Sonntag, 28. Mai 2017

Ingeborg Bachmann

Und ausgestoßen aus dem Orden der Ritter,
verwiesen aus den Balladen, 
nehme ich einen Weg durch die Gegenwart,
zu auf den Horizont, wo die zerrissenen
Sonnen im Staub liegen,
wo Schattenspiele
auf der unerhöhrten Wand des Himmels
zu Verwandlungen greifen und ihr
einen Stoff einbilden
aus dem alten 
Glauben meines Kindergebets.


aus: Friedrich Schorlemmer (Hg), Das soll dir bleiben, Radius Verlag 2012.

Sonntag, 14. Mai 2017

Tag mit Anspruch


Aus gegebenem Anlass zitiere ich mich heute selber (etwas Abwechslung muss sein) und lade alle Leser meines Blogs zur Lesung am 21.05.17 in die Friedenskirche in Freiburg ein. Gelesen wird aus dem gerade erschienenen zweiten Roman "Luftbad Oberspree", der sich intensiv mit beliebten Gegensatzpaaren auseinandersetzt, wie: Geist und Natur, Revolution und Anpassung, Blindheit und Einsicht, Hochmut und Demut, Schicksal und Selbstverwirklichung... all das in kleinen Episoden aus dem Alltagsleben einer jungen, etwas gestressten Mutter, die das Steuer gern aus der Hand gibt, um es in letzter Sekund doch wieder zu ergreifen und rumzureißen. Ich zitiere aus dem 3. Kap. Mai

Es war ein schöner Spaziergang gewesen, mit Ida und den Kindern. Ein langer Tag. Feiertags-stimmung, Pfingstfeststimmung. Alles wirkte ausgeruhter, harmonischer. Wieder allein, fand ich es seltsam, wie sehr ich an Pfingsten darauf achtete, ob man sich verstanden hatte oder ob man nur wieder alles gegeben hatte, um sich in Szene zu setzen. Warum sollte es heute besser klappen, geklappt haben? War das nicht Aberglaube? Das Gleiche an Weihnachten oder Ostern. Es sind diese Ansprüche an den Tag selber, Tag mit Anspruch. Film mit was? Action oder Anspruch? Horror oder Gefühl. Mit Anspruch, bitte. Feiertagsanspruch...


Manuela Fuelle, Luftbad Oberspree, Derk Janßen Verlag, S. 33

Freitag, 12. Mai 2017

Dann wird Frühling sein

Unsere Flüge durch die Welten dieser Schöpfung
werden eines Tages zu Ende sein.
Der Mensch, wenn er gänzlich erschöpft ist,
wird schließlich zu Dir zurückkommen, o Gott.

Ich konnte weder ein Lächeln in den Blumen
noch Licht in den Sternen finden -
bis ich Dich traf, o Geliebter,
gab es nirgendwo Freude.

Wenn die Blumen der Kirchen, Moscheen und Tempel zusammen erblühen,
wird Frühling sein
in Deinem Garten, o Herr.


Rajinder Singh, in: Das große Buch der Mystik, 2005.

Freitag, 28. April 2017

Unsere Götter...

Vor einiger Zeit schon WIR gelesen von Jevgenij Samjatin. Er hat sicherlich alle anderen Autoren dystopischer Romane geprägt, und ich staunte nur, warum ich ihn so spät entdeckte. Der Roman wurde schon 1920 geschrieben. Samjatin - Revolutionär der ersten Stunde - war enttäuscht von dem, was sich in Russland tat und schrieb diese bittere Satire. Natürlich hatte er in Russland keine Chance, die Russen quälten ja immer schon ihre Künstler zu Tode oder jagten sie ins Exil oder die Verbannung, was einem Todesurteil gleichkam. Dazu an anderer Stelle (fuellworte). Hier auf diesem der Literatur und Theologie gewidmeten Blog ein kleines Zitat, welches die Stimmung gut zeigt:

Unsere Götter sind hier auf Erden, sie stehen neben uns im Büro, in der Küche, in der Werkstatt, im Schlafzimmer; die Götter sind wie wir geworden, also sind wir wie Götter geworden. Liebe Leser auf fernen Planeten, wir werden zu Ihnen kommen, damit Ihr Leben ebenso göttlich-vernünftig und exakt wie das unsere wird... 


aus: J. Samjatin, WIR. Ganymed Edition, 2015.

Dienstag, 28. März 2017














Frühlingsglaube

Ludwig Uhland

Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muss sich alles, alles wenden.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch kommen mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun armes Herze, vergiss die Qual!
Nun muss sich alles, alles wenden.

