Dienstag, 10. Mai 2016

Saure Trauben, stumpfe Zähne

Roter Flieder von Reinhard Kaiser-Mühlecker

Normalerweise lasse ich mich nicht von großen epischen Familiendramen, selbstverständlich über mehrere Generationen reichende, sechshundert Seiten lange, auserzählte, detailverliebte, rauschaft erzählte und zu lesende etc. einfangen, aber Kaiser-Mühlecker hat es doch geschafft.

"Roter Flieder" ist ein Meisterwerk, das uns nicht nur in den Kosmos einer Familie eintauchen lässt, sondern uns zudem über sechshundert Seiten lang eine Frage auferlegt: vererbt sich Schuld. Denn der NS Ortsgruppenführer Goldberger hat Schuld auf sich geladen und andere haben ihn dafür verflucht. Aber hat ihn auch Gott verflucht? Straft Gott bis ins siebte Glied oder ist das inzwischen alter Aberglaube, überflüssige Rede vom zornigen Gott, die längst abgelöst worden ist vom Glauben an den gnädigen. Oft genug erinnerte ich mich an die Bibelstelle beim Propheten Hesekiel: "Was habt ihr unter euch im Lande für ein Sprichwort: Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden". So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel." (Hes 18,2)

Auch er (Paul Goldberger) glaubte an manches, was nicht durch Vernunft oder Erfahrung zu erklären war. Und eigentlich waren es sogar diese Dinge, die die wichtigsten, bestimmenden in seinem Leben waren. Doch für Phänomene, die man im Grunde problemlos erklären konnte, wenn man sich nur ein wenig anstrengte, eine übernatürliche Erklärung heranzuziehen, verabscheute er. Es war nicht Dummheit; es war Wissenwollen, ohne bereit zu sein zu lernen: Es war Faulheit. 

Reinhard Kaiser-Mühlecker, Roter Flieder, Fischer Verlag 2014, S. 503.  

 

Montag, 28. März 2016

Muntermacher Kuhlmann

Seit fünfundzwanzig Jahren begleitet mich der warmherzige, verrückte, begeisterte, geistreiche, überfromme, langmütige, sanfte und doch auch kämpferische Quirinus Kuhlmann (1651-1689) auf meiner kurzen Pilgerreise durchs Leben. Gestern nahm ich ihn nach einem feierlichen Ostergottesdienst wieder zur Hand und las mich fest. Er war Poet und Mystiker und eigentlich auch Märtyrer, denn er wurde schließlich bei einer seiner Missionsreisen in Moskau verbrannt (denunziert von einem Lutheraner). Wenn uns die Welt mit ihren aktuellen Nachrichten und die Menschen, die darin toben, wieder einmal zum Rätsel werden, dann sprechen uns vielleicht gerade die Barockgedichte an. Deshalb hier ein Auszug aus dem Kühlpsalter 5 (80) Dritter Teil: 

Verschling den Tod in unser Hoellenfarth!
Entkerker ernst, vvas eingekerkert vvard!
Stos ab vom Stuhl den Drach in seinem haus:
Befessel ihn im selbstgewekktem graus.
Entreis in uns dem Cherub schvverdt und thor:
Es komm im Sig di Bundeslin empor!
Den andern sei stat unruh ruh geschenkt!
Auf predige den Geistern, di bekraenkt!
Auf, loes uns auf vom Schlaf und der Natur!
Auf, auf! Auf, auf! Es schallt di letzte uhr.   

Steh auf, steh auf! Erschrekk der Hütter schaar!
Steh auf in uns! Hinweg ist di gefahr!
Der Tod ist todt! Das Grab des Grabs ist da!
Triumf, Triumf! Triumf! Halleluja! 
Dein Engel bring die Auferstehungs-post!
Ich schmeck in dir, du mir die neue kost!
Auf, sigle auf dreieinig alle ding!
Versigle mich mit deines Geistes Ring.
Du hast in mir mich ewigst dir vertraut.
Du bleibest mein; ich bleibe deine Braut.

Freitag, 25. März 2016

Karfreitagsgebet

Hildegard von Bingen

Schmerzliche Pilgerschaft

Ich irre umher im Schatten des Todes
als Pilger im fremden Land;
mein Trost ist das Ziel der Wanderschaft

Gefährtin der Engel sollte ich sein,
dein lebendiger Hauch, o Gott, im Lehm.
Müßt ich dich nicht erkennen und spüren?

Weh mir, mein Zelt hat nach Norden 
das Auge des Leibes gerichtet!
Gefangen wurde ich dort und -ach!
des Lichtes beraubt und der Freude am Wissen,
mein ganzes Gewand ward zerissen !
Aus meinem Erbe vertrieben
führte man mich in die Knechtschaft

Wo bin ich, wie kam ich hierher?
Wer tröstet mich in der Gefangenschaft?
Wie kann ich diese Ketten zerreißen?
Wer schaut wohl nach meinen Wunden,
wer salbt sie mit Öl und erbarmt sich?

O Himmel, erhöre mein Rufen,
du Erde bebe vor Trauer mit mir!
Ein Fremdling bin ich ohn' Trost und Hilfe. 

Donnerstag, 17. März 2016

Stundenbuch

Rainer Maria Rilke

Erstes Buch

Das Buch vom mönchischen Leben (1899)


Da neigt sich die Stunde und rührt mich an
mit klarem, metallenem Schlag:
mir zittern die Sinne. Ich fühle: ich kann –
und ich fasse den plastischen Tag.
Nichts war noch vollendet, eh ich es erschaut,
ein jedes Werden stand still.
Meine Blicke sind reif, und wie eine Braut
kommt jedem das Ding, das er will.
Nichts ist mir zu klein und ich lieb es trotzdem
und mal es auf Goldgrund und groß,
und halte es hoch, und ich weiß nicht wem
löst es die Seele los...


Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.




Dienstag, 8. März 2016

Requiem aeternam deo

Friedrich Nietzsche - Der tolle Mensch

Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "Ich suche Gott! Ich suche Gott!"
Da dort gerade viele von denen zusammen-standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verlorengegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? 

Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? - so schrien und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. "Wohin ist Gott?" rief er, "ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet - ihr und ich! Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an?
Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? - auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?

Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet - 
wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Tat - und wer nun immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!" Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. "Ich komme zu früh", sagte er dann, "ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert - es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne - und doch haben sie dieselbe getan!" - Man erzählt noch, dass der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedenen Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: "Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?"



aus: Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft.

p.s. ich liebe diesen Text. Er hat trotz der Zweifel, die er klar ausspricht, meinem Glauben nie geschadet. Im Gegenteil. 

Montag, 8. Februar 2016

Einladung: Musik und Wort zur Passion

Passionszeit: Nacht der Seele, der Gottesferne- und finsternis für Christus am Kreuz und für alle, die ihm nachfolgen in Gedanken des Zweifels, Musik der Angst. Doch im Klang der Verzweiflung ist noch Sehnsucht, manchmal Trost. 

Jean Paul entwirft in seinem Ersten Blumenstück – Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei die schrecklichen Szenen eines Albtraumes, die genau diese Passionsangst zum Ausdruck bringt. Sein Christus spricht: „Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein Schatten wirft, und schaute den Abgrund und rief: Vater, wo bist du? Aber ich hörte nur den ewigen Sturm...“

Diese Nacht der Seele ist auszuhalten; ebenso die Gedanken eines großen Zweiflers, Friedrich Nietzsche, der seinen tollen Menschen einsam durch die Straßen laufen lässt, beladen mit tausend Fragen, die er uns stellt. 

So fragt auch Pessoa voller Sehnsucht: „Wo ist Gott, auch wenn er nicht existiert? Beten will ich und weinen, Verbrechen bereuen, die ich nicht begangen habe, Vergebung genießen wie eine nicht wirklich mütterliche Liebkosung.“


C.P.E. Bach: Rondo a-moll Wq 56, W.A. Mozart: Rondo a-moll KV 511, F. Schubert: Moment musical cis-moll op.94 Nr.4, Enno Kastens Hab keine Angst und Ins Innere, F. Mompou: Angelico, aus: Musica Callada.
Texte von Jean Paul: Rede des toten Christus, aus: Blumenstücke, Friedrich Nietzsche: Der tolle Mensch und Fernando Pessoa, Auszüge: Buch der Unruhe.

mit Manuela Fuelle, Texte
Enno Kastens, Hammerklavier


Musik und Wort zur Passion„Rede des toten Christus“ (Jean Paul)
Sonntag, 28.02.2016 – 17.00 h
Friedenskirche Freiburg (Hirzbergstr.1, FR-Wiehre)
Eintritt frei - Spende erbeten


Mittwoch, 13. Januar 2016

Epiphanien

Vor 75 Jahren starb der größte Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, krank und nach all den Jahren der harten Schreibarbeit und des für ihn ebenso harten Existenzkampfes – erschöpft. Abermals - wegen des Zweiten Weltkriegs + des durch deutsche Truppen besetzte Frankreich – musste er weiter ziehen, zurück nach Zürich, wo er mit seiner Familie schon einige Jahre zuvor gelebt hatte. 
Am 13. Januar 1941 ist er dort – nur knapp einen Monat nach Ankunft – gestorben. Jeder der mich kennt, der weiß auch, wie sehr ich James Joyce verehre. Doch was soll er hier auf diesem Blog, der angeblich nur vom Dialog zwischen christlicher Religion und Literatur handelt. Dies ist nun eine Entdeckung (wenn mich mein Gedächtnis nicht schon wieder täuscht) dieser Tage. Alles von Joyce habe ich als säkulare Literatur gelesen. Nun trat aber beim Wiederlesen von Dubliner eine Lesart hinzu, denn zum ersten Mal wurde mir wirklich bewusst, dass die Geschichten ständig von Priestern und anderen Sündern erzählten, beinahe als wäre hier noch ein Jesuit am Werke. Man sollte nicht vergessen, dass Joyce vom sechsten Lebensjahr an Jesuitenschulen besucht hat, die sein theologisches Denken etwa ein Jahrzehnt lang schulten. Um die Eitelkeit der Welt ginge es in Dubliner, aber auch um die Lähmung, den Stillstand des Lebens. Doch es ist - wie bei JJ immer - mehr drin (nein, nicht dahinter). 


Gerade die Geschichte Gnade, eine der fünfzehn Episoden, hat es in sich. Alle zeichnen das Dunkel, die vergeblichen Versuche der Helden ihrer Dubliner Gefangenschaft zu entkommen. Oder löst sich die bittere Weltsicht in Gnade doch auf? Ich bin noch auf der Suche nach einer klaren Deutung. Bei meinen Recherchen zu Dubliner (quer durch die Biographien von Ellmann, Paris & Co, auch der schlechten von Rademacher) fand ich bei J. Paris dann ein beachtenswertes System (wieder?) und zwar: die ersten Kindheit und Jugendnovellen beschreiben den Zerfall der Kardinaltugenden Glaube, Liebe, Hoffnung; die folgenden sieben Geschichten kreisen um die sieben Todsünden: Hochmut, Geiz, Unzucht, Neid, Zorn, Völlerei und Trägheit. Dann versinkt Dublin in der vollständigen Nacht und die Tugenden Kraft, Gerechtigkeit, Mäßigkeit und Weisheit gehen unter. 

Was soll ich sagen. Es klingt etwas übertrieben, aber erstens, James Joyce ist es zuzutrauen, zweitens, es kommt irgendwie hin. Mir bleibt nur noch ein Zitat, doch für heut genug. 
   

Montag, 4. Januar 2016

Aus dem Paradieschen

Willkommen im Neuen Jahr, 


das in der Realität mit dem Zuspruch von Trost (Jahreslosung Jes 66,13 "Gott spricht: ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet" dazu später mehr) langen Spaziergängen, aber auch Schreckensnachrichten und Rohrbrüchen begann. Um der Sehnsucht nach dem Paradies Herr zu werden (sagt man das noch so?) kaufte ich ein neues Regal für meine kleine Bibliothek. Dann räumte ich das Zimmer auf und baute das Regal auf und ein.

Allein durch diese minimalen Handlungen und etwas Lektüre geströstet, grüße ich aus meinem Paradieschen mit einem meiner Lieblingszitate:





Jorge Luis Borges: 
“Das Paradies habe ich mir immer als eine Art 
            Bibliothek vorgestellt.”




Donnerstag, 17. Dezember 2015

Nach dem Weihnachtsmarkt

Nach dem Weihnachtsmarkt möchte Leo ein wenig über seine Berliner Eindrücke mit den Schwestern und der Mutter plaudern, doch es kommt anders. Die sich sorgende Mutter spricht wieder ein ernstes Wort mit dem Luftikus der Familie: 

"Ja, Mutter, das ist es ja gerade; da steckt ja gerade die Hoffnung, und ich muß beinahe sagen die Zuversicht. Wenn das Wunder gestern war, warum soll es nicht auch heute sein oder morgen oder übermorgen."
"Das klingt ganz gut, aber es ist doch nicht richtig. Sich zu Wunder und Gnade so stellen, als ob alles so sein müßte, das verdrießt den, der all die Gnade gibt, und er versagt sie zuletzt. Was Gott von uns verlangt, das ist nicht bloß so hinnehmen und dafür danken - und oft oberflächlich genug - er will auch, daß wir uns die Gnadenschaft verdienen oder wenigstens uns ihrer würdig zeigen und immer im Auge haben, nicht was so vielleicht durch Wunderwege geschehen kann, sondern was nach Vernunft und Rechnung und Wahrscheinlichkeit geschehen muß. Und auf solchem Rechnen steht dann ein Segen."
"Ach, Mama, ich rechne ja immerzu."
"Ja, du rechnest immerzu, freilich, aber du rechnest nachher, statt vorher."

Was mir an dieser Mutter-Rede so gut gefällt ist, dass Fontane hier schon eine Kritik an der sogenannten billigen Gnade entwickelt, die später Dietrich Bonhoeffer entfalten wird.



aus: Theodor Fontane, Die Poggenpuhls, Nymphenburger 1978, S. 325.

Montag, 7. Dezember 2015

Fuelle auf dem Gabentisch !

Liebe Leserinnen und Leser,

da ich viele Stunden im Jahr an diesem privaten Blog arbeite, lade ich meine Leserinnen und Leser ein DANKE zu sagen. Sie können mich und meine Arbeit unterstützen, indem sie meinen Roman "Fenster auf, Fenster zu" kaufen. 

"... damit sie Leben haben, leben in reicher Fuelle" Joh 10,10

Vielleicht suchen Sie gerade ein passendes Weihnachtsgeschenk für die Familie.

Natürlich freue ich mich auf ein Wiedersehen, ich bin ja schon jetzt voller Vorfreude, am liebsten würde ich gleich losfahren zu einem unserer Familienfeste zum Beispiel, und ich hätte es schon vor Augen, alle zusammen an einem Tisch, wie früher. Ein gemeinsames Essen. Essen und Streiten. Oder Essen und Singen. Unser Vater macht diesen wunderbaren Kartoffelbrei aus der Tüte und singt seinen Hirtengesang, und wir sitzen im Kreis um den Elektrokocher...   

aus: Manuela Fuelle, Fenster auf, Fenster zu, Klöpfer&Meyer Verlag, Tübingen. 

Dienstag, 17. November 2015

Lesung am 29. November 2015 - 18:00

LiteraturRaum Kirche

Lesung & Musik in der Friedenskirche !

So 29. November 2015 – 18:00 Uhr
Die Autorin, Übersetzerin und Dozentin Maria Bosse-Sporleder liest neue, noch unveröffentlichte Geschichten und Auszüge aus ihrem Roman „Im fünften Koffer das Meer“

Die Lesung wird von Elisabeth Horzig
am Klavier begleitet

Wenn eine Kindheit in Ortswechseln, Flucht und Fremde ungesichert bleibt, können Erzählungen das Erlebte anders erfinden. Sprache und Phantasie für Lebensläufe belichten die Erinnerungen neu. Die Geschichten von Maria Bosse-Sporleder gewinnen so ihre eigentümliche Leichtigkeit.


Ort: Gemeindesaal Friedenskirche Freiburg
Hirzbergstraße 1, 79102 Freiburg

Eintritt frei - Spende erbeten.

Mittwoch, 28. Oktober 2015

Mut zur Mystik

Johannes Tauler (1300-1361 in Straßburg) forderte seine Brüder und Schwestern auf, mehr Mut zur Mystik zu entwickeln. Ist Mystik nicht etwas für Feiglinge? Nabelschau und Lehre der Hinterweltler? Ich denke, die Mystik benötigt noch heute Mut, Mut zum inwendig starken Glauben, einem Glauben der Friedfertigkeit und Liebe. Bei Tauler kann man den Ernst und die Wahrhaftigkeit seiner Reden beinahe hören, in jedem Fall aber hier lesen:

Corpus mysticum heißt: ein göttlicher Leib, dessen Haupt Christus ist. Dieser Körper besitzt viele Glieder. Das eine ist das Auge: es sieht den ganzen Leib, aber nicht sich selbst: ein anderes ist der Mund: er ißt und trinkt alles für den Leib und nicht für sich selbst: ebenso ist es mit der Hand, dem Fuß und so vielen verschiedenartigen Gliedern. Und jedes hat seine besondere Arbeit, und dies alles gehört zum Leibe und unter das eine Haupt. So ist denn unter der ganzen Christenheit kein Werk und sei es noch so gering und klein, wie etwa das Geläut der Glocken oder der Schein der Kerzen, das nicht zur Vollendung des inneren Werkes diene. 

Ihr Lieben, in diesem mystischen Leibe soll eine ebenso große Einträchtigkeit herrschen, wie ihr sie unter euren eigenen Gliedern herrschen seht: es soll kein Glied, als wenn es nur für sich selber da wäre, den anderen ein Leid oder eine Bedrängnis zufügen: es muß alle gleich sich selbst achten: alle müssen für jeden einzelnen, ein jeder für alle dasein. 

Und sollten wir in diesem mystischen Leibe ein Glied kennen, edler als wir uns selbst wissen, so sollten wir es mehr schätzen als uns selbst. 

aus: Emmanuel Jungclaussen, In den Spuren der Meister, Herder Verlag