstversuch" hinweisen, kein Klassiker, aber "Weltliteratur", die unsere aufgeweichten Hirne wieder konsequenter denken lässt. Fasten oder anständig essen muss kein Widerspruch bleiben. Höchstens für mich, die heute schon wieder mit einem Grillhähnchen nach Hause radelte.

Samstag, 2. März 2013

Einfach werden!

Soll doch der alte Kaffeehausgänger und einst so geliebte und auch ein wenig gehaßte Lebenskünstler Peter Altenberg was erzählen und hier einmal zu Wort kommen, wenn sein Werk nun schon Das Buch der Bücher heißen muss. Frömmigkeit wird niemand von ihm erwarten und oder fordern, aber vielleicht hat er einen Beitrag zur Fastenzeit zu liefern. Mir kam unverhofft dieses Gedicht vor Augen, dass Old Peter wieder ganz als Kämpfer an einsamer Front zeigt: "Mittendrin in diesem Weltsturm sitze ich krank in meinem Zimmerchen und überdenke, überschaue die Sünden, nein, die Irrtümer der Menschheit! Denn die große Sünde ist --- sich irren! Sich nicht irren ist allein sündelos! Neid, Eitelkeit, Eifersucht, Eigendünkel, falscher Ehrgeiz beherrschen die Welt! Ein Irrtum des Lebens!  Werdet einfach! Wenn ihr jetzt, jetzt nicht erkennt, dass jeglicher Luxus überflüssig, traurig, lächerlich, schädlich und vom Satan ist, dass die Welt und ihr unnütz euch groß getan habt mit Überflüssigem, wann, wann werdet ihr es dann noch jemals erkennen?! Werdet einfach! Gesundheit, Reinheit des Leibes und der Seele werde euer einziger Luxus!... Eure Wände seien getüncht, eure Fenster bei Tag und Nacht geöffnet, euer Lager hart-gesund, eine Art idealer Pritsche, bester Loden und bester Flanell ersetzen euch die verbrecherischen Pelze! Werdet einfach! Es gibt einen Genuss der Einfachheit! Es gibt einen Stolz, es gibt eine Ehre des einfachen Lebens. Jeder helfe jetzt mit, die Welt zu reinigen von düsteren, grausamen, heimtückischen, teuflischen Vorurteilen. Tod dem Überflüssigen, es belastet, raubt Kräfte, schwächt, verhindert und zerstört! Werdet einfach!"
Gut, dieser Text war jetzt auch nicht fürs Prekariat, aber immerhin für die, die glauben, dass die Dinge, die sie sich für ihr verdientes Geld leisten können kostbarer sind als ihre Lebenszeit.

Für alle, die in ihrer Jugend nicht Peter Altenberg lasen oder noch jung und unbelesen sind wird nun noch die Frage beantwortet: wer war eigentlich dieser Peter. PETER ALTENBERG (1859-1919) erblickte als Richard Engländer das Licht der Welt, und zwar in einer wohlhabenden jüdischen Familie. Er kannte also die Reichen gut genug. Peters Spezialgebiet wurde das Scheitern. Nein, ich lache nicht beim Schreiben eines solchen Satzes, denn Scheitern ist oft die Grundvoraussetzung fürs Träumen, Träumen fürs Dichten, Dichten fürs Überleben. Peter brach sein Medizinstudium ab, sein Jurastudium ab und die Buchhändlerlehre auch. Erinnerungen an Hesse werden wach. Ein Arzt schrieb ihn auf Lebenszeit krank, wegen "Überempfindlichkeit des Nervensystems", so dass Peter lange Sitzungen in Kaffeehäusern abhalten und zum Schreiben nutzen konnte. Außerdem konnte er Alkoholiker werden. Von seinen Freunden und Kollegen erwartete er, dass sie ihn finanziell unterstützten. Viele kamen diesen Erwartungen nach - es waren noch die guten alten Zeiten - und Peter rief zum Dank aus: sie lassen mich verhungern!

Sonntag, 17. Februar 2013

Fastengeschichten

Die Fastenaktion der evangelischen Kirche vom 13. Februar - 31.März  hat mich endlich erreicht. Ja, ich faste in diesem Jahr. Wie das? Zunächst einmal lese ich jeden Tag eine Geschichte zum Thema Fasten. Diese Geschichten begleiten mich oft über den ganzen Tag. Im Geiste streite ich zum Beipsiel mit Martina Hefter, die sich und anderen mutig vor Augen führt, was für ein Luxus es ist zu fasten, wenn man ohnhin arm ist. Da ich gerade völlig abgebrannt bin und mich Schwester Armut niemals mehr verlassen möchte, sondern treu zu mir hält, frage ich mich schon auch: was sollte ich denn noch weglassen? Noch hinzufügen? Ich laufe allerdings geschwächter durch den Alltag als vielleicht MH und so finde ich doch viele undichte Stellen in meinem Haus, die durchaus repariert werden könnten. Es ist nämlich so, die Armut ist mir treuer als ich ihr. Ich kaufe dies und das, vermisse und wünsche viel, vor allem viel mehr als gut für mich ist. Eine geistliche Übung wie das Fasten, das Bewachen, Festhalten von lebensnotwendigen Dingen, Gesprächen, Geschichten kann da nicht schaden. Meine Meinung.

Ankündigungstext auf amazon:
Die einen fasten sieben Wochen lang, um abzuspecken. Die anderen pilgern. Manch einer verzichtet eine Zeit lang darauf, seine Mitbürger zu beschimpfen. Und bisweilen ist es schlicht ein Perspektivwechsel, der durch »7 Wochen Ohne« angeregt wird: Das chrismon-Lesebuch zur Fastenaktion ausschließlich mit Originalbeiträgen hat für jeden der 40 Tage zwischen Aschermittwoch und Ostern ein literarisches Schmankerl. Die Autoren sind unter anderen: Ingeborg Arlt, Petra Bahr, Thommie Bayer, Thomas Brussig, Urs Faes, Manuela Fuelle, Nina Gomringer, Martina Hefter, Klaas Huizing, Kerstin Klamroth, Gisa Klönne, Judith Kuckart, Christoph Kuhn, Georg Ringsgwandl, Thomas von Steinaecker, Heinrich Steinfest, Fabian Vogt, Eva Zeller.
Das chrismon-Fastenlesebuch
Hg. Arnd Brummer
Verlag: edition chrismon
Seitenzahl: 280
Format: 15x21,5 cm
Einband Hardcover
19,90 EUR

Mittwoch, 6. Februar 2013

Die Überflutung

Der Autor Patrick Roth ist längst dafür bekannt, dass er gern biblische Geschichten in sein Werk aufnimmt oder diese aktualisiert. Bisher hatte ich nichts von ihm gelesen, aber ich war sehr neugierig geworden. Und ich freute mich besonders über die Empfehlung eines Freundes, weil Literatur hier sozusagen vom selben Hintergrund aus geschrieben und gelesen wurde. Meine Entdeckungsreise begann mit Starlite Terrace. Im Klappentext des Buches las ich: "Starlite Terrace - so heißt ein altes Apartmentgebäude um einen beleuchteten Swimmingpool in Los Angeles. Im Laufe eines Jahres erzählen vier seiner Bewohner - Rex, Moss, Gary und June - ihre aufeinander bezogenen Geschichten. In vier Geschichtskaskaden entfaltet Patrick Roth eine Welt, in die das Unerwartete einbricht und auf seltsam eigene Weise die Wirklichkeit verwandelt, die eben noch definiert und festzustehen schien. Starlite Terrace erzählt von Wundern im Alltäglichen."
Tatsächlich geht es in dem Buch um die kleinen Helden des Alltags, ob Statist oder Sekretärin, sie sind mit der ganz großen Filmgeschichte, also Hollywood, und den ganz berühmten Schauspielern, also Marilyn Monroe, Gary Cooper und Clarke Gable immer nur entfernt verbunden. Doch unbeirrt kreist ihr Leben und Denken um die Stars. Zusätzlich läuft im Hintergrund die Sintflutgeschichte, und so werden die Helden des Alltags leider immerzu von sehr bedeutungsschwerem Regen überflutet, ohne die Arche betreten zu dürfen. Biblische Legenden und legendäre Gestalten schütteln sich beständig die Hände und doch wird kein wirklicher Bund geschlossen. Woran liegt das? Da gibt es doch wirklich ergreifende Szenen, tolle Dialoge und echtes Scheitern wie im richtigen Leben. Es ist vielleicht ein wenig Geschmackssache, denn mir war es einfach zu viel Symbolik, zu viel Pathos im erhabenen Stil. Da aber Geschmäcker verschieden sind hier noch eine Kostprobe:

Eine der eindringlichsten Szenen ist m.E. die, in der Ara, der armenische Filmemacher, sein erstes Filmerlebnis nacherzählt. Auch in diesem Film ging es um Noah und seine Söhne. Doch zu den Söhnen Sem, Ham und Japhet gesellt sich Ur, der verlorene Sohn, der die anderen beim Einrichten der Arche scheinbar belauscht. Ur und seine Frau dürfen nicht auf die Arche. Ur bittet einen Engel ihn und seine Frau in Tiere zu verwandeln, worauf seine Frau verschwunden ist. Er selber eilt zur Arche, doch Wasser, brennendes Wasser holt ihn ein. "Da kam ein Dunkel vor ihn, als würde alles dunkel, aber dann sah man: Es muss ein riesiger Fels sein, der auf ihn zugestoßen wurde. Und im nächsten Moment schon klammerte er sich daran und wurde mitgerissen. Man sah Ur ausgestreckt, mit beiden Armen ausgreifend, als hielte er sich am Leib eines Wals ... bis man sah, dass es keiner war, sondern die Arche selbst. Sah, dass Ur an der Archenwand sich festhielt, der Arche, die durch die Wasser geschleudert, hinab ins Wasser getaucht wurde - so schlug es über ihr zusammen -, aber auch wieder nach oben gerissen, nach oben, aus den Wassern heraus und über sie hin. Und als die Arche wieder auf den Wassern schwamm, sah man durch dichtes, unendlich dicht fallendes Regengeschnür, dass Ur seine Hände und Füße in die dicht verpichten Nischen und Fugen zwischen den behauenen Stämmen der Arche gestoßen hatte und so an der Arche sich festhielt, wie einer, der mit dem Gesicht zum Holz hin gekreuzigt ist." Ein Feuer bricht in der Arche aus, alle fliehen vom Feuer weg, nur eine Ziege nicht, die verwandelte Geliebte von Ur. Als die beiden sich wiederfinden und sie sich sehen können: ein Auge das andere legt sich das Feuer. Beide überleben, die Frau wird zurückverwandelt.  

Gary, der eigentliche Held der Episode "Reiter auf dem Sturm" (auf ist kein Tippfehler) kommentiert die Geschichte so: "Vierzig Tage Sintflut, davon hat er doch erzählt, dein Armenier. Weißt du, manchmal hab ich das Gefühl, dass ich schon vierzig Jahre drin schwimme. Immer wieder am Ersaufen bin. Nie wirklich Grund unter den Füssen habe..."

Donnerstag, 24. Januar 2013

"Zur wirklichen Wirklichkeit"


Denkt an die Gefangenen, weil auch ihr Gefangene seid; 
denkt an die Misshandelten, weil auch ihr Verletzliche seid.
Hebräer 13,3
Dazu fällt mir Wolfgang Herrndorfs Sand ein. Gerade erst gelesen. Ein Agententhriller der etwas anderen Art, verwirrend schön, brutal realistisch. Allerdings, was ist realistisch. Die Welt als gottverlassener, verfluchter Ort. Die Welt als Wüste? Als absurdes Theater? Wir Idioten sind umzingelt von Idioten. Für den Helden des Buches, den Mann ohne Gedächtnis, wird diese Art Welt zur einzigen Wirklichkeit. Er ist wie der leidende Gerechte, ein Misshandelter. Verfolgter. Verlorener.

Dem Autor würde der fließende Gedankengang vom Bibelwort zu seinem Werk und wieder zurück nicht gefallen, wenn er davon wüsste. Er hält sich und anderen eher die Grundirrtümer und leeren Versprechen jeder Religion vor Augen, als ihr die Existenzberechtigung zu lassen. Aber was solls, der Gedankengang ist nunmal in der Welt - ab jetzt. Und mir wird deutlich, was ich an Herrndorf seit Jahren schätze - nämlich nicht allein, dass er so klug und witzig ist- sondern vor allem: Literatur als Schmerzerfahrung. Dies ist vielleicht sein eigentliches Markenzeichen, und zwar nicht erst seit er - schwer erkrankt - sein Klagebuch Arbeit und Struktur schreibt, sondern von Anfang an.

Der erste Satz des Romans wird im Laufe der Handlung immer entschiedener zum Programm: "Auf der Lehmziegelmauer stand ein Mann mit nacktem Oberkörper und seitlich ausgestreckten Armen, wie gekreuzigt." Wie gekreuzigt. Wie gekreuzigt. Wie ein Echo hat mich dieser Satz verfolgt.

Samstag, 12. Januar 2013

Der kleine Unterschied

Der Roman Fahrenheit 451 in welchem es um eine düstere Zukunft geht, in der Bücher verboten sind - und absurderweise von Feuerwehrleuten verbrannt werden - wurde von Ray Bradbury zum Großteil 1950 im Keller einer Bibliothek auf einer Münz- schreibmaschine geschrieben. Diese Novelle hieß Der Feuerwehrmann. Den übrigen Teil schrieb er 1953 als endlich ein Verleger das Potential dieser Geschichte entdeckte. Übrigens auch Hugh Hefner entdeckte es und kaufte ihm das Manuskript für die ersten Ausgaben des Playboy ab. 1966 wurde der Bestseller von Francois Truffaut verfilmt. Der Film ist zum Kultfilm geworden, auch ich muss ihn wieder und wieder sehen.

Nun zum kleinen Unterschied, den ich versprochen habe zu erwähnen. Montag, einmal zum Leser bekehrt, setzt sich im Roman mit der Bibel auseinander. Er entdeckt den Wert dieses Buches sehr schnell. Er fragt seinen Professor wieviele Exemplare es wohl noch gibt, er zeigt es seiner Frau Mildred:
"Das hier ist das Alte und Neue Testament, und -"
"Fang bloß nicht wieder damit an!"
"Es ist vielleicht das letzte Exemplar in unserem Erdteil"
"Du musst es doch bis heute Abend abliefern? " ... Später: In Mildreds Gesicht zuckte es: "Siehst du jetzt, was du angerichtet hast? Du wirst uns zugrunde richten! Was ist wichtiger, ich oder die Bibel da?"

Für Truffaut spielt dieser Kampf um das Buch der Bücher keine Rolle. Es ist ein Buch wie jedes andere auch. Und obwohl Ray Bradbury erzählt, er habe damals wahllos nach den Büchern gegriffen, sich einfach aus den Regalen genommen, was da war, spielt die Bibel doch ab dem 2.Teil des Romans eine erhebliche, herausragende Rolle, die nicht als zufällig angesehen werden kann.

Kehren wir nochmals zur Romanhandlung zurück. Ich zitiere nur einige Stellen, die aufzeigen sollen, dass man selbst den Zufall nicht überstrapazieren kann. "Wie nun die U-Bahn ihn ruckweise durch die toten Keller der Stadt beförderte, kam ihm die furchtbare Erkenntnis jenes Sommertages wieder in den Sinn, und er senkte den Blick und bemerkte, dass er die Bibel aufgeschlagen in der Hand hielt. Es fuhren noch andere im selben Wagen, aber er hielt das Buch weiter in Händen und hatte plötzlich den törichten Einfall, wenn er schnell lese und alles lese, bliebe vielleicht etwas von dem Sand im Sieb (vgl. die Kindheitserinnerung zuvor -MF)." Er versucht das Gelesene möglichst im Gedächtnis zu behalten, um das Buch so zu retten, denn er geht in dieser Szene noch immer davon aus, dass er das Buch abliefern muss. Aber es kommt anders...
Auf der Flucht lässt sich Montag das Buch Hiob von seinem Lehrer vorlesen.

Später, als er auf die Gruppe im Wald stößt, die ihn als Flüchtling willkommen heißt:
"Was hast du zu bieten?"
"Nichts. Ich dachte, ich hätte einen Teil des Predigers Salomo und vielleicht ein Stück der Offenbarung, aber auch das habe ich nicht mehr"
"Der Prediger wäre gut. Wo war das Buch?"
"Hier." Montag deutete auf seine Stirn.
Man tröstet ihn mit dem Argument, dass alles wiederkommt, die Erinnerung an das Gelesene, wenn er es wirklich braucht. Die anderen der Gruppe stellen sich ihm als A.Schweitzer, Schopenhauer, Darwin, aber auch als Matthäus, Markus, Lukas und Johannes vor. Sie laufen zusammen. In der Ferne bricht der Krieg aus, der die Stadt vernichten wird. Ausgerechnet im Kriegsgetöse, in der Erschütterung und Niedergeschlagenheit fallen ihm alle Worte des Predigers wieder ein. Und auch wenn diese Wanderung durch Wälder und die Flucht noch dauern, so ist die Gruppe doch zuversichtlich. Ihr Credo lautet: "Wenn man uns fragt, was wir eigentlich tun, dann könnt ihr sagen: wir erinnern uns" 

Der Roman endet mit dem Bibelwort:  
Und auf beiden Seiten des Stromes stand ein Baum des Lebens, 
der trug zwölfmal Früchte und brachte seine Früchte alle Monate; 
und die Blätter des Baumes dienten zur Heilung aller Völker.

In seinem Nachwort zum Roman schreibt RB: "Was sie hier vor sich haben ist die Romanze eines Schriftstellers mit den Bibliotheksregalen, die Liebesaffäre eines traurigen Mannes namens Montag - nicht mit dem Mädchen von nebenan, sondern mit dem Rucksack voller Bücher." Und ich darf ergänzen: und dem einen, ganz besonderen Buch in seinen Händen. 



Mittwoch, 2. Januar 2013

Jahreslosung 2013

"Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir"  Hebr. 13,14

Die Jahreslosung aus dem Hebräerbrief ist dem Kapitel 13 entnommen, in welchem es um die letzten Ermahnungen geht. Diese letzten Ermahnungen, die uns ernst und aufrichtig darauf hinweisen, dass wir nicht nur nicht am Ziel, sondern noch sehr lange und sogar für immer auf einer Pilgerreise sind, stehen nun am Anfang des kommenden Jahres. Ich wünsche allen Lesern dieses Blogs ein Jahr unter diesem Zeichen, begleitet von diesem kostbaren Wort. Denn es stimmt, wir suchen die zukünftige Stadt, die zukünftige Kirche, den zukünftigen Menschen ...

Kennt ihr das Land, auf Erden liegt es nicht

Pilgerschaftslied 

1. Kennt ihr das Land, auf Erden liegt es nicht,
von dem das Herz in bangen Stunden spricht,
wo keine Träne, keine Träne fließt,
der Arme reich, wo stark der Schwache ist?
Kennt ihr es wohl?
Dahin, dahin lasst fest uns richten Herz und Sinn.

2. Kennt ihr das Land, wo ew´ger Friede wohnt,
wo treuen Herzen Gottes Liebe lohnt,
wo ird´sche Lust und Erdensorge schweigt
und Himmelswonn´ uns Herz herniedersteigt?
Kennt ihr es wohl?
Dahin, dahin lasst fest uns richten Herz uns Sinn.

3. Kennt ihr das Land, das noch kein Auge schaut,
dem nur der Glaube hoffend still vertraut?
Uns alle zieht dahin ein mächtig´ Band,
doch nur dem Reinen öffnet sich das Land.
Kennt ihr es wohl?
Dahin, dahin lasst fest uns richten Herz uns Sinn.

(Pilgerschaftslied, Autor: Chr. Palmer, 1835)

Sonntag, 16. Dezember 2012

Frohe Weihnacht, gute Lektüre

Kurt Marti, Weihnacht

damals

als gott
im schrei der geburt
die gottesbilder zerschlug
und zwischen marias schenkeln
runzelig rot
das kind lag




In Das Weihnachten der Dichter finden wir außerdem: Texte aus dem Alten und Neuen Testament, Thomas Mann, Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Berthold Brecht, Else Lasker-Schüler, Ilse Aichinger, Johannes Brobowski, Wolfgang Borchert, Peter Huchel, Hermann Hesse, Heinrich Böll, Günther Grass, Rainer Kunze.

Dienstag, 11. Dezember 2012

Erstes und Letztes...

"... und in der Stadt erhob sich über den Häusern die Kirche, gleich einem zur Einigkeit und zur Liebe mahnenden Wächter, oder wie eine große junge Frau mit den Anwandlungen des rechten Familienernstes, denn ewig jung sind die Momente des Gefühls, daß das Leben ernst ist und daß es grünt, lächelt und blutet, und wie der Glaube das Erste und nach langer Zeit vielleicht des nicht viel oder gar nichts mehr Glaubens allgemach das Letzte wird und mit dem Aufkeimenden verwandt ist, und Erstes und Letztes, Beginnendes und Aufhörendes zusammenhängen."
Robert Walser, Der Räuber 

Robert Walser (* 1878 in Biel, Kanton Bern, Schweiz; † 1956 nahe Herisau, Kanton Appenzell, Schweiz) Der Räuber - der vierte und letzte Roman Walsers - gehört zu den "Mikrogrammen", dem in winziger Bleistiftschrift erhaltenen Nachlaß. Der Roman ist ein am Abgrund geschriebenes Werk, der für uns sterbliche Leser als ein kaum mehr lesbares Buch wahrgenommen wird - man selber steht oft zu sehr im Abseits mit ihm. Dennoch ist der sprerrige Räuber eben auch ein konsequenter Roman insofern sein Held als einer gilt, der sich nicht fügt und nicht einfügt und die Sprache des Romans tut dasselbe. Die oft kaum nachvollziehbaren Gedankensprünge, das Verweigern der Handlung, ja oft des Erzählens überhaupt. Was wird denn da überhaupt erzählt? Zwei Frauen ringen um einen Außernseiter, einen Alleingänger, der vor allem eines liebt, seine Alleingänge. Auch hält er viel darauf nutzlos zu sein, was die Frauen nicht gerade an ihn bindet.
Der obige Textauszug leitet eine Art Skandalszene, die in der Kirche spielen wird, ein. Edith - um deren zukünfiges Glück der Held immerhin auf Knien betet - wird auf den Geliebten schießen, natürlich aus Liebe und womöglich, weil er bei seiner Kanzelrede - zu der sein Freund, der Pfarrer, ihn einlud - zu viel von ihr erzählt. So geht es gleich los: ich rede zu ihnen von der Liebe, und sie, die ich liebe, wird gekommen sein, um zu vernehmen, wie ich mich ausdrücke und was mir einleuchten wird, zu sagen. Der Räuber hat wie immer keine Lust sich anzupassen, also spricht er nicht von Gott oder der Nächstenliebe, sondern von seiner Liebe.

Sie hat nie gezögert, mir alles zu sein, und ich bin natürlich viel, viel reicher als sie, denn ich liebe sie, und dem, der liebt, wird immer gegeben, wessen er zu seiner Seligkeit nötig hat, und noch mehr, so daß er sorgen muß, nicht zu viel anzunehmen. Und dieses Mädchens Gesicht war mir schrecklich, und Sie verstehen ja nun, weshalb, denn es war das Gesicht der Beraubten. Wenn ich sie sah, floh ich, und zwar natürlich nicht aus Feigheit... Liebe will ja blind sein. Dann nennt er Edith auch bald eine Ahnungslose, eine Fühllose etc. Und dann fällt er leider um, obwohl der Schuß kaum vernehmbar war. Er überlebt, kommt ins Spital. Er hat schwarze Trauerränder um die Kreise seiner Leidensaugen. Als er das Spital verlässt steht er erstaunt und unschlüssig auf der Straße. Dann ruft er aus: Überall ist nur sie. Sie ist das Weltall. Obwohl Walsers stilistische Heiterkeit und Ironie keine ernste Situation und oder Deutung dieser Zeilen zulässt, ist es doch ein Text, der zum Nachdenken anregt. Inwiefern das nun? Hiervon später mehr...