Mittwoch, 15. März 2017

Ja, genau


Eugen Roth

Lebenszweck

Ein Mensch, der schon als kleiner Christ
Weiß, wozu er geschaffen ist:
"Um Gott zu dienen hier auf Erden
Und ewig selig einst zu werden!" -
Vergißt nach manchem lieben Jahr.
Das Ziel, das doch so einfach war,
Daß heißt, das einfach nur geschienen
Denn es ist schwierig, Gott zu dienen.







aus: Eugen Roth für Zeitgenossen, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 6.Aufl. 2008, S. 18.

Samstag, 11. Februar 2017

Vor einiger Zeit gelesen: Charlotte Bronte, Shirley (1849)

Daraus eine Kostprobe:
Caroline war Christin, deshalb suchte sie bei seelischen Nöten ihre Zuflucht im Gebet, flehte um Geduld, Stärke, Linderung. Diese Welt aber, das wissen wir alle, ist ein Ort der Heimsuchung, und selbst wenn ihre Bitten vielleicht schon erhöhrt worden waren, schien es ihr, als ob sie ungehört verhallt wären. Manchmal glaubte sie, Gott habe sein Angesicht von ihr abgewendet, und in manchen Augenblicken wähnte sie sich von ihm verworfen und stürzte in Abgünde der Verzweiflung. Die meisten Menschen haben wohl in ihrem Leben einmal einen solchen Anfall von Verzweflung gehabt, nachdem sie sich lange und aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz an eine Hoffnung geklammert hatten, ohne den Tag ihrer Erfüllung zu erleben....
Aber mögen doch alle, die da Leid tragen, festhalten an der Liebe und am Vertrauen zu Gott. Er wird sie niemals verlassen, noch sich endültig von ihnen wenden. 

Und da bricht mein Zitat ab, aber der Erzählstrom und Carlotte Brontes Lust aus der Bibel zu zitieren bricht nicht ab. Ich wollte es uns Heutigen nicht zumuten, habe es mir aber anders überlegt. Ja, ja ja, die Wahrheit ist zumutbar!!! Damit sollten zumindest die Künstler und Schriftsteller leben können! Ich fahre also fort: "Denn welchen der Herr liebhat, den züchtigt er". Diese Worte sind wahr und man sollte sie nicht vergessen. Uns klingen diese Bibelverse schnell etwas zynisch, meist zu schnell. Denn der Versuch, sich das Leiden zu erklären, Scheitern zu ertragen, Sterblichkeit und Krankheit zu dulden, steckt darin. Und zwar, ohne sich von Gott lösen zu müssen.

Charlotte Bronte (1816-1855) war eine Kämpfernatur, doch sie hat viel Leid ertragen müssen. Sie war die älteste von drei Schwestern, arbeitete u.a. als Lehrerin und Gouvernante, nachdem sie in Brüssel an einer Privatschule studiert hatte. In ihren Romanen Der Professsor und Vilette verarbetet sie Erlebnisse aus dieser Zeit. Der bekannteste ihrer Romane ist Jane Eyre.  

aus: Charlotte Bronte, Shirley, Insel Verlag 2016. 


  

Montag, 24. Oktober 2016

Gefunden !

Neue Liebe  (Eduard Mörike)

Kann auch ein Mensch des andern auf der Erde
Ganz, wie er moechte, sein?
– In langer Nacht bedacht ich mirs, und musste sagen, nein!

So kann ich niemands heissen auf der Erde,
Und niemand waere mein?
– Aus Finsternissen hell in mir aufzueckt ein Freudenschein:

Sollt ich mit Gott nicht koennen sein,
So wie ich moechte, Mein und Dein?
Was hielte mich, dass ichs nicht heute werde?

Ein suesses Schrecken geht durch mein Gebein!
Mich wundert, dass es mir ein Wunder wollte sein,
Gott selbst zu eigen haben auf der Erde!


Neue Liebe, aus: Sämtliche Werke, Max Hesses Verlag, Leipzig 1905.


Montag, 12. September 2016

Der Mensch aber

Aurora oder Morgenröte im Aufgang

Schon vor vielen Jahren wollte ich Jacob Böhme lesen, doch bis jetzt kam es nicht dazu. Anfänge gab es schon. Der Trailer (s.u.) hat mich wieder daran erinnert und mehr noch - er hat durch seine besondere Art etwas Inspirierendes. Hab mir heute den ganzen Film bestellt und mit der Lektüre von Aurora begonnen. Einige Zitate werden wieder als Brosamen aus dem Buch fallen:

aus der Vorrede:

14. Nun gleichwie in der Natur Gutes und Böses quillet, herrschet und ist, also auch im Menschen. Der Mensch aber ist Gottes Kind, den er aus dem besten Kern der Natur gemacht hat, zu herrschen in dem Guten und zu überwinden das Böse. Ob ihm gleich das Böse anhanget, gleichwie in der Natur das Böse am Guten hanget, so kann er doch das Böse überwinden. So er seinen Geist in Gott erhebet, so quillet in ihm der Heilige Geist und hilft ihm siegen. 


96. Es ist aber der Geist des Menschen nicht allein aus den Sternen und Elementen herkommen, sondern es ist auch ein Funke aus dem Licht und Kraft Gottes darinnen verborgen. Es ist nicht ein leer Wort, das in Genesis (1,21) stehet, Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, ja zum Bilde Gottes schuf er ihn; denn es hat eben den Verstand, daß er aus dem ganzen Wesen der Gottheit ist gemacht worden.

97. Der Leib ist aus den Elementen, darum muß er auch elementische Speise haben. Die Seele hat ihren Ursprung nicht allein vom Leibe. Und ob sie gleich in dem Leibe entstehet und ihr erster Anfang der Leib ist, so hat sie doch ihren Quell auch von außen in sich durch die Luft; auch so herrschet darinnen der Hl. Geist nach Art und Weise wie er alles erfüllet und wie in Gott alles ist und Gott selber alles ist.

98. Darum, weil der Hl. Geist in der Seelen kreatürlich ist als der Seelen Eigentum, so forschet sie bis in die Gottheit auch in der Natur; denn sie hat aus dem Wesen der ganzen Gottheit ihren Quell und Herkommen. Wenn sie vom Hl. Geiste angezündet wird, so siehet sie, was Gott ihr Vater machet, gleichwie ein Sohn im Hause wohl siehet, was der Vater machet. Sie ist ein Glied oder Kind in des himmlischen Vaters Hause.

99. Gleichwie das Auge des Menschen siehet bis in das Gestirne, daraus es seinen anfänglichen Ursprung hat, also auch die Seele siehet bis in das göttliche Wesen, darinnen sie lebet.

aus dem 2. Kapitel:
3. Denn die Sanftmut in der Natur ist eine stille Ruhe, aber die Grimmigkeit in allen Kräften machet alles beweglich, laufend und rennend, dazu gebärend. Denn die treibenden Qualitäten bringen Lust in alle Kreaturen zum Bösen und zum Guten, daß sich alles untereinander begehret, vermischet, zunimmt, abnimmt, schön wird, verdirbet, liebet, feindet.

aus dem 3. Kapitel:

15.Der Sohn aber ist das Herze in dem Vater. Alle Kräfte, die in dem Vater sind, die sind des Vaters Eigentum, und der Sohn ist das Herze oder der Kern in allen Kräften in dem ganzen Vater. Er ist aber die Ursache der quellenden Freuden in allen Kräften in dem ganzen Vater. Von dem Sohn, der da ist des Vaters Herze in allen seinen Kräften, steiget auf die ewige himmlische Freude und quillet in allen Kräften des Vaters. Eine solche Freude, die kein Auge gesehen und kein Ohr gehöret hat und in keines Menschen Herze nie gestiegen ist, wie St. Paulus saget 1.Kor 2,9. 

37. Ihr saget, es sei ein einig Wesen in Gott; Gott habe keinen Sohn. Nun tue die Augen auf und siehe dich selber an: Ein Mensch ist nach dem Gleichnis und aus der Kraft Gottes in seiner Dreiheit gemacht. Schaue deinen inwendigen Menschen an, so wirst du das hell und rein sehen, so du nicht ein Narr und unvernünftig Tier bist. So merke: In deinem Herzen, Adern und Hirne hast du deinen Geist. Alle die Kraft, die sich in deinem Herzen, Adern und Hirne beweget, darinne dein Leben stehet, bedeutet Gott den Vater. Aus derselben Kraft empöret sich dein Licht, daß du in derselben Kraft siehest, verstehest und weißt, was du tun sollst; denn dasselbe Licht schimmert in deinem ganzen Leibe und beweget sich der ganze Leib in Kraft und Erkenntnis des Lichtes, das bedeutet Gott, den Sohn. Denn gleichwie der Vater den Sohn aus seiner Kraft gebäret und der Sohn leuchtet in dem ganzen Vater, also auch gebäret die Kraft deines Herzens, deiner Adern und deines Hirnes ein Licht, das leuchtet in allen deinen Kräften, in deinem ganzen Leibe. Tue die Augen deines Gemütes auf und denke ihm nach, so wirst du es also finden.

aus: Jacob Böhme, Aurora oder Morgenröte im Aufgang, 1612.

Donnerstag, 4. August 2016

Geh über die Dörfer...

Nova

Spiele das Spiel. Gefährde die Arbeit noch mehr. Sei nicht die Hauptperson. Suche die Gegenüberstellung. Aber sei absichtslos. Vermeide die Hintergedanken. Verschweige nichts. Sei weich und stark. Sei schlau, lass dich ein und verachte den Sieg. Beobachte nicht, prüfe nicht, sondern bleib geistesgegenwärtig bereit für die Zeichen. Sei erschütterbar. Zeige deine Augen, wink die andern ins Tiefe, sorge für den Raum und betrachte einen jeden in seinem Bild. Entscheide nur begeistert. Scheitere ruhig. Vor allem hab Zeit und nimm Umwege. Lass dich ablenken. Mach sozusagen Urlaub. Überhör keinen Baum und kein Wasser. Kehr ein, wo du Lust hast, und gönn dir die Sonne. Vergiss die Angehörigen, bestärke die Unbekannten, bück dich nach Nebensachen, weich aus in die Menschenleere, pfeif auf das Schicksalsdrama, missachte das Unglück, zerlach den Konflikt. Beweg dich in deinen Eigenfarben, bis du im Recht bist und das Rauschen der Blätter süß wird. Geh über die Dörfer. Ich komme dir nach. 

aus: Peter Handke, Über die Dörfer, Dramatisches Gedicht, 1981, Suhrkamp, S. 19.

Sonntag, 19. Juni 2016

Einladung 26. Juni 2016 - 18:00 Uhr

Am So 26. Juni 2016-18:00 Uhr 
im Gemeindesaal der Friedenskirche !!!! liest Hartwig Kluge aus: 

Klaus Kordon - "Krokodil im Nacken" und kommt anschließend mit uns ins Gespräch. Hartwig Kluge ist Aktiver des Zeitzeugenprogramms der DDR und wird auch über eigene Erlebnisse berichten. 


Zum Roman: Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis: »Das wichtigste deutsche Jugendbuch in diesem Herbst!« DER SPIEGEL
Das Meisterwerk von Klaus Kordon. Erzählt wird die bewegende Lebensgeschichte von Manfred Lenz, der nach einem missglückten Fluchtversuch aus der DDR ein Jahr in Stasi-Gefängnissen verbringt. Ein Zeitpanorama, wie es spannender nicht sein könnte.
Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen, Zelle 102. Hier sitzt Manfred Lenz. Seine Frau Hannah ist ebenfalls inhaftiert, die Kinder Silke und Michael sind im Heim untergebracht worden. Ein missglückter Fluchtversuch aus der DDR hat die Familie auseinander gerissen. Die Zeit im Gefängnis bedeutet Einsamkeit, Schikanen und endlose Stasi-Verhöre. In seiner Isolation lässt Manfred Lenz sein bisheriges Leben Revue passieren: Die Kneipe am Prenzlauer Berg, in der er nach dem Krieg aufgewachsen ist, der Einmarsch der sowjetischen Truppen auf dem Potsdamer Platz, der Tod der Mutter, das Kinderheim, das Jugendwohnheim - und dann die nur ein paar hundert Meter entfernte Grenze nach Westberlin.
Der große Roman erzählt mit bestechender Authentizität deutsch-deutsche Zeitgeschichte.

Donnerstag, 16. Juni 2016

Wie ein Festgewand

Jesus Sirach  (2.Jh. v.Chr.)

Laß deine Füße von der Weisheit fesseln
 und ihr Halseisen dir um den Hals legen.
Beuge deine Schultern, nimm sie auf dich.
 und sperre dich nicht gegen ihr Bande.
Wende dich ihr zu von ganzer Seele
 und halte ihre Wege ein mit aller deiner Kraft.
Forsche nach ihr und suche sie, so wirst du sie finden.
 und wenn du sie ergriffen hast,
 so laß sie nicht mehr los.
Denn am Ende wirst du Trost an ihr haben,
 und dein Leid wird in Freude verwandelt werden,
und ihre Fesseln werden zum starken Schutz
 und ihr Halseisen zum herrlichen Schmuck für dich.
Denn ihr Joch wird zum goldenen Stab
 und ihre Bande zu Purpurbändern.
Wie ein Festgewand wirst du sie anziehen
 und als schöne Krone sie dir aufsetzen. -


Jesus Sirach 6, 25-32, in: Apokryphe Schriften. Nach der deutschen Übersetzung Martin Luthers (rev. Text) 1971 Württemberische Bibelanstalt Stuttgart